Kirchenentwicklung - Konservativismus oder Modernismus?
Kirchenentwicklung - Konservatisvismus oder Modernismus

Andreas Laun

Kirchenentwicklung - Konservativismus oder Modernismus?

Velence-Ungarn 4. 8. 1999

  1. Die Begriffe

Ganz klar sind die Begriffe nicht. Denn "Konservativismus" ist eine Haltung, die einen Menschen charakterisiert: Einer, der immer "konservare" will. Modernismus - als Gegenbegriff - ist dann die andere Haltung: Einer, der immer modern sein will.

Mit beiden Haltungen kann man nicht einverstanden sein:

  • Man soll das Bewahrens-werte bewahren, aber nicht alles bewahren, um des Bewahrens willen. Auch wegwerfen, einreißen, verbrennen kann notwendig, wichtig, das Bessere sein: Niemand will zum Zahnarzt gehen und erleben, daß der Zahnarzt die Instrumente seines Großvaters, der auch schon Zahnarzt war, verwendet. Und es ist gut, daß wir neue Auto bauen, weil sie sicherer sind und die Umwelt weniger verpesten als die Alten... Auch im Geistigen: Wir müssen Irrtümer, die in die Kirche eingedrungen waren, bekämpfen und ausscheiden: ich erinnere an den "christlichen" Anti-Judaismus, der sich so oft mit gewöhnlichem Antisemitismus verband, an die Abwertung der Frau u.a. dieser Art.
  • Umgekehrt: Wer mit dem Zeitgeist verheiratet ist, ist bald Witwe. Was ist schon das "Moderne"? Wie rasch ändert sich die Mode, und manches, was man als "großartig" und modern gefeiert hat, erweist sich irgendwann als das genaue Gegenteil, nämlich als Unglück: Ich erinnere an die Einführung des DDT... mit seinen verheerenden Folgen. Auch bestimmte geistige Moden haben sich als einseitig und unglück-bringend erwiesen: Wieviele Menschen sind in unserem Jahrhundert im Namen eines primitiven Darwinismus umgebracht worden oder im Namen von "Fortschritt" (heute: bei Embryonen-Versuche, die angeblich notwendig sind!).

Mit einem Wort: Ein vernünftiger Mensch ist

  • konservativ dort, wo es um Werte geht, die man bewahren sollte: alte, schöne Häuser und Städte, Biotope, Familie oder gar das Evangelium
  • modern, wo sich das Alte nicht mehr bewährt und der Mensch etwas wirklich Besseres gefunden hat: im Bereich der Technik, der Medizin, aber auch bei den Ideen: Wie gut ist die Überwindung eines engen Nationalismus.

 

  1. Die Kirche

Wenn wir die Begriffe auf die Kirche anwenden, ergibt sich, daß auch sie beides ist, modern und konservativ:

  1. Konservative Kirche

  • Die Kirche ist in ihrem Wesen "konservativ", weil sie um ewige Wahrheiten weiß und diese hütet, weil sie Wirklichkeiten verkündet, die sich ihrem Wesen nach nicht ändern können: Gott existiert, der Sinn unseres Lebens ist es, zu Gott zu gelangen, aber wir sind sündige Menschen und bedürfen der Gnade. Also bemühen wir uns, nach dem Evangelium zu leben... und dieses Evangelium ist überzeitlich, es ist immer dasselbe so wie auch wir dieselben sind und Gott der ist, der bleibt.
  • Die Kirche ist in ihrem Wesen "konservativ", weil sie aus der Erinnerung lebt: Sie erinnert sich an das, was Christus getan hat. Durch die Sakramente stellt sie ständig die Verbindung her zwischen uns und den Taten Christi.

Insofern ist die Kirche "konservativ" und all ihre Re-Formen sind ein Wieder-Gewinnen der alten Form. So wie im Evangelium: Jesus, konfrontiert mit der Ehescheidung, reformiert die Einstellung der Zeit - im Namen dessen, was "von Anfang an" anders war, von Gott anders gedacht und gewollt war.

 

  1. Modern

Gleichzeitig ist die Kirche modern, weil sie weiß, daß sie das pilgernde Volk auf dem Weg ist. Das bedeutet: Sie kommt immer wieder zu neuen Abschnitten des Weges, neue Aufgaben stellen sich und sie muß wachsen in der Erkenntnis Gottes. Darum hat auch das Konzil von den Zeichen der Zeit gesprochen, auf die wir schauen müssen:

Die Kehrseite dieser "Zeichen der Zeit" ist die Einladung des Papstes zur "Reinigung des Gedächtnisses", das heißt, wir sollen keineswegs automatisch alles für gut halten, nur weil es in der Tradition geschehen ist. Manches in dieser "Tradition" war nicht gut, nicht vereinbar mit dem Gebot Gottes, nicht im Einklang mit dem Wohl des Menschen - nur vermeintlich "christlich". Darum müssen wir umdenken und dann auch neue Wege gehen:

  • das Verhältnis der Kirche zur ehelichen Liebe: Auf Grund der Lehren des Konzils und des jetzigen Papstes begreifen wir besser: Auch Eheleute sind nicht zu einem "Christ-Sein zweiter Qualität", sondern zur wahren Heiligkeit berufen, und der Weg dorthin ist nicht eine "gebremste eheliche Liebe", sondern eine nach dem Willen Gottes entfaltete eheliche Liebe.
  • das Verhältnis der Christen zu den Juden: Die Juden sind nicht das von Gott verworfene Volk, sondern sie sind nach wie vor "erwählt" von Gott. Wir Christen sind mit ihnen in lebendiger Verbindung. Juden und Christen gehören zusammen, Anti-Semitismus ist Christenverfolgung. Wenn Christen Antisemiten sind, sind sie Masochisten. Juden sind unsere älteren Brüder. - Wie sehr müssen die Christen in diesem Punkt ihr Gedächtnis "reinigen".
  • das Verhältnis der Christen zur Umwelt: Auf Grund der technischen Eingriffe sind wir aufmerksam geworden auf die Lehre von der Schöpfung. Wir müssen nachdenken, was die anderen Geschöpfe sind, wie wir sie behandeln sollen. Besonders wichtig ist dabei der Unterschied zwischen Geschöpfen, die wir um ihrer selbst willen achten und erhalten sollen, und vielen anderen, die wir um unseres Wohles willen - um des Menschen willen - "lieben" und daher schützen.
  • das Verhältnis zu den anderen Religionen: Früher neigte man dazu, andere Religionen ganz und gar abzulehnen. Heute denken wir mehr daran, daß nach unserem eigenen Glauben Gottes Wirken überall gegenwärtig ist - auch in den Menschen, die in einer anderen Religion aufgewachsen sind.
  • das Verhältnis zum Gewissen der Menschen: Eine besonders wichtige Lehre der Kirche für die Welt von heute ist die Lehre von der Glaubens- und Gewissensfreiheit. Nicht selten hat früher die Treue zum Glauben die Freiheit unterdrücken wollen, und umgekehrt hat das Pathos der Freiheit den Anspruch der Wahrheit und des Glaubens in Frage gestellt oder geleugnet. Das Konzil hat eine Meisterleistung verbracht und gezeigt: Die Verpflichtung auf die Wahrheit bleibt und gehört zum Menschen, aber - jeder Mensch hat das Recht darauf, in Freiheit diese Wahrheit zu suchen und ihr anzuhangen.
  • die Einstellung zur Frau: In der Zeit der hl. Teresa gab es Frauen, die ins Kloster gingen, weil sie dachten, dort hätten sie weniger und vernünftiger zu gehorchen als in der Ehe, wo sie der Willkür eines Mannes unterworfen sind, und das im Namen der Religion! Wie notwendig war ein Umdenken, wie notwendig die Besinnung auf die Frau und ihre Stellung in der Kirche.
  • die Einstellung zur materiellen Not der Menschen: Immer hat es Heilige gegeben, die sich der Armen angenommen haben. Dennoch scheint mir, daß es heute noch klarer geworden ist: Die Christen dürfen sich nicht darauf beschränken, sich um das seelische Heil zu bemühen. Auch die irdische Not ist ein wichtiges Thema, wie das die Soziallehre der Kirche zeigt.

Übrigens gilt besonders für manche dieser Themen: Was das im einzelnen heißt, kann nicht die Kirche sagen, sondern das ist Sache der Laien mit ihrer Kompetenz. Ich denke dabei z.B. an die Umwelt-Fragen oder auch daran, wie wir auf Weltprobleme der Unter-Entwicklung, der Armut, der Kriminalität eingehen.

 

In all diesen - und wohl noch anderen Bereichen - gilt es, einerseits das "Gedächtnis der Kirche" zu reinigen, andererseits mit der Kirche mitzugehen. Denn gerade in diesen Fragen erweist sich die Kirche als Pilgerin: Die die Wahrheit des Evangeliums tiefer erfaßt - und dieser neu und besser erkannten Wahrheit auch folgen muß: Sie muß dann modern sein, weil sie konservativ ist!

  1. Die weitere Entwicklung

Ich bin kein Prophet, aber ich glaube, folgendes sagen zu können:

  1. Krise
  2. Die Krise ist ihrem Wesen nach eine Glaubenskrise, sie ist noch nicht vorbei und wir wissen nicht, was kommen wird. Im schlimmsten Fall kann es eine neue Spaltung geben.

    Angesichts dieser Krise müssen wir einerseits die Wahrheiten, die in Frage gestellt werden, noch besser darstellen (und versuchen, unsere Brüder und Schwestern zu gewinnen), andererseits dürfen wir uns nicht von den wesentlichen und wesentlicheren Wahrheiten ablenken lassen.

    Und: Wir müssen die Wahrheit leben, nicht nur behaupten. Das bedeutet z.B.: Angesichts der Infragestellung des 5. Gebotes Gottes - eine Infragestellung, die wie ein Rest des Geistes Hitlers ausschaut! - genügt es nicht, das "Evangelium vom Leben" zu verkünden, Christen müssen es leben und sich im Schutz des Lebens einsetzen.

  3. Neue Aufbrüche
  4. Neben der Krise gibt es viele Zeichen der Hoffnung. Ein besonders wichtiges Zeichen ist die Tatsache, daß viele neue Gemeinschaften heranwachsen - mit einem neuen Geist, der zwar manche alte Elemente aufnimmt, gleichzeitig neue Akzente setzt: z.B. in dem Wiederaufnehmen jüdischer Elemente!

    Auch aus Holland höre ich: Es wächst, nach dem Zusammenbruch eines wohl zu engen Katholizismus, eine neue Generation heran: Christen, die mit dem Papst in die Zukunft schauen!

    Ähnliche Erfahrungen machen wir auch in Österreich in den Priesterseminaren: Junge Leute kommen, die nicht alles besser wissen wollen, sondern die offen sind und einfach als Christen und Priester ihren Dienst tun möchten.

  5. Abschluß:

Die Zukunft der Kirche und was die Kirche jetzt tun sollte, beschreibt Johannes Paul II. unter anderem in seiner Jubiläumsbulle. Johannes Paul II: fordert uns - die ganze Kirche - auf, die Schwelle zum 3. Jahrtausend mit dem Blick auf die Menschwerdung Gottes zu überschreiten und lädt uns dann ein, den Anfang des Epheserbriefes zu betrachten:

EIN Ephesians 1:1 Paulus, durch den Willen Gottes Apostel Christi Jesu, an die Heiligen in Ephesus, die an Christus Jesus glauben.

2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.

4 Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott;

5 er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen,

6 zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn;

7 durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.

8 Durch sie hat er uns mit aller Weisheit und Einsicht reich beschenkt

9 und hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im voraus bestimmt hat:

10 Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist.

HUN Ephesians 1:1 Pál, Jézus Krisztus apostola Isten Akaratjából, az Efézusban lévô És Krisztus Jézusban Hívô szenteknek.

2 Kegyelem néktek És békesség Istentôl, a mi Atyánktól, És az ùr Jézus Krisztustól.

3 Åldott legyen az Isten, És a mi Urunknak, Jézus Krisztusnak Atyja, a ki Megáldott minket minden lelki áldással a mennyekben a Krisztusban,

4 A szerint, a mint Magának Kiválasztott minket e benne Világ teremtetése elôtt, hogy legyünk mi szentek És feddhetetlenek e elôtte szeretet által,

5 Eleve Elhatározván, hogy minket a maga Fiaivá fogad Jézus Krisztus által az e Akaratjának Jó kedve szerint,

6 Kegyelme dicsôségének Magasztalására, a melylyel Megajándékozott minket ama Szerelmesben,

7 A kiben van a mi Váltságunk az e vére által, a bûnöknek Bocsánata az e kegyelmének Gazdagsága szerint,

8 Melyet nagy bôséggel közlött velünk minden bölcsességgel És értelemmel,

9 Megismertetvén velünk az e Akaratjának Titkát az e Jó kedve szerint, melyet eleve elrendelt Magában,

10 Az idôk teljességének rendjére nézve, hogy ismét egybeszerkeszt Magának mindeneket a Krisztusban, mind a melyek a mennyekben vannak, mind a melyek e földön vannak;

Wir sollten nicht versuchen, krampfhaft modern oder krampfhaft konservativ zu sein, sondern einfach katholisch. Dabei sind wir in manchem modern, in anderem konservativ, aber immer darauf aus, Gottes Willen zu tun und die Zeichen der Zeit zu verstehen.