Der Ablaß - die übersehene Liebe Gottes
Andreas Laun:
Der Ablaß - die übersehene Liebe Gottes

Ständig seiner Zeit voraus, ruft Johannes Paul II. die Kirche schon seit langem auf, das Jahr 2000 als das Jahr zu feiern, in dem sich die Geburt Jesu zum 2000endsten Male jährt. Solches Feiern läßt Sekt und Feuerwerke weit unter sich und taucht das Ereignis ganz und gar in das Licht des Glaubens. Sein vorläufig letztes Schreiben zu diesem Anlaß heißt: "Das Geheimnis der Menschwerdung - VERKÜNDIGUNGSBULLE DES GROSSEN JUBILÄUMS DES JAHRES 2000". Natürlich, um sich den Reichtum eines solchen Dokuments anzueignen, muß man sich Zeit nehmen, man muß sich in Ruhe und Sammlung darin versenken, betrachten, wie der Papst die größten Geheimnisse des Glaubens vor unserem geistigen Auge entstehen läßt wie ein gewaltiges Panorama: Schließlich wird man das bedruckte Papier aus der Hand legen, aber die tiefe innere Ergriffenheit wird bleiben wie eine wunderbare Sättigung und Sehnsucht der Seele in einem!

Unter den darin enthaltenen Gedanken verdient eine ganz besondere Aufmerksamkeit jener Abschnitt, in dem der Papst - in der ihm eigenen Unbefangenheit - von einem eher in Vergessenheit geratenen, weil verpönten Thema spricht, nämlich dem Ablaß. Ja, das tut er wie der Schriftgelehrte, der nach einem Bildwort Jesu einem Hausherrn gleicht, "der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt" ( ).

1. Ablaß - Sündenfall der Kirche oder Ausdruck der Liebe Gottes?

Solchem "Hervorholen" steht die Erinnerung entgegen: Die Entartung des Ablaßwesens war seinerzeit ein entscheidender Anstoß zu jenem Protest, der die Christenheit bis heute spaltet! Wäre es nicht besser, man beläßt das peinliche Thema dort, wo es derzeit glücklicherweise ist, nämlich im Reich des längst Vergangenen, über das nur noch die Fachleute wirklich Bescheid wissen? Es neu aufwärmen heißt möglicherweise, die ökumenischen Bemühungen ins Stocken bringen und Fortschritte zunichte machen.

Aber andererseits: Wenn hinter der Lehre vom Ablaß eine Wahrheit über die Liebe zwischen Christus und Seiner Kirche steht, ist es mit dem Glauben an Christus unvereinbar, nicht von ihr zu reden. Tatsächlich versteht der Papst die Ablaßlehre von der Liebe und dem Erbarmen Gottes her: "Ja, durch den Dienst der Kirche breitet Gott in der Welt seine Barmherzigkeit aus durch jene kostbare Gabe, die mit dem uralten Namen "Ablaß" bezeichnet ist" ( ).

Natürlich, aus der Geschichte muß man lernen, und was Mißbrauch war, darf nie mehr die Kirche vergiften. Gerade dieses Vermeiden ist hilfreich, um richtig zu verstehen, welche Seite Gottes und Seines Erbarmens uns im Ablaß erkennbar und vor allem zuteil wird. Daher sollten wir, die Empfänger aus den "Vorräten" der Kirche, uns nicht scheuen, die alte und neue "kostbare Gabe" in die Hand zu nehmen, den Staub der Vorurteile wegzublasen und abzuwischen - um uns in freudiger Erwartung daran zu machen, im Ablaß nach einem Element der Liebe Gottes zu suchen. Der Christ sollte dabei so etwas empfinden wie die Spannung einer Frau, die das Geschenk ihres Mannes auspackt - nicht wissend, was es ist, aber sicher, daß er es mit Liebe für sie ausgesucht hat. Wenn wirklich von vornherein feststeht, daß der Ablaß eine Erscheinungsform der Liebe ist, kann der Christ weder darauf verzichten, ihn verstehen zu wollen, noch darauf, ihn zu gewinnen! Also, was ist denn eigentlich ein Ablaß?

2. Sünde und Sündenfolgen

Bereits in der alltäglichen Erfahrung weiß jeder, daß Sünden ihre Folgen haben, die, innerweltlich gesehen, manchmal dramatisch schlimmer sind als die Sünde selbst und die auch durch die tiefste Reue keineswegs aus der Welt geschafft werden können. Freilich, vor Gott sind nicht diese äußeren, meßbaren Folgen entscheidend (wie etwa ein schwerer Autounfall auf Grund einem gewissen Leichtsinns oder Übermutes). Die theologisch schlimme Sündenfolge ist (bei der schweren Sünde) einerseits die Trennung von Gott, andererseits zieht die Sünde - auch wenn sie geringfügig ist - "eine schädliche Bindung an die Geschöpfe nach sich, was der Läuterung bedarf, sei es hier auf Erden, sei es nach dem Tod im sogenannten Purgatorium [Läuterungszustand]." Um den Ablaß zu verstehen, muß man an diese zweite Art der Sündenfolgen denken: Während die Vergebung der Sünde selbst gilt, bezieht sich der Ablaß auf ihre Folgen.

Diese Sündenfolgen ergeben sich, lehrt der KKK (=Katechismus) weiter, aus der Natur der Sünde selbst ( ). Sie stehen der vollen Gemeinschaft mit Gott im Wege, und darum - das läßt sich jetzt gut verstehen - "müssen" sie vor dem Himmel ausgeräumt werden: eben das ist das "Fegefeuer".

Man könnte auch sagen: So wie die Leiden auf dieser Erde, wenn sie geduldig ertragen werden, bereits in der Lage sind, die Sündenfolgen zu überwinden, so auch der Ablaß. Er ist sozusagen eine weniger schmerzliche Reinigung der Seele, ein gütigeres Fegefeuer und ein paradox "schmerzfreies Sühnen", das zwar sehr wohl die innere Umkehr verlangt und ohne die mit ihr notwendig verbundene Mühe nicht möglich ist, aber nicht in der gleichen Weise Schmerzen bereitet.

3. Vergebung der Sünden und Bleiben der "zeitliche Sündenstrafen"

Sündenvergebung und Ablaß sind genauso zu unterscheiden und gehören zugleich genauso zusammen wie die Sünde selbst und ihre Folgen. Das heißt: Die vom Sünder bereute Tat vergibt Gott, und damit ist die unvergleichlich schlimmste Folge der Sünde, nämlich die Trennung der Gemeinschaft mit ihm, aufgehoben.

Aber die sogenannten "zeitlichen" Folgen der Sünde bleiben zunächst bestehen. Weil sie aber die Verbindung mit Gott sehr wohl beeinträchtigen, kann sie der Christ nicht einfach auf sich beruhen lassen: "Der Christ soll sich bemühen, diese zeitlichen Sündenstrafen als eine Gnade anzunehmen, indem er Leiden und Prüfungen jeder Art geduldig erträgt und, wenn die Stunde da ist, den Tod ergeben auf sich nimmt. Auch soll er bestrebt sein, durch Werke der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe sowie durch Gebet und ver-schiedene Bußübungen den "alten Menschen" gänzlich abzulegen und den "neuen Menschen" anzuziehen" ( ).

4. Die Gemeinschaft der Gläubigen im Guten und im Bösen - Voraussetzung der Ablaßlehre

"Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit", sagt Paulus ( ), und das gilt vor allem für die Sünde: Auch wenn sie im Geheimen geschieht, sie belastet die Gemeinschaft aller. Denn diese ist eine Art kommunizierendes Gefäß, so daß auch scheinbar rein "private" Sünden des einzelnen dennoch alle "treffen" und etwas angehen.

Aber dies gilt auch in der anderen Richtung, und da sogar noch mehr: Denn, lehrt der Katechismus mit Paul VI., "in der Gemeinschaft der Heiligen "besteht unter den Gläubigen, seien sie bereits in der himmlischen Heimat oder sühnend im Reinigungsort oder noch auf der irdischen Wanderschaft, in der Tat ein dauerhaftes Band der Liebe und ein überrei-cher Austausch aller Güter". In diesem wunderbaren Austausch kommt die Hei-ligkeit des einen den anderen zugute, und zwar mehr, als die Sünde des einen dem anderen schaden kann. So ermöglicht die Inanspruchnahme der Gemeinschaft der Heiligen dem reuigen Sünder, daß er von den Sündenstrafen früher und wirksamer geläutert wird" ( ).

Mit anderen Worten, bevor über den Ablaß gesprochen werden kann, muß eine doppelte Wahrheit klar geworden sein:

· Der Sünder ist nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft und Anstrengung von den eigentlichen Folgen der Sünde freizumachen,
· Er steht aber nicht allein mit seinem "Problem", denn die Gemeinschaft der Kirche hilft ihm: ,,Das Leben jedes einzelnen Kindes Gottes ist in Christus und durch Christus mit dem Leben aller anderen christlichen Brüder in der übernatürlichen Einheit des mystischen Leibes Christi wie in einer mystischen Person in wunderbarem Band verbunden"( ). In der Bulle heißt es dazu: "In Christus und durch Christus ist sein (=des Gläubigen) Leben durch ein geheimnisvolles Band mit dem Leben aller anderen Christen in der übernatürlichen Einheit des mystischen Leibes verbunden. So kommt es zwischen den Gläubigen zu einem wunderbaren Austausch geistlicher Güter, kraft dessen die Heiligkeit des einen den anderen zugute kommt, und zwar mehr als die Sünde des einen dem anderen schaden kann. Es gibt", fährt der Papst fort und lädt damit geradezu ein, an bestimmte Menschen zu denken, an "Menschen, die geradezu ein Übermaß an Liebe, an ertragenem Leid, an Reinheit und Wahrheit zurücklassen, das die anderen einbezieht und aufrichtet"( ).

Damit verkündet der Papst nichts Neues, denn es handelt sich bei dieser Lehre, auf der der Ablaß gründet, um das "Prinzip der Stellvertreterschaft" und auf diesem gründet schließlich das ganze Geheimnis Christi"! So gesehen läßt sich nicht behaupten, die Lehre vom Ablaß sei eine merkwürdige sekundäre Wahrheit oder gar nur eine "Wahrheit unter ferner liefen"!

5. Der Schatz der Kirche: Christus und die Werke der Heiligen

Weiter: "Diese geistlichen Güter der Gemeinschaft der Heiligen nennen wir auch den Kirchenschatz." Das ist eine verkürzte Redeweise. Denn genauer gesagt gilt: "Der Kirchenschatz ist Christus, der Erlöser, selbst" ( ). Die guten Werken der Heiligen sind ihm untergeordnet. Darum: ,,Außerdem gehört zu diesem Schatz auch der wahrhaft unermeßliche, uner-schöpfliche und stets neue Wert, den vor Gott die Gebete und guten Werke der selig-sten Jungfrau Maria und aller Heiligen besitzen. Sie sind den Spuren Christi, des Herrn, mit seiner Gnade gefolgt, haben sich geheiligt und das vom Vater aufgetragene Werk vollendet. So haben sie ihr eigenes Heil gewirkt und dadurch auch zum Heil ihrer Brüder in der Einheit des mystischen Leibes beigetragen" ( ).

6. "Ablaß gewinnen": Teilhabe am "Schatz der Kirche"

Was heißt dann, "einen Ablaß gewinnen"? Nichts anderes als: diesen "Kirchenschatz" in Anspruch nehmen. Das kann man aber nur durch die Kirche, denn sie ist es, die den Schatz gleichsam "verwaltet". Es ist für den modernen Menschen und auch den heutigen Gläubigen geradezu anstößig zu hören, wie der KKK an dieser Stelle formuliert:

"Der Ablaß wird gewährt durch die Kirche, die kraft der ihr von Jesus Christus gewährten Binde- und Lösegewalt für den betreffenden Christen eintritt und ihm den Schatz der Verdienste Christi und der Heiligen zuwendet, damit er vom Vater der Barmherzigkeit den Erlaß der für seine Sünden geschuldeten zeitlichen Strafen erlangt. Auf diese Weise will die Kirche diesem Christen nicht nur zu Hilfe kommen, sondern ihn auch zu Werken der Frömmigkeit, der Buße und der Nächstenliebe anregen" ( ).

Der letzte Satz zeigt: Auch der Ablaß ist keine Mechanik, die die persönliche Umkehr irgendwie umgehen, ersetzen, überflüssig machen könnte. Nein, der Ablaß setzt sie voraus, er will sie nur leichter machen. Daher schreibt der Papst: "Indem ich mich auf diese Lehraussagen stütze und den mütterlichen Sinn der Kirche deute, verfüge ich, daß alle Gläubigen, sofern sie angemessen vorbereitet sind, während des ganzen Jubiläumsjahres in den reichlichen Genuß des Ablaßgeschenkes kommen können", und zwar gemäß den Anweisungen.

7. "Zuwendung des Ablasses" für die Verstorbenen

Es ist nach kirchlicher Lehre möglich, Verstorbenen durch einen "Ablaß für sie" zu helfen. So lehrt der KKK:

"Da die verstorbenen Gläubigen, die sich auf dem Läuterungsweg befinden, ebenfalls Mitglieder dieser Gemeinschaft der Heiligen sind, können wir ihnen unter anderem dadurch zu Hilfe kommen, daß wir für sie Ablässe erlangen. Dadurch werden den Verstorbenen im Purgatorium für ihre Sünden geschuldete zeitliche Strafen erlassen"( ). Auch in den konkreten Anweisungen wird noch einmal gesagt: Für Verstorbene einen Ablaß gewinnen ist eine besondere Form "übernatürlicher Liebe".

Abschließende Bemerkung: Wenn sich jemand wirklich die Zeit nimmt, den genauen Sinn dieser Lehre anzueignen, wird er wohl schon zu einem guten Teil von seinen Vorbehalten geheilt sein. Aber jetzt kommt es darauf an, einerseits viele, möglichst allen Gläubigen die Augen zu öffnen für diese Seite der Liebe Gottes - die wir so lange buchstäblich "übersehen" haben! - und andererseits damit anzufangen, ohne entstellende Mißbräuche von früher, die Gabe Gottes namens Ablaß anzunehmen - als Reichtum unseres christlichen Lebens.
WB Andreas Laun