Der neue Name

Ikone „Petrus und Andreas umarmen sich” - Geschenk von Patriarch Athenagoras I. an Papst Paul VI. in Erinnerung an ihre historische Begegnung in Jerusalem am 6. Jänner 1964.

IkoneAn ihrem jetzigen Aufbewahrungsort im Plenarsaal des Sekretariats für die Einheit der Christen in Rom - das Foto mit Generalpräsident Weihbischof Pierre Bürcher und Generalsekretär P. Kilian Karrer entstand im September 2002 während der GV der Catholica Unio - kündet sie vom ökumenischen Aufbruch zur Zeit des Zweiten Vatikanums und vom Beginn des „Dialogs der Liebe”. Die Umarmung der Brüder ist Auftrag und stille Mahnung an die Kirchen in Ost und West, den geschwisterlichen Dialog nicht zu verlassen.

Andreas der „Erstberufene” der Apostel
und Petrus der „Fels”

Ein apostolisches Brüderpaar, das für die Einheit der Universalkirche wie für die Begegnung zwischen Ost und West steht. - Die Landesorganisation der Catholica Unio für Österreich will ihre Tätigkeit im Dienste geschwisterlicher Begegnung mit den Kirchen des Ostens in Hinkunft mit dem Namen dieser beiden Apostel verbunden wissen und im besonderen ihrem Schutz anheimstellen.

Petrus und Andreas - Symbolgestalten der Universalkirche

„Der hl. Petrus versinnbildlicht die Kirche von Rom und letztlich die ganze Römisch-Katholische Kirche. Mit dem Apostel Andreas verbinden sich Geschichte und Gegenwart der traditionsreichen Kirche von Konstantinopel, des Ökumenischen Patriarchats und der ganzen Orthodoxen Kirche.” (Kardinal Johannes Willebrands) Als das Brüderpaar Simon und Andreas fernab von den Machtzentren des Römerreiches in ihrer Heimatstadt Bethsaida am See Gennesaret ihrem Broterwerb, dem Fischfang, nachgingen und jene Begegnung mit Jesus hatten, die ihr Leben von Grund auf ändern sollte (Mt 4,18-20; Mk 1,16-20; Lk 5,1-11), deutete noch nichts auf ihre künftige Rolle als Symbolträger einer zur Reichskirche aufgestiegenen Christenheit hin. Allerdings: Simon, der von seinem Herrn und Meister den Beinamen Petros (griechisch) bzw. Kephas (aramäisch) erhielt, was „Fels” bedeutet (Mk 3,16; Joh 1,42), ist von Anfang an und besonders nach der Auferstehung in der Geburtsstunde der Kirche die herausragende Gestalt des Jüngerkreises. Er war die treibende Kraft der von Jerusalem ausgehenden Mission, und wir finden ihn schließlich in der syrischen Metropole Antiochia wieder (Gal 2,11ff.), in der die junge Kirche den entscheidenden Schritt zu den Heiden wagte. Gemäß alter kirchlicher Tradition vollendete sich sein Lebensweg in Rom, wo er zur Zeit der neronischen Verfolgung 64 n. Chr. den Martertod fand. So farbig und plastisch uns die Gestalt des Petrus in den Schriften des Neuen Testaments entgegentritt, so knapp sind die Nachrichten über seinen Bruder Andreas. Den wichtigsten Anhaltspunkt über die Umstände seiner Berufung zum Jünger liefert Joh 1,35-42. Demnach war er es, der - als erster aus dem Kreis der Jünger Johannes des Täufers - zu Jesus fand und seinen Bruder Simon bei Jesus „einführte”. Sein weiterer Lebensweg kann nur aus legendarischer Überlieferung erschlossen werden. Die „Andreasakten” berichten davon, dass er das Evangelium in Gebieten südlich des Schwarzen Meeres (Pontos und Bithynien, vielleicht auch in Skythien), ferner in den unteren Donauländern (Thrakien) verkündete und zuletzt nach Griechenland (Epeiros, Achaia und Patras) kam, wo er am 30. November des Jahres 60 auf Befehl des Statthalters Aegeates den Martertod am Kreuz erlitt (Andreaskreuz!). Als Konstantin der Große das kleine, am Bosporus gelegene Städtchen Byzanz zur neuen Metropole des in seiner Hand vereinigten Reiches erhob, „entdeckte” man den apostolischen Ursprung der Kaiserstadt. Man bezog sich auf die Tradition, gemäß welcher Andreas in Byzanz einen Bischofssitz gegründet und den hl. Stachys als ersten Bischof eingesetzt habe, verwies diese Tradition aber in das Reich der Legende, denn niemand anderer als der Apostel selbst könne der erste Bischof der künftigen Kaiserstadt gewesen sein. Mit Andreas als erstem Missionar und Gründer der Kirche von Byzanz wusste man sich auf gleicher Stufe mit den vier bestehenden Patriarchatssitzen (Jerusalem, Antiochia, Rom, Alexandria), ja leitete aus der Tatsache, dass Andreas der erstberufene Jünger Jesu war, sogar eine Vorrangstellung ab. Um dem Kaiserhaus und der Apostelkirche, die als Grabeskirche für die Caesaren gedacht war, besonderen Glanz zu verleihen, ließ Kaiser Konstantius 356 die Reliquien des hl. Andreas dorthin überführen. Das Andreashaupt verblieb in Patras. Das Neue Rom hatte seine apostolische Gründergestalt gefunden, von der her sie ihre Rolle im Reigen der Patriarchate und vor allem ihr Verhältnis zum Alten Rom definierte. Andreas war zur Symbolgestalt aufgestiegen, in der sich eine lange, von Entfremdung und Rivalität, aber auch von Annäherung und Versöhnung geprägte Geschichte der Schwesterkirchen in Ost und West verdichtete.

Das Haupt des Apostels Andreas kehrt aus Rom nach Patras zurück

Im Jahr 1208, nach dem Kreuzzug von 1204, in dem Konstantinopel von den Lateinern zutiefst erniedrigt und die 1054 formell vollzogene Trennung eigentlich erst besiegelt worden war, brachte Kardinal Petrus von Capua die Gebeine des hl. Andreas nach Amalfi am Golf von Sorrent, wo sie bis zum heutigen Tage in der zu Ehren des hl. Andreas erbauten Wallfahrtskirche ruhen. Das Haupt des hl. Andreas verblieb 1400 Jahre lang an der Stätte seines Martyriums in Patras. Nach der Eroberung von Konstantinopel 1453 durch die Türken floh der Bruder des gefallenen Kaisers Konstantin XI. Thomas Paläologos nach Rom. Auf dem Weg in die Ewige Stadt war er auch nach Patras gekommen. Um das Haupt des hl. Andreas vor dem Zugriff der Türken zu retten, nahm er es mit sich und machte es Papst Pius II. zum Geschenk. Thomas erinnerte daran, daß Petrus und Andreas Brüder waren. Sollten sich nicht Rom und Byzanz wiederum verbrüdern, um in schwerer Stunde einem drohenden Schicksal gemeinsam entgegenzuwirken? Die Entgegennahme der Reliquie am Palmsonntag des Jahres 1462 gestaltete sich zu einem glanzvollen Fest im Stil der Renaissance. Papst Pius II. legte das Haupt in die Confessio der Peterskirche und erflehte gemeinsam mit Kardinal Bessarion den Beistand der Apostelbrüder im Kampf gegen die Türken. Dann gab er das feierliche Versprechen: „Du Andreas hast Dich zu Deinem Bruder, dem Apostelfürsten geflüchtet. Wenn Gott es will, sollst Du in vollen Ehren in das Dir angestammte Land zurückgebracht werden.” Erst Papst Paul VI. sollte im Zeichen des ökumenischen Aufbruchs der Konzilsära die Gelegenheit wahrnehmen, das Versprechen seines Vorgängers einzulösen. Ohne Zögern reagierte der Papst auf das Schreiben des Metropoliten Konstantin von Patras vom 2. Juni 1964, in dem dieser die Rückgabe des Andreashauptes erbat. Die kostbare Reliquie wurde am 23. September 1964 während der 3. Sitzungsperiode des II. Vatikanischen Konzils im Rahmen einer feierlichen Liturgie verabschiedet. Kardinal Franz König, der die Festpredigt hielt, schloss mit den Worten: „Selige Apostel Petrus und Andreas, bittet für das ganze christliche Volk, dass der Friede und die wahre Eintracht bewahrt bleiben unter allen Völkern.” Noch am selben Tag wurde die Reliquie in der römischen Kirche S. Andrea della Valle, in der Papst Pius II. begraben ist, zur Verehrung ausgesetzt. Am 26. September 1964 erfolgte durch Kardinal Augustin Bea die feierliche Übergabe an die Metropolitankirche von Patras. Mit welch begeisternder Zustimmung die Übergabe des Andreashauptes in der Schwesterkirche aufgenommen wurde, zeigt sich schon an der Tatsache, daß der 26. September zu Ehren des Andreashauptes in ganz Griechenland zum religiösen Feiertag erklärt wurde. Der Ökumenische Patriarch Athenagoras telegraphiert an Papst Paul VI.: „Die ganze Orthodoxie freut sich. Wir drücken persönlich unseren brüderlichen Dank aus und bitten den Herrn durch die Fürsprache seiner Apostel Petrus und Andreas, unsere die Einheit herbeisehnenden Schwesterkirchen zu segnen.”

Ost und West im Zeichen brüderlicher Begegnung

Zum Epiphaniefest des Jahres 1964 fand die denkwürdige Begegnung zwischen dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras und Papst Paul VI. in Jerusalem statt, die einen Schlussstrich unter Jahrhunderte der Entfremdung und Trennung zwischen Ost und West zog und den „Dialog der Liebe” ins Leben rief.

Ein Bronzerelief am Tor der Kirche des St. Paul's Memorial in Damaskus, das anlässlich des historischen Besuches und der historischen Begegnung von Papst Paul VI. gestiftet wurde, erinnert an dieses denkwürdige Ereignis. Erinnerungen an die ursprüngliche Verbundenheit der beiden apostolischen Patriarchate in der Frühzeit des Christentums wurden lebendig. Beseelt von Respekt und Ehrerbietung vor der Tradtion des Bruders in Christo gingen der Nachfolger auf dem Stuhl des Apostels Petrus und der Nachfolger auf dem Stuhl des Apostels Andreas aufeinander zu und umarmten sich. Zum Gedenken an diese Sternstunde der Ökumene schenkte Athenagoras Paul VI. eine zu diesem Anlass gemalte Ikone: Christus segnet aus himmlischer Höhe Andreas und Petrus, die sich brüderlich umarmen. Das Petrus- und Andreas-Kreuz sollen uns daran erinnern, dass beide Apostel im Tod ihrem Herrn und Meister gleichförmig wurden. Die Umarmung verweist auf die tiefe Verbundenheit der Apostelbrüder und will den Kirchen ihre Zielsetzung klar vor Augen stellen. Die von Paul VI. und Athenagoras initiierte brüderliche Begegnung fand ihre Fortsetzung im Brauch gegenseitiger Besuche zum Patronatsfest der Schwesterkirche. Zum Peter- und Paulsfest am 29. Juni pflegt das Ökumenische Patriarchat eine hochrangige Delegation nach Rom zu entsenden. Der Vatikan entsendet seinerseits zum Andreasfest, das am 30. November im Phanar feierlich begangen wird, eine offizielle Vertretung. Zwei Besuche sind besonders hervorzuheben: Zum Andreasfest des Jahres 1979 erschien Papst Johannes Paul II. persönlich, um seinen bedrängten Bruder Demetrios seine Hilfe anzubieten. Damals fiel das bedeutsame, oft zitierte Wort des Papstes: „Wir müssen uns nicht so sehr fragen, ob wir die volle Communio verwirklichen können, sondern vielmehr, ob wir noch das Recht haben, getrennt zu leben.” 1997 sollte anläßlich des Papstbesuches in Österreich ein Patriarchentreffen stattfinden. Patriarch Alexij II. von Moskau und Ganz Rußland begab sich nach Österreich - Patriarch Bartholomaios I. sagte ab, und erstmals seit 30 Jahren entsandte der Phanar keine Delegation zum Peter- und Pauls-Fest nach Rom. Der gegenseitige Besuchsaustausch und die Ökumene insgesamt schien ins Stocken geraten. Trotzdem traf zum Andreasfest des Jahres 1997 eine Delegation unter Leitung von Kardinal Edward Cassidy, der auch Kardinal Christoph Schönborn angehörte, im Phanar ein. Als Zeichen des Versöhnungswillens überreichte Kardinal Schönborn, der zuvor Patriarch Aleksij I. besucht hatte, den kostbaren Kelch, der ihm als Präsent beim geplanten Patriarchentreffen in Wien zugedacht gewesen war. Als Dank überreichte der Ökumenische Patriarch dem engagierten Freund der Ostkirchen das Brustkreuz. Es war mit das Verdienst des Wiener Kardinals, dass Bartholomaios versprach, den Dialog weiterzuführen und durch das gemeinsame Feiern der Feste des hl. Petrus und des hl. Andreas die brüderliche Verbundenheit auch weiterhin unter Beweis zu stellen. Die Catholica Unio Österreich darf mit Stolz zu ihren neuen Patronen aufblicken, die einander umarmen und in dieser symbolträchtigen Geste Ansporn sind, aufeinander zuzugehen und im Dienste der Versöhnung zwischen West- und Ostkirche zu wirken. Es ist ihr sehnlichster Wunsch, dass die beiden Welten, in denen Andreas und Petrus das Licht des Glaubens entzündet hatten, sich wieder in christlicher Liebe und Eintracht zusammenfinden.

Alja Payer / Gottfried Glaßner OSB


  zum Seitenanfang