Andreas Laun

Johannes Paul II. - Papst des Lebens und Papst der verantwortlichen Elternschaft

Diesen Vortrag habe ich anläßlich des 5. Jahrestages des Erscheinens von "Evangelium vitae" am 25.3.1995 im Rahmen des Kongresses der Päpstlichen Academia per la vita im Februar 2000 in Rom gehalten. Übrigens wurde ich an eben diesem Tag, dem Erscheinungstag von "Evangelium vitae", zum Bischof geweiht, und es ist der Geburtstag von Katarina von Siena, einer der Patroninnen Europas.

Zunächst möchte ich den Titel meines Referates verändern und statt vom "Papst der verantwortlichen Elternschaft" vom "Papst der Liebe" sprechen, und das ist in seinem Sinn: "Humanae vitae" läßt sich nur von der Liebe her erklären.

Vielleicht wird Johannes Paul II. einmal Ehren-Titeln erhalten wie "der Große" oder "der Papst der Menschenrechte". Besonders passend wäre auch: "der Papst der Liebe" oder der "Papst des Lebens". Die Begriffe lassen sich nicht voneinander trennen. Er selbst hält die Enzyklika "Evangelium vitae" für "zentral" im Ganzen seines Lehrens und versteht sie als eine ideale Fortführung von "Humanae vitae".

Im folgenden möchte ich zeigen, wie die beiden Themen Liebe und Leben in seinem Leben verankert sind und was er darüber angesichts der Krise der Zeit sagt.

A. Biographische Wurzeln des besonderen Interesses des Papstes an Fragen der Liebe und des Lebens

I. Die Liebe im Leben des Papstes

Natürlich weiß ich nichts darüber, ob der junge K. Wojtyla einmal verliebt war und wie tief dieses Erlebnis war. Vielleicht hat auch die Liebe des jungen Wojtyla zum Theater – er spielte und schrieb Stücke – eine gewisse Rolle gespielt: Theater ohne Liebe gibt es nicht. Aber es bedarf keiner Spekulation: Wie die Liebe von Mann und Frau zu einem besonders wichtigen Thema seines Wirkens geworden ist, erzählt uns der Papst selbst:

1. Die pastorale Erfahrung als Weg zur menschlichen Liebe

Ausgangspunkt war die Erfahrung in der Seelsorge: Durch viele Begegnungen lernt der junge Priester, "die menschliche Liebe zu lieben". Die Erkenntnis reift in ihm: "Die jungen Menschen müssen auf die Ehe vorbereitet, sie müssen in der Liebe unterwiesen werden. Die Liebe läßt sich nicht erlernen, und doch wäre nichts so wichtig, als sie zu erlernen!" K. Wojtyla verspürte "geradezu eine Art inneren Antrieb in diese Richtung" zu wirken, und bekennt rückblickend: Die Hinführung der Menschen zur wahren Liebe "ist eines der grundlegenden Themen, auf das ich mein Priesteramt, meine Aufgabe auf der Kanzel, im Beichtstuhl und auch im geschriebenen Wort konzentriert habe."

2. Auf der Suche nach Begründungen für die kirchliche Sexualethik

Diese Sammlung seiner pastoralen Kräfte auf Liebe und Ehe führt schon in Krakau zur Gründung eines Familieninstituts zur Vertiefung des christlichen Menschenbildes. In dieser Zeit schreibt der spätere Papst auch "Liebe und Verantwortung" und sagt darüber: Dieses Buch ist die "Frucht der ununterbrochenen Konfrontation der Lehre mit dem Leben." Und weiter unten präzisiert er: "Dieses Buch ist aus der Notwendigkeit hervorgegangen, die Normen der katholischen Sexualethik zu begründen - und zwar in einer Form, die möglichst endgültig ist und auf den elementarsten, unbestrittenen moralischen Wahrheiten sowie auf den grundlegendsten Werten und Gütern aufbaut. Ein solches Gut ist die Person, und eine solche moralische Wahrheit ist das Liebesgebot. Sie ist aufs engste mit der Welt der Personen verbunden, denn die Liebe ist das eigentliche Gut für die Welt der Personen." Über sie kann nur derjenige reden, der die Person verstanden hat.

In diesen wenigen Sätzen ist, wenn man von der Offenbarung hier noch absieht, das Wesentliche seiner Lehre über die Sexualität und menschliches Leben bereits enthalten. Aus ihnen werden später die berühmten und in der Geschichte der Kirche wirklich einmaligen Mittwoch-Ansprachen hervorgehen, in denen der Papst, weit ausholend, die katholische Lehre über Liebe und Sexualität darlegen wird.

3. Der Aufstand gegen "Humanae vitae" und der Abfall von der kirchlichen Morallehre in Fragen der Liebe

Der "innere Antrieb", sich mit der menschlichen Liebe zu beschäftigen, wurde im Leben Johannes Paul II. durch eine bittere Erfahrung verstärkt: Spätestens seit dem 2. Vatikanischen Konzil schwoll der Chor der Stimmen derer an, die die katholische Lehre zur Sexualität und Liebe bestritten, besonders bezüglich der Empfängnisverhütung. Noch vor dem Erscheinen von "Humanae vitae" organisierte K. Wojtyla einen Kongreß zum Thema und leitete das Ergebnis, das ganz im Sinn der späteren Enzyklika "Humanae vitae" ausgefallen war, auch Paul VI. zu – vielleicht hat es ihn beeinflußt, mindestens aber bestärkt.

Der Proteststurm, der sich nach dem Erscheinen von "Humanae vitae" erhob, der Abfall vieler Theologen und sogar mancher Bischöfe muß ihn schmerzlich getroffen haben. Johannes Paul II. weiß aus eigener Erfahrung: Um dieser Lehre willen wird man "oft ausgelacht, des Unverständnisses, der Härte und schlimmerer Dinge beschuldigt". Er weiß, daß er den gutwilligen Seelsorgern und Katholiken helfen muß. Wie notwendig das ist, zeigt die weitere Entwicklung: etwa die Bewegung "Wir sind Kirche", die den Bischöfen eine Erlaubnis für voreheliche Beziehungen, Verhütung und sogar homosexuelle Akte abtrotzen will.

II. Der Papst des Lebens

Wieder andere Erfahrungen machen aus Johannes Paul II den Verkünder des "Evangeliums vom Leben":

  1. Der Holocaust
  2. Die gottlosen Ideologien des 20. Jahrhunderts haben das Fünfte Gebot nicht nur de facto mit Füßen getreten, sondern auch grundsätzlich, im Namen ihrer ideologischen Prinzipien, bestritten. Der Papst hat das nicht nur gelesen, sondern miterlebt. Er selbst sieht darin ein "Zeichen der Zeit", das ihn ganz persönlich verpflichtet: In einer seiner Ansprachen an die dt. Bischöfe während ihres Ad-limina-Besuches in Rom 1999 erinnerte der Papst unter anderem daran, "wie in einem besonders dunklen Kapitel der Geschichte dieses geplagten Jahrhunderts" furchtbare Verbrechen begangen worden seien. Er habe, führte der Papst aus, erlebt, wie unweit seiner Heimat "menschliches Leben mit Füßen getreten und systematisch vernichtet" worden ist. Und der Papst fügte nachdenklich hinzu: Vielleicht habe ihm "Gottes Vorsehung gerade deshalb den Stuhl des heiligen Petrus anvertraut", damit er "an der Schwelle zum dritten Jahrtausend ein leidenschaftlicher Anwalt des Lebens" sei. Bezeichnend auch, was der Papst im Rahmen einer Gedenk-Veranstaltung an die Shoah erklärte: "Angesichts der Gefahren, die die Söhne und Töchter dieser Generation bedrohen, haben Juden und Christen der Welt viel zu geben in dem Kampf um die Unterscheidung von Gut und Böse – einer Welt, die vom Schöpfer gerufen ist, das Leben zu verteidigen und zu schützen, und die doch so leicht den Stimmen erliegt, die nur Werte des Todes und der Zerstörung propagieren."

    Bestätigt und bestärkt in seinem Einsatz für das Leben wurde Johannes Paul II. durch zwei weitere, bittere Erfahrungen:

  3. Die Ausbreitung der Abtreibung und Euthanasie

 

Heute wird in Mitteleuropa viel vom Holocaust gesprochen, man zeigt sich entschlossen, die Vergangenheit "aufzuarbeiten" und stellt den geringsten Versuch einer "Wiederbetätigung" unter Strafe. Aber gleichzeitig geht das Morden weiter, nur mit anderen Mitteln und auf andere Zielgruppen gerichtet, legitimiert durch entsprechende Gesetze. Der Papst ist tief besorgt: Der moderne Staat gerät auf den "Weg eines substantiellen Totalitarismus", weil er die "Prinzipien wesentlicher Gleichheit" aller damit aufgibt und sich unter dem Schein der Legalität "in einen tyrannischen Staat" verwandelt. Johannes Paul II. ist entschlossen, sich diesem "moralischen Verfall" der Gesellschaft zu widersetzen.

Darum setzt er sich auf allen Ebenen für das Leben der Menschen ein, und in dieser Perspektive ist es nur folgerichtig, wenn er mit größter Entschiedenheit geradezu eine Revolution bezüglich der Haltung der Kirche zu den Juden herbeiführt, sich ebenso als Anwalt der Frauen und letztlich als Verteidiger jeder unterdrückten Gruppe von Menschen erweist.

3. Die Krise der Moraltheologie

Parallel zur immer weiter gehenden Legitimierung des Tötens gibt auch die Entwicklung in der Moraltheologie Anlaß zur größten Sorge: Nachdem die großen öffentlichen Proteste gegen "Humanae vitae" wieder abgeflaut waren (weil man nicht Jahre lang protestieren kann), machten sich die Moraltheologen daran, durch eine Neukonzeption der Grundlagen ihrer Wissenschaft das Problem der Empfängnis-Verhütung von der Wurzel her zu "lösen":

Das Naturrecht wurde als "biologistisch" und zirkulären Schlüssen verhaftet verworfen, das Gewissen umgedeutet in eine Instanz, die "sich selbst die sittliche Norm schafft" und vor allem "entscheidet". Ethik wurde zum Menschenwerk (wie Faustkeil und Computer), zum Gegenstand menschlichen Erfindens und "Machens" erklärt.

Was aber die Autorität der Kirche und des Papstes angeht, ließ man sie stehen wie ein "Potemkinsches Dorf des Geistes", wie ein Königtum in manchen Demokratien: Es bewahrt seine Pracht, hat aber nichts mehr zu sagen! Dem Papst sagte man nämlich: Mit Argumenten dürfe er mitreden und in diesen allein bestehe seine Autorität. Aber damit ersetzte man die Mitra des hl. Petrus durch einen Doktorhut. Daß damit die Autorität des Papstes im Grunde abgeschafft ist, bemerken viele bis heute nicht.

Nachdem man auf diese Weise das "alte Haus" der Moraltheologie abgerissen hatte, errichtete man ein neues "Haus" namens teleologische Ethik: "Güterabwägung" war das Zauberwort, das alle "schwierige" Fälle zu lösen im Stande war, und in manchen Fällen auch Abtreibung als richtig erscheinen läßt.

Der Papst hingegen hält die neue "Moral" eher für eine Anleitung zur Unmoral: "Es handelt sich nicht mehr um begrenzte und gelegentliche Einwände, sondern um eine globale und systematische Infragestellung der sittlichen Lehrüberlieferung..." Das aber führt zur "gefährlichsten Krise..., die den Menschen überhaupt heimsuchen kann: die Verwirrung in bezug auf Gut und Böse", die vor allem in manchen Bereichen des 5. Gebotes bittere Realität geworden ist.

 

B. Die Antwort des Papstes

Angesichts dieser Lage kann der Papst nicht untätig bleiben:

All diesen Einrichtungen liegt die Lehre des Papstes als ihre Seele und Lebensquelle zugrunde. Aus ihr ergibt sich auch die Antwort auf die Not der Zeit: Wenn das Herzen des Dramas in der Verfinsterung des Sinnes für Gott und des Gewissens besteht, kann die Heilung nur mit der Erhellung eben dieses "Sinnes für Gott" und des Gewissens ihren Anfang nehmen.

Im Rahmen dieses Vortrags kann ich nur skizzieren, welche Vision von Liebe und menschlichem Leben der Papst der zeitgenössischen Verdunkelung entgegenhält:

  1. Der Verlust Gottes als tiefste Ursache der Krise
  2. Der vielleicht wichtigste Abschnitt in EV ist EV 21-24: Den Grund für die so erschreckende Infrage-Stellung des Lebens findet der Papst vordergründig in einem falschen, von der Wahrheit abgelösten Freiheitsbegriff, sieht das eigentliche Übel aber in dem Verlust der Gottesbeziehung.

    "Auf der Suche nach den tiefsten Wurzeln des Kampfes zwischen der ´Kultur des Lebens´ und der ´Kultur des Todes´ dürfen wir nicht bei der oben erwähnten perversen Freiheitsvorstellung stehenbleiben. Wir müssen zum Herzen des Dramas vorstoßen, das der heutige Mensch erlebt: die Verfinsterung des Sinnes für Gott und den Menschen... Wer sich von dieser Atmosphäre anstecken läßt, gerät leicht in den Strudel eines furchtbaren Teufelskreises: wenn man den Sinn für Gott verliert, verliert man bald auch den Sinn für den Menschen, für seine Würde und für sein Leben; die systematische Verletzung des Moralgesetzes, besonders was die Achtung vor dem menschlichen Leben und seiner Würde betrifft, erzeugt ihrerseits eine Art fortschreitender Verdunkelung der Fähigkeit, die lebenspendende und rettende Gegenwart Gottes wahrzunehmen."

  3. Die Bestimmung des Menschen für die Liebe und die personalistische Norm

Zwei Pole sind es, die das ethische Denken des Papstes bestimmen und daher auch gültig sind für Fragen der Liebe und des Lebens:

  1. Die personalistische Norm

Der eine ist eine konsequente personalistische Philosophie: Es gibt keine Ethik, "wenn man nicht um die Person, um ihr Wesen, Handeln und ihre Rechte weiß".

Der andere Pol ist die Liebe: "Der Begriff Liebe ist hier der Hauptbegriff, ihm widmen wir auch die meisten Analysen, in gewissem Sinn sogar alle, die in diesem Buch (= "Liebe und Verantwortung") enthalten sind." Im Sinne des Verfassers kann man hinzufügen: Das gilt für jede Ethik, denn nach der "personalistische Norm" gilt: "Die Person ist ein so hohes Gut, daß einzig die Liebe die angemessene, gültige Haltung zu ihr bildet." Dabei ist jede Liebe zu bestimmen als "aufrichtige Selbsthingabe", und das gilt auch für die sexuelle Liebe. Sexualerziehung ist dann folgerichtig die "Einführung der Person in die Liebe".

So wird der Mensch als ein Wesen bestimmt, das vor allem anderen "capax amoris" ist.

Allerdings , die philosophische Sicht weitet sich in den Blick auf den Gott der Offenbarung. In "Familiaris consortio" entfaltet der Papst den Gedanken in einem grandiosen Dreischritt:

Gott ist Liebe.

Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen.

Darum: "Die Liebe ist die grundlegende und naturgemäße Berufung des Menschen".

2. "Humanae vitae" als Forderung der Liebe

In der sexuellen Umarmung wird der Leib in einer einzigartigen Weise zur Körpersprache der Liebe, und die Frage der Empfängnis-Regelung ist das Bindeglied zwischen den beiden Sinnzielen der Sexualität, nämlich Liebesvereinigung und Zeugung zu sein. Von daher läßt sich erahnen, warum sie Johannes Paul II. so zentral zu sein scheint.

Weil alles von der Liebe her gedacht werden muß, gilt dies auch für die Lehre von "Humanae vitae". Verstehen kann man sie nur durch eine Analyse der leiblich-geistigen Ordnung in der sexuellen Umarmung, weil sie es ist, die den Menschen verpflichtet. Wenn aber auch die ehelich-sexuelle Liebe unter dem Anspruch steht, Liebe des Ebenbildes Gottes zu sein, ist ihre Verfälschung auch ein Widerspruch zu diesem Ebenbild. Von daher kann man zu verstehen beginnen, wenn der Papst sagt: Die sittlichen Forderungen von "Humanae vitae" sind "ein Erfordernis der Heiligkeit Gottes, das sich konkret und keineswegs abstrakt jeder einzelnen menschlichen Person mitteilt".

Wenn die natürliche, auf Zeugung hin offene eheliche Umarmung die von Gott geschaffene Körpersprache der Liebe ist, dann wird diese sinnenfällige "Sprache der Liebe" durch die verhütende Manipulation dieses Aktes ein Stück weit unverständlich und gerät damit in Widerspruch zur Liebe. Darum ist sie Sünde. Liebe, verstanden als Hingabe (Familiaris consortio), Anerkennen der Heiligkeit des Lebens (Evangelium vitae) und Unantastbarkeit des ehelichen Aktes ("Humanae vitae") – sie bilden eine Einheit.

  1. Sexualität und Zeugung – zwischen Liebe und Leben

Sexuelle Liebe ist der Ursprung neuen Lebens. Auch "zwischen" Liebe und Leben sind zwei Fragen zu bedenken:

1. Liebe und Lebensschutz

Abtreibung ist eine Sache, das Sexualverhalten eine andere. So denken viele. Der Papst sieht das anders: "Es ist eine Illusion zu meinen, man könne eine echte Kultur des menschlichen Lebens aufbauen, wenn man den jungen Menschen nicht hilft, die Sexualität, die Liebe und das ganze Sein in ihrer wahren Bedeutung und in ihrer tiefen Wechselbeziehung zu begreifen und zu leben... Die Banalisierung der Sexualität gehört zu den hauptsächlichen Faktoren, in denen die Verachtung des vorgeburtlichen Lebens ihren Ursprung hat." An anderer Stelle diskutiert er die Frage, ob man Abtreibung nicht durch das kleinere Übel der Verhütung bekämpfen könnte. Nach sorgfältiger Abwägung aller Pro und Kontra kommt der Papst zum Schluß: "Als Früchte ein und derselben Pflanze... stehen sie sehr oft in enger Beziehung zueinander". Warum ist das so? Die knappe Antwort des Papstes lautet: "Nur eine echte Liebe vermag das Leben zu hüten". Der letzte Satz ließe sich folgendermaßen veranschaulichen:

Daraus folgt zwingend: Zur Lebensschutz-Arbeit gehört eine Erziehung zur Liebe. Übrigens läßt sich die Verbindung zwischen sexuell sündhaftem Leben und Bereitschaft zur Abtreibung auch empirisch belegen.

  1. Zur In-vitro-Zeugung

Abtreibung nein, Empfängnisverhütung und künstliche Befruchtung ja – so denken heute viele Christen. Aber auch wenn zur Geburt eines Kindes die Zeugung nur eines einzigen Embryo genügte (das Gegenteil ist wahr: Für jedes so geborene Kind müssen hunderte Embryonen geopfert werden), die Kirche würde dieses Vorgehen ablehnen, und zwar, weil die Zeugung in ihren Augen eben kein bloß biologischer Vorgang ist. Vielmehr ist sie "ein menschliches und in hohem Maße religiöses Ereignis" in einem:

Ein menschliches Ereignis ist die Zeugung, wenn die sexuelle Beziehung eine "gegenseitige Schenkung aus Liebe ist": dann ist auch das Kind "ein Geschenk für beide"

Ein religiöses Ereignis ist die Zeugung nicht nur, weil Gott anders als bei der Zeugung irgendeines Lebewesens mitwirkt, sondern auch, weil der neue Mensch immer "eine besondere Ähnlichkeit mit Gott selber in die Welt" bringt und diese nur von Gott stammen kann: Es ist Gott selbst, "der sein Bild auf das neue Geschöpf überträgt".

Darum hat das Kind auch ein Recht, nicht im Labor gemacht, sondern durch die Liebe seiner Eltern gezeugt zu werden.

III. Die Heiligkeit des Lebens und EV

Was setzt der Papst der dramatischen Tötung so vieler Menschen zwischen Zeugung und ihrem natürlichen Ende und der erschreckenden Abstumpfung des Gewissens entgegen? Seine Antwort ist das "Evangelium vom Leben" und der "Glanz der Wahrheit", der von ihm ausgeht, der die Gewissen erleuchtet und Mut macht, den Herausforderungen zu begegnen und das "Gefühl unüberwindlicher Ohnmacht" zu überwinden.

Zu diesem Zweck wird der Papst nicht müde, den natürlich erkennbaren Wert des Lebens hervorzuheben und gleichzeitig das irdische Leben in das Licht der Offenbarung hineinzustellen: "Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht."

Daraus folgt ein Quasi-Dogma vom 5. Gebot Gottes. In "Evangelium vitae" hat Johannes Paul II., wohl motiviert durch die dramatische Lage, für das Tötungs-Verbot eine Ausdrucksweise gewählt, die der Formulierung eines Dogmas zumindest sehr nahe kommt:

"Mit der Petrus und seinen Nachfolgern von Christus verliehenen Autorität bestätige ich daher in Gemeinschaft mit den Bischöfen der katholischen Kirche, daß die direkte und freiwillige Tötung eines unschuldigen Menschen immer ein schweres sittliches Vergehen ist. Diese Lehre, die auf jenem ungeschriebenen Gesetz begründet ist, das jeder Mensch im Lichte der Vernunft in seinem Herzen findet (vgl. Röm 2,14-15), ist von der Heiligen Schrift neu bestätigt, von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt gelehrt... Was das Recht auf Leben betrifft, ist jedes unschuldige menschliche Lebewesen allen anderen absolut gleich." Anbetracht der heiligen Entschlossenheit, mit der der Papst hier für das Leben eintritt, versteht man auch seine Haltung in der unseligen Debatte über den "Beratungs-Schein" in Deutschland.

Wenn man sieht, wie Johannes Paul II. schon als Priester, erst recht aber als Papst für die menschliche Liebe, für die Familie und für das Leben eingetreten ist, und zwar in einer Art, wie nie ein Papst vor ihm, dann versteht man Johannes Paul II. und wird ihm recht geben, wenn er gesprächsweise schon am Anfang seines Pontifikates sagte: "Ich bin der Papst des Lebens und der verantworteten Elternschaft, und jeder muß davon wissen". Im Jahr 1988 von Th. Styczen an diesen seinen Ausspruch erinnert, bekräftigte er nochmals: "Ja, ich bin von "Humanae vitae" und für "Humanae vitae" hierher (= auf den Stuhl Petri) gekommen". Man kann nur hinzufügen: Ja, Gott sei Dank.

 

Literatur

Johannes Paul II., Familiaris consortio. Rom 1981.

Johannes Paul II., Veritatis splendor. Rom 1993.

Johannes Paul II., Evangelium vitae. Rom 1995.

Johannes Paul II., Die Entwicklung wieder: "Humanae vitae" 20 Jahre danach" Nr. 4.: Ansprache des Papstes anläßlich eines Kongresses für Moraltheologen 1988. Zitiert nach: Paul VI., Enzyklika "Humanae vitae". Stein am Rhein 1991.

Johannes Paul II., Drei Ansprachen an die Deutschen Bischöfe. November 1999.

Johannes Paul II., Die Schwelle der Hoffnung überschreiten. Hamburg 1994.

Laun A., Abtreibung. In: Fragen der Moraltheologie heute. Wien 1992,11-93.

Laun A., Die leidvolle Frage des Beratungsscheins - eine Zwischenbilanz. In: "Kirche heute" Juli/August 1999.

Martin N u. R. (Hg.), Johannes Paul II.: Die menschliche Liebe. Vallendar-Schönstatt 1985.

Martin N u. R. (Hg.), Johannes Paul II.: Die Erlösung des Leibes.

Spaemann R., Philosophische Hintergründe der "Schein"-Debatte. In: Kirche heute. 2/2000,16-21.

Wojtyla K., Liebe und Verantwortung. Vatikan 1979.