Das "Mea culpa" der Kirche - Markstein auf dem Weg ins Dritte Jahrtausend
Andreas Laun:
So begeistert die sogenannten "Konservative" normalerweise vom Papst sind, bezüglich einiger Punkte haben manche von ihnen mit ihm keine rechte Freude. Einer dieser "Punkte" ist das, was der Papst die "Reinigung des Gedächtnisses" der Kirche nennt. Dabei denkt er an Ereignisse in der Geschichte, die nicht nur kein Zeugnis für das Evangelium sind, sondern im Gegenteil ein "Antizeugnis". Dieses im Auge schreibt der Papst: "Als Nachfolger Petri fordere ich, daß die Kirche, gestärkt durch die Heiligkeit, die sie von ihrem Herrn empfängt, in diesem Jahr der Barmherzigkeit vor Gott niederkniet und von ihm Vergebung für die Sünden ihrer Kinder aus Vergangenheit und Gegenwart erfleht."

Demgegenüber geben die Kritiker zu bedenken:
- Erstens könne man Sünden, die andere begangen haben, nicht bereuen und man könne sich auch nicht für andere entschuldigen.
- Zweitens sei es historisch sehr schwierig, bestimmte Ereignisse, die so oft wirklich nur als "Schlagwörter" - Wörter zum Hinschlagen auf die Kirche! - benützt werden, gerecht zu bewerten.
- Drittens befürchten sie: Denen, die die Kirche seit Jahren mit Vorwürfen überhäufen, gehe es weder um Wahrheit noch Gerechtigkeit. Sie wollen die verhaßte Kirche nur beschmutzen und demütigen. Wenn sich nun der Papst auch noch entschuldige, gebe er, freilich gegen seine Absicht, den Feinden von außen auch noch vom Inneren der Kirche her recht.
- Viertens wird gesagt, der Papst hätte kein Recht dazu, sich für die Sünden früherer Generationen zu entschuldigen.

Um darüber reden zu können, müssen wir uns zuerst einmal anhören, wie der Papst die Reinigung des Gedächtnisses verstanden wissen will. Sein Gedanke läßt sich mit folgenden Schritten wiedergeben:

1. Geschichte der Kirche - Geschichte der Heiligkeit: Das Zeugnis für Gott
Natürlich muß man zuerst sehen und anerkennen: "Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte der Heiligkeit", und diese ist anschaulich zu sehen "in den wechselvollen Lebensgeschichten vieler von der Kirche anerkannter Heiliger und Seliger ebenso in Erscheinung wie im Leben einer unendlichen Schar unbekannter Männer und Frauen, deren Zahl sich unmöglich errechnen läßt". Ihr Leben spricht eine klare Sprache, und jemand, der das bestreitet, ist einfach nicht sachlich, nicht offen für die Fakten.

2. Geschichte der Kirche - Geschichte von Irrtum und Sünde: das Antizeugnis
Aber dann muß man auch "eingestehen, daß die Geschichte auch viele Ereignisse verzeichnet, die ein Antizeugnis gegenüber dem Christentum darstellen. Wegen jenes Bandes, das uns im mystischen Leib miteinander vereint, tragen wir alle die Last der Irrtümer und der Schuld derer, die uns vorausgegangen sind". Natürlich weiß der Papst, daß "wir keine persönliche Verantwortung dafür haben und nicht den Richterspruch Gottes, der allein die Herzen kennt, ersetzen" können. Aber "wegen jenes Bandes, das uns im mystischen Leib miteinander vereint, tragen wir alle die Last der Irrtümer und der Schuld derer, die uns vorausgegangen sind..." Außerdem: "Auch wir haben als Söhne und Töchter der Kirche gesündigt", und unsere Sünden haben die Schönheit der Kirche verdunkelt, das "Wirken des Geistes im Herzen vieler Menschen behindert" und andere "von einer echten Begegnung mit Christus abgehalten".

3. Die doppelte Bedeutung von "Verantwortung"
Wenn der Papst also von "Verantwortung" spricht, versteht er das Wort in einem doppelten Sinn:
- Einmal "Verantwortung" im uneigentlichen Sinn, wie es eine gewisse (eben nur eine "gewisse"!) Verantwortung gibt für Menschen, mit denen wir eng verbunden sind: etwa, wenn sich Eltern beim Nachbarn dafür entschuldigen, daß ihre Kinder das Fenster eingeworfen haben, oder ein Staatsoberhaupt für irgendein Unrecht, das durch Bürger des Landes im Ausland begangen wurde. Im Fall der Kirche ist es nicht die Blutsverwandtschaft und nicht die Staatszugehörigkeit, sondern eben das "geistliche Band", die Verbindung in Christus, die Raum und Zeit überschreitet. So gesehen bezeugt der Akt der "Reinigung des Gedächtnisses" auf eine besondere Weise diese Wahrheit vom mystischen Leib Christi: ohne sie gäbe es sie nicht.
- Dann "Verantwortung" im eigentlichen und üblichen Sinn: Verantwortung für das, was ich selbst getan habe, wofür ich durch meine Handlungen unmittelbar verantwortlich bin.

4. Die "Last der Sünden und der Irrtümer"
Der Papst nennt nicht nur die Last der Sünden, sondern auch die "Last der Irrtümer" als Gegenstand dieser Gewissenserforschung und Reue. Daß es in der Kirche immer auch Sünde gibt, ist eine katholische Selbstverständlichkeit. Aber daß es in der Kirche auch Irrtümer gab - das scheint manchen wie ein Angriff auf das Lehramt der Kirche. Natürlich denkt der Papst nicht im Traum daran, das große, im Kampf gegen den "Verwirrer" so wichtige Charisma der Wahrheit in Frage zu stellen oder auch nur zu relativieren: "Um die Kirche in der Reinheit des von den Aposteln überlieferten Glaubens zu erhalten, wollte Christus, der ja die Wahrheit ist, seine Kirche an seiner eigenen Unfehlbarkeit teilnehmen lassen. Durch den "übernatürlichen Glaubenssinn" hält das Gottesvolk unter Leitung des lebendigen Lehramtes der Kirche den Glauben unverlierbar fest" . Aber das schließt zweierlei nicht aus: Daß sich erstens Irrtümer, mit allen schlimmen Folgen für die Menschen, unter den Gläubigen breitmachen können und daß auch die Träger des Lehramtes ihre Aufgabe vernachlässigen, anstehende Fragen zu beantworten oder, wo noch nötig, zu klären.

5. Die schlimmen Folgen für die Menschen
Die Folgen der Sünden und Irrtümer betreffen die Christen selbst, aber auch die Außenstehenden, weil diese dadurch abgehalten werden. Wie ja auch schon das Konzil festgestellt hat: Am Unglauben der anderen sind teilweise die Gläubigen selbst schuld! Darum, das gehört zu dem Projekt der "Reinigung des Gedächtnisses", ist es wichtig, die "Sünden und Irrtümer" zuzugestehen, weil eine Apologetik, die alles und jedes verstehen und rechtfertigen will, die Menschen erst recht abstoßen würde.

6. Die Reinigung des Gedächtnisses
Der Papst weiß: "Die Gewissenserforschung ist einer der bedeutsamsten Vorgänge der persönlichen Existenz". Das gilt in einem übertragenen Sinn auch für den jetzt geforderten Akt der "Reinigung des Gedächtnisses":

Darum: "Als Nachfolger Petri fordere ich, daß die Kirche, gestärkt durch die Heiligkeit, die sie von ihrem Herrn empfängt, in diesem Jahr der Barmherzigkeit vor Gott niederkniet und von ihm Vergebung für die Sünden ihrer Kinder aus Vergangenheit und Gegenwart erfleht. Alle haben gesündigt, und niemand kann sich vor Gott gerecht nennen..."
Die Folge wird einerseits sein: "Die Umarmung, die der Vater demjenigen vorbehält, der ihm reumütig entgegengeht, wird der gerechte Lohn für das demütige Eingeständnis der eigenen und der Schuld anderer sein."
Andererseits: "Wenn das (= diese Reinigung) geschieht, wird die Braut vor den Augen der Welt in jener Schönheit und Heiligkeit erstrahlen, die aus der Gnade des Herrn stammen." Wenn die Kirche "die Wiege, in die Maria Jesus legt und ihn allen Völkern zur Anbetung und Betrachtung anvertraut", ist, so wird durch ihre Reinigung Jesus wieder besser sichtbar für die Menschen.

7. Schmutz der Geschichte
Natürlich fragt man sich auch, worin der Papst den "Schmutz" im Gedächtnis der Kirche erblickt, von dem es durch Reue und Vergebung - nicht durch Vergessen! - gereinigt werden soll. So schwierig es ist, eine solche Liste zu nennen - was ist wichtig, was ist gerecht, was darf nicht unerwähnt bleiben? - , der italienische Autor L. Accattoli belegt folgende Themen, die der Papst schon irgendwo einmal benannt hat: In der Geschichte gibt es Schuld oder Mitschuld, durch Taten oder falsche Ideen, von Christen
- an den Kreuzzügen
- an Diktaturen
- an Kirchenspaltungen
- an der Diskriminierung der Frauen
- an dem Unrecht gegen die Juden im Laufe der Geschichte
- an dem Fall Gallilei
- an Kriegen, besonders auch Religionskriegen
- an der Unterdrückung von Religionsfreiheit
- an den Indianern
- an den Moslems
- an den Protestanten
- an den Menschen von Sizilien durch zu wenig Protest gegen die Mafia
- am Sklavenhandel
- an dem Völkermord in Ruanda.

Natürlich, jeder Fall ist anders, jeder bedarf einer sorgfältigen Prüfung, und in einem überwiegt die Sünde der Passivität, im anderen sind es falsche Theorien, die nicht rechtzeitig als solche verurteilt wurden , in wieder einem anderen Fall handelt es sich mehr um das Versagen durch heimliche Sympathie für die Täter

8. Widerlegung der Einwände
Aus dem Gesagten ergibt sich die Widerlegung der Einwände: Der Papst weiß sehr wohl, daß es keine "Reue für einen anderen" gibt, und er will nicht über frühere Generationen verurteilen. Es geht ihm nur darum festzustellen: Manches, was in der Geschichte auch durch Christen getan und gelehrt wurde, war objektiv Irrtum und Sünde. Die Kirche distanziert sich davon! Verstärkt er damit diejenigen, die die Kirche miesmachen wollen? Keineswegs, er nimmt ihnen durch die Anerkennung der Wahrheit und die christliche Antwort auf das, was war, den Wind aus den segeln. Man könnte sogar sagen: Im Modus der Entschuldigung spricht der Papst einige "Anathemas" aus - Klarstellungen in Sachen des Glaubens und der Moral, die die Kirche immer gemacht hat. Und wer, wenn nicht der Papst, ist dazu ermächtigt?

Schluß: Kardinal Wyszynski hat zu dem neu erwählten Papst Johannes Paul II. gesagt: Du mußt die Kirche ins nächste Jahrtausend führen! Der Papst ist überzeugt, daß dazu auch die Gewissenserforschung der Kirche gehört. Nach dem, was man hört, wird sie Johannes Paul II. am Aschermittwoch, dem 8. März 2000 öffentlich vollziehen. Sein Blick ist dabei "fest auf die Zukunft gerichtet".
WB LAUN