Die Türme von Manhattan
Wenn diese Zeilen erscheinen, wird die Suche nach den Terroristen und der Kampf gegen sie, zumindest im Hintergrund, zwar voll im Gange sein, aber "das Leben" wird wieder weitergehen und sich mehr oder weniger normalisiert haben - wahrscheinlich. Was ist noch zu sagen, was nicht längst gesagt worden ist? Neue, noch von niemand gefundene Worte der Empörung, der Betroffenheit, des Schmerzes, der Wut, der Aufregung, der Angst habe ich nicht - alle diese Worte hat längst irgendein Prominenter gesprochen. Alles oder fast alles, was gesagt wurde, ist mehr oder weniger zutreffend, insgesamt wahr. Überflüssig zu sagen, dass auch ich diese Anschläge verurteile. Erst recht stimme ich mit denen überein, die zur Besonnenheit, zum Maß-Halten und zum Friedens-Willen mahnen. Was lässt sich noch sagen? Vielleicht ist es gerade der kleine erste Abstand, der manches noch klarer zu sehen erlaubt.

I. Die Gottesfrage
Am Tag nach dem Attentat erhielt ich ein Email: "Das unglaubliche Attentat sollte auch Ihnen mit kristallklarer Deutlichkeit gezeigt haben: ES GIBT KEINEN GOTT!"
Das Argument ist nicht neu, schon Voltaire bediente sich seiner: Wenn so viele Menschen plötzlich und tragisch sterben wie - zu seiner Zeit - beim Erdbeben in Lissabon und heute in Manhattan, beweise dies die Nicht-Existenz Gottes.
Der Tod als Argument gegen Gott? Der Tod überhaupt oder erst und nur der sensationelle, durch die Fernseh-Bilder tief in die Seele geprägte Tod, der Tod, der auch unser Tod hätte sein können? Ist es dieser Tod, der uns nach Gott fragen oder an Ihm zweifeln lässt? Erst jetzt? Die Liste der Tode in der Geschichte, die Manhattan an Zahl und Grausamkeit bei weitem übertreffen, ist lang. Aber wir bedürfen ihrer nicht: jeder einzelne Tod, ob schnell oder langsam, jung oder alt, erwartet oder unerwartet, stellt uns die Frage: Kann ein guter, liebender Gott "das" mit uns Menschen machen?
Der Glaube sagt: "Das" hat nicht Gott mit uns gemacht, die Menschen selbst haben "es" mit sich gemacht, sehenden Auges haben sie sich ihn zugezogen, den Tod. Er ist ja nichts anderes als das sinnenfällige "Gesicht" der Sünde, sozusagen ihre Körpersprache: das, was körperlich geschieht, wenn der Mensch von Gott abfällt. Schrecklich, nämlich zuerst die Sünde, erst dann ihre Folge. Deshalb ist nicht zu erwarten, und die jüdisch-christliche Offenbarung hat es nie behauptet, dass der Tod immer nur ganz sanft und höflich angemeldet über uns kommen werde. Er ist Folge der Sünde, weder liebenswürdig, zärtlich oder sonst irgendwie angenehm. Die Katastrophe von Manhattan stellt nicht Gott in Frage, sondern uns und unsere Haltung zu Gott.
Aber der Glaube sagt noch etwas: Seit den Ereignissen mit Jesus ist der Tod zwar immer noch Folge der Sünde, aber nicht nur. Er ist auch Tor zur Ewigkeit.
Bezeichnenderweise sind es vor allem die Ungläubigen, die das Ereignis von Manhattan als Bestätigung ihres Unglaubens deuten. Ein Grund ist wohl auch der: Der Tod ist für sie etwas anderes als für den Gläubigen. Sie meinen, er sei der Absturz ins schwarze Loch des Nicht-mehr-Seins, die Auslöschung des Menschen schlechthin. Angesichts dessen verstehe ich die Frage: Wozu hat der Mensch gelebt, wenn er mit dem Tod aufhört zu existieren wie sein Leib, der sich in die Bestandteile auflöst, wenn er also buchstäblich "weg" ist, "weg" aus dem Sein selbst und nicht nur aus dieser Welt? Wenn es so wäre, hätte die Frage eine gewisse Berechtigung: Kann es sein, dass Gott so etwas Sinnloses und vielleicht sogar Ungerechtes macht?
Der Tod der Atheisten hat den "Stachel" des sinnlosen "Alles ist aus!" und führt folgerichtig zur Atheisten-Frage nach Gott. Aber durch die Auferstehung, sagt Paulus, hat der Tod seinen "Stachel" verloren, und der Unterschied zwischen dem "Tod mit Stachel" und dem "Tod ohne Stachel" ist der zwischen Absturz ins Nichts und Hinübergehen zu Gott.
Folgerichtig sind Gläubige nicht so erschüttert wie "die, die keine Hoffnung haben" (Paulus über die Trauer). Die Augen dessen mit Hoffnung schauen anders auf die brennenden Türme von Manhattan als die Augen des Hoffnungslosen. Beide weinen, aber der Gläubige folgt mit seinen Gebeten denen, deren Seelen unsichtbar, aber wirklich in die Ewigkeit vorausgehen, während der Atheist nur ihren Todessturz auf den Bildschirmen sieht.

II. Christen und Muslime
Eine andere Frage, die viele Menschen bewegt, ist die Beziehung zu den Muslimen. Zur Sicherheit seien die wichtigen Kernsätze zu diesem Thema festgehalten:
· Es wäre ungerecht und es wäre eine andere, sogar größere Art von Katastrophe als die Ereignisse selbst, wollten "die Guten" alle Araber und alle Muslime zu "Bösen" und "Schuldigen" erklären und dementsprechend behandeln. Die Bedrohung ist nicht der Islam, sondern der Terror (Kardinal Lehmann).
· Wenn wir Christen angesichts mancher Verbrechen, die im Lauf der Geschichte auch von Christen begangen wurden, sagen, man müsse zwischen dem guten Christentum und den bösen Taten mancher Christen unterscheiden, dann müssen wir diese Apologie auch den Muslimen zubilligen. Es scheint gefährliche oder mindestens leicht missdeutbare Stellen im Koran zu geben oder auch nur in der einen oder anderen muslimischen Tradition - Texte, in denen Keime zur Gewalt schlummern. Darüber wird man reden müssen, ebenso wie über "Koranschulen", die "Schulen des Hassens" sind, weiter über den Begriff des "heiligen Krieges", über das, was konkret damit gemeint ist, und nicht zuletzt über das heilige und grundlegende Recht auf Religions- und Gewissensfreiheit. Dennoch, vergleicht man das, was die Täter getan haben, mit dem, was sie "eigentlich" glaubten, könnte es sein, dass man sagen muss: Was sie getan haben, taten sie nicht weil, sondern obwohl sie Muslime waren. Möglicherweise trifft das auf den einen Islam zu, auf eine andere seiner Ausformungen aber nicht.
· Was jetzt im Blick auf die Muslime zu tun ist, zeigt nicht nur den Christen, sondern der ganzen Welt Johannes Paul II. auf seiner Reise nach Kasachstan; und seine muslimischen Gastgeber verstehen seine Sprache! Die Worte von Wungar Haj Omirbeg, des Sprechers der größten und schönsten Moschee von Kasachstan, muss man langsam lesen und wirklich auf sich wirken lassen: "Der Papst ist als guter und freundlicher Mensch bekannt. Er wird als Vater vieler Menschen und Völker betrachtet. Wir fühlen uns als Bürger des Landes Kasachstan geehrt, ihn empfangen zu dürfen. Dieser Besuch wird uns dabei helfen, uns bewusst zu machen, dass wir alle Kinder des einen Gottes sind. Wenn wir Gott dienen, dann sind wir miteinander vereint. Im Grunde ist es doch das einzige Ziel unseres Lebens, Gott zu dienen und den Frieden auf Erden aufzubauen." Man könnte den - uns allen neuen - Begriff des terrror-bereiten "Schläfers" umdrehen und sagen: Seht, es gibt auch "Gottes-Schläfer", Menschen, die aufwachen, wenn sie den Ruf des Hirten hören, und sich ihm zuwenden: Menschen, von denen man das viele Gute, das in ihnen schlummert, nie vermutet hätte.
III. Rache nein, Strafe ja
Am "Tag danach" ging die Angst um die Welt. "Ich habe ein Haus im Wald, da bin ich sicher", sagte mir eine Frau, und die Umstehenden lachten, aber ihr Lachen war irgendwie gequält, bei allen spürte man Angst, mit und ohne Waldhaus.
Auch wegen der Angst ruft man nach Vergeltung und Bestrafung der Schuldigen. Man sagt: Die Guten müssen die Bösen besiegen. Wer dabei "die Bösen" sind, ist zwar unklar, sicher aber ist, dass wir die Guten sind, wir, die Menschen im Westen.
Niemand bezweifelt, dass Schuldige bestraft werden sollten. Damit Strafe wirklich Strafe ist und nicht im Gegenteil neuer Terror, muss gelten:
· Bevor man straft, muss die Schuld des Täters erwiesen sein. Kein noch so großes Verbrechen setzt diesen Grundsatz außer Kraft. In diesem Punkt haben sogar die Taliban recht.
· "Rache" oder "Vergeltung" sind unmoralisch. Ihrem Wesen nach zielt Rache (ebenso wie "Vergeltung") auf persönliche, "kalt genossene" Befriedigung. Strafe hingegen will Gerechtigkeit, sie dient überraschenderweise dem Täter, nicht dem Opfer.
· Auch wenn die Täter von ihrer Sache überzeugt waren, gilt: Sogar wenn ihr Krieg gegen die USA ein "gerechter" wäre, ihre Mittel sind es nicht, sie lassen sich durch keinen noch so guten Zweck rechtfertigen. Dasselbe gilt für die Strafe: So groß ein Verbrechen auch sein mag, es macht nicht jedwedes Übel, das man dem Schuldigen antut, zur gerechten Strafe. Es legitimiert zum Beispiel nicht, irgendeinem Geheimdienst eine "Tötungslizenz" zu geben, und auch nicht dazu, jeden beliebige Zahl von Opfern als Preis für die Strafe in Kauf zu nehmen.
IV. Frage nach den Ursachen
Woher der Hass? Natürlich, es gibt - scheinbar - grundlosen Hass, Jesus selbst wurde Opfer solchen Hasses, und die Kirche weiß auch im Blick auf ihre Geschichte davon!
Aber abgesehen davon, dass auch der "grundlose Hass" seine Gründe hat: Zwar gibt es einen Hass, der "von außen" kommt und nicht Schuld der Amerikaner und überhaupt des Westens ist. Aber es gibt auch den "hausgemachten" Hass. Denn Macht ist immer auch eine Versuchung, große Macht eine große Versuchung und die Supermacht die Super-Versuchung. Nicht nur die Amerikaner, die ganze westliche Welt sollte nachdenken:
Sind die "Türme von Manhattan", als Symbol gesehen, nicht doch auch (nicht nur!) ein zweiter "Turm von Babel"? Baut die westliche Welt nicht schon seit Jahren (auch in Flachbauten...) an einer "neuen Weltordnung", die gott-los konzipiert ist und gott-los gelebt wird? Nicht "gegen Gott", aber ohne Gott. Erscheinungsformen dieser Gott-losigkeit gibt es viele:
· Angesichts der neuen Terrror-Methoden spricht man von einer "neuen Dimension" des Tötens. Ja, aber hat die "neue Dimension" des Tötens nicht längst anders und in viel gewaltigerem Umfang begonnen - damals nämlich, als man ausgerechnet die Mütter und Väter zu Tätern an ihren Kindern machte - gesetzeskonform und längst globalisiert?
· Inzwischen beginnt sich das Töten mit zwingender Logik auf alte Menschen und Embryonen auszuweiten. Gesellschaftliche Prozesse der "Meinungsbildung" begleiten die Entwicklung. Aber die Tafeln vom Berg Sinai bleiben unerwähnt, die Stimme der katholischen Kirche gilt als Meinung einer kuriosen Minderheit. Aber es gibt auch im Geistigen ein Gesetz der kommunizierenden Gefäße: Das Blut dessen, der sich ein Recht zum Blutvergießen anmaßt, wird früher oder später selber fließen.
· Mit Füßen getreten hat die reiche freie Welt auch seit Jahren die Liebe, die Treue, Ehe und Familie. Die Menschen bestimmen die "Formen des Zusammenlebens" selbst, und die Kirche soll sie auch noch segnen. Gott soll ihnen gehorchen, nicht sie Ihm.
· Die Reichen reden von Globalisierung, aber verstehen darunter vor allem ihre Handelsfreiheit, nicht die der Armen, die sie so zu ewigen Bettlern machen - oder künftigen Terroristen.
· Die reichen Länder haben auch "neue Dimensionen" der Unterdrückung erfunden. Im Namen von "Hilfe" und mit der Macht bestimmter internationaler Institutionen werden im Interesse der Reichen arme Völker lebensfeindlichen "Programmen" unterworfen. Die Fackel der Freiheitsstatue leuchtet nicht für alle.
· In ihrem eigenen Interesse müssten die reichen Länder darauf dringen, dass Menschen (Flüchtlinge!) nirgendwo im Zustand der Hoffnungslosigkeit leben oder "gehalten" werden (wie Hunde, die man scharf machen will): Wer Terroristen züchtet, erntet Terror.
Für all das gilt die Erklärung des Jesaja (5,24) für das Unglück des Volkes: "Denn sie haben die Weisung des Herrn der Heere von sich gewiesen und über das Wort des Heiligen Israels gelästert." Die Liste ließe sich verlängern und müsste von Fachleuten präzisiert werden, die die komplexen, geschichtlich gewachsenen Probleme in den Krisenzonen kennen. Leitender Stern ihrer Analyse muss die Gerechtigkeit sein. Wer Friede will, muss Gerechtigkeit wollen. Einer der Grundsätze der Donau-Monarchie lautete: "Justitia fundamentum regnorum", Gerechtigkeit ist das Fundament der Staaten. Auch der "amerikanische Weltfriede", die "Pax americana", kann nur auf Gerechtigkeit gründen, nicht auf Waffen. Friede ohne Gerechtigkeit ist wie eine schwarze Sonne oder ein Meer ohne Wasser. Die entscheidende Aufgabe der Weltgemeinschaft ist nicht der Kampf gegen den Terror, sondern der Kampf um Gerechtigkeit. Mag sein, zunächst muss man die Strukturen des Terrors zerstören. Aber viel wichtiger ist es, den Hass zu bekämpfen, der sie geschaffen hat. Diesen aber, den Hass, kann man nur zum Verschwinden bringen, wenn man seine Ursachen beseitigt.
V. Die Stunde der Religion
Viele Gründe für den Hass lassen sich nennen, manche sind berechtigt, andere sind es nicht, wieder andere sind absurd und irrational. Aber der tiefste Grund des Hasses und des Terrors ist der Abfall von Gott in all seinen Formen: Der Versuch, die "neue Weltordnung" ohne Gott zu errichten, ist ebenso Abfall von Gott wie die Anbetung jenes Götzen, der totale Kriege - also Kriege, die absolut keine moralischen Grenzen kennen! - "heilig" nennt.
Ein Jesaja-Wort (9,7) könnte man so abwandeln: "Der Herr hat ein Wort gegen die Welt geschleudert, es fiel in Amerika nieder. Die ganze Welt sollte zur Einsicht kommen..." Absurd wäre es, das Prophetenwort als Rechtfertigung für Terror und Terroristen zu lesen. Was der Prophet sagt, ist anderes: Der Ausbruch des Bösen ist oft eine Folge der eigenen Sünden. Die Einsicht in solchen Zusammenhang führt zur Bereitschaft, dem Propheten Hosea (10,12) zu lauschen: "Es ist Zeit, den Herrn zu suchen. Dann wird Er kommen und euch mit Heil überschütten." Wenn die Diagnose "Abfall von Gott" lautet, besteht die Therapie im "Zurück zu Gott". Fragt sich nur: Zurück zu welchem Gott? Zum gemeinsamen Gottes-Nenner der Juden, der Christen und der Muslime: nämlich zu dem Gott, der die Gerechtigkeit will und der die Liebe ist, zu dem "Heiligen Israels".