Andreas Laun, Die katholische Position zur Sexualität

In: Perner R., Sexualität in Österreich. Wien 1999,85-111.

Anmerkung: Der Aufsatz wurde von R. Perner publiziert. Durch ein Mißgeschick wurde der Titel nicht abgesprochen, und zudem fehlen in dem Buch die Literaturangaben – hier sind sie vollständig. Teilweise decken sich die Gedanken mit einer früheren Publikation (in "Aktuelle Probleme der Moraltheologie").

Angaben zur Person: Ich wurde 1942 in Wien geboren, mein Vater war Direktor einer Verbandstoff-Fabrik. Wir waren vier Kinder, zwei sind schon gestorben. Als katholischer Priester und inzwischen Bischof bin ich ledig. Ich habe mich entschieden, Priester zu werden, arbeitete als solcher in der Jugenderziehung und in der allgemeinen Seelsorge. Bald aber entwickelte ich mich hin zur Wissenschaft, lehrte und publizierte Moraltheologie. Meine Publikations-Liste läßt sich im Internet (kirchen.net/bischof/laun) abrufen. Heute bin ich Weihbischof. "Stolz" bin ich auf nichts, sondern dankbar, wenn es mir mit der Hilfe Gottes gelingt, die von Ihm verliehenen Gaben nach Seinem heiligen Willen und damit zum Wohl der Menschen einzusetzen.

1945 war ich drei Jahre alt. Was die genannten Themen anlangt, wurden diese in der Gesellschaft von damals anders beurteilt als heute:

Meine Position zu

Zu beiden Problemen habe ich bereits publiziert, vor allem meine Stellung zur Fristenlösung ist reichlich dokumentiert, auch im Internet abrufbar. Schon 1975 habe ich durch viele Diskussionen an der Debatte teil genommen. Äußerlich gesehen hat die Kirche die Schlacht verloren, aber sie wird den Krieg letztlich gewinnen! Denn die Wahrheit läßt sich auf Dauer nicht verdrängen. Was die Sexualität betrifft, gilt ähnliches. Bis zum heutigen Tag ist der Einfluß der liberal-linken Ideologie in Fragen der Sexualität verheerend und stark. Ihm ist wohl auch das Ansteigen vieler Sexualdelikte zu verdanken, auch wenn diese Zusammenhänge ihrer Natur nach schwer beweisbar sind. Allerdings muß man auch einräumen: Weite kirchliche Kreise standen zu Beginn der "Sexuellen Revolution" noch immer unter einem gewissen Einfluß der prüden "Moral" des 19. Jahrhundert und war dadurch gleichsam unvorbereitet und konnte dem Angriff nicht standhalten. Inzwischen liegt in der Kirche eine völlig neue Situation vor, die sich so beschreiben läßt:

"Getragen zunächst von wenigen prophetischen Stimmen kam am Anfang dieses Jahrhunderts in der katholischen Kirche ein Prozeß der Besinnung auf das Wesen der Ehe, der Liebe, der Sexualität in Gang, der vom großen Zweiten Vatikanischen Konzil unwiderruflich bestätigt wurde. Mag vorher noch die eine oder andere Frage nach dem, was nun die eigentliche Lehre der Kirche sei, unbeantwortet und offen geblieben sein: von nun an kann es eigentlich kein "Zurück" in bestimmte Irrtümer der Leibverachtung geben.

Aber nicht genug damit: Gestützt auf die Konzilstexte und die Beiträge Pauls VI. hat Johannes Paul II. die katholische Lehre über die menschliche Liebe in einer geradezu atemberaubenden Weise weiter entfaltet, neu beleuchtet und durch eine sorgfältige Betrachtung der biblischen Texte - von der Genesis über das Hohelied bis hin zur Bergpredigt - so vertieft, daß man sagen kann: Diese katholische Lehrentwicklung stellt alles in den Schatten, was es auf diesem Gebiet in den zwanzig Jahrhunderten Kirchengeschichte bisher gegeben hat.

Ganz abgesehen von so manchen Entgleisungen, falschen Akzentsetzungen und Irrtümern gewisser Kirchenväter und anderer kirchlicher Autoren im Lauf der Geschichte (), braucht man sich nur auf die Suche nach denen zu machen, die am ehesten als Kronzeugen der echt christlichen Lehre gelten dürfen: Man vergleiche die schönsten und ausgewogensten ihrer Texte mit dem, was der jetzige Papst zu diesem Thema zu sagen hat, und man wird erkennen: Wir sind Zeitzeugen einer von Gott geschenkten Stunde des geistigen Durchbruchs - vergleichbar anderen bedeutenden Lehrentwicklungen, die die Geschichte der Kirche geprägt und verändert haben. Man kann ohne schmeichlerische Übertreibung sagen: Noch nie hat das Lehramt der Kirche in so differenzierter, einfühlsamer Weise über die eheliche Liebe, über die eheliche Umarmung und ihre "einzigartige, ja außerordentliche Bedeutung" (Johannes Paul II.) für Mann und Frau gesprochen, wie dies in den letzten Jahrzehnten der Fall war."

Bedauerlicherweise wurde diese Entwicklung bisher kaum zur Kenntnis genommen, und auch in der Kirche läßt die Rezeption dieser Veränderung schmerzlich auf sich warten. Aber sie ist da, und früher oder später wird diese Lehre erkannt werden als das, was sie ist: eine wirklich menschen-gerechte Anleitung zur Liebe.

 

 

Kirche und Sexualität

Ist die Kirche zu sehr mit den Problemen der Sexualität befaßt? Die Kirche! Wer in der Kirche? Die Priester und Bischöfe, die Kurie - Zölibatäre also, sagen manche mit einem hintergründigen Tonfall, und meinen dabei nicht zuletzt den Papst selber. Warum sollten die Eheleute "inkompetenten Herren, die das alles nichts angeht, Rede und Antwort stehen müssen" ()? Als ob es nicht wichtigere, größere Probleme auf der Welt gäbe als das Sexualverhalten der Menschen ()!

Größere Probleme ja, aber andererseits: Gibt es einen Bereich, der den Menschen tiefer berührte als eben seine Liebe, sein Geliebtwerden und sein Liebenkönnen? Ist nicht die Liebe wirklich "the one green thing", der "grüne Fleck", der in dem allgegenwärtigen Grau des Alltags, das den Menschen so bedrückend umgibt, tröstet, Freude macht und Spannung ins Leben bringt ()? Darum kreisen die Gedanken des Menschen nicht nur ums Geschäft und den Erfolg, sondern in einer tiefen, verletzlichen und oft genug so ausgedörrten Schicht seines Wesens um die Liebe. Um den Menschen, dessen eigentlichste Bestimmung die Liebe ist, zu erreichen, mit ihm in einen Dialog zu treten, der ihn wirklich angeht und erreicht, muß die Kirche von der Liebe sprechen - natürlich zunächst und vordringlich von der Liebe zu Gott und der christlichen Liebe zum Nächsten, aber auch von der Liebe der Geschlechter.

II. Die emanzipatorische Abwendung von der Kirche als Lehrerin der sexuellen Moral

Die Menschen erwarten sich allerdings von allen möglichen Instanzen eine Auskunft darüber, "wie man liebt", aber kaum noch von der Kirche! Diese scheint eher der Hemmschuh par excellence zu sein, die große und ewige Verneinerin. Wenn sie die Liebe schon nicht verbieten kann, dann zwängt sie sie wenigstens in das Korsett der Ehe und bindet sie an die Nachkommenschaft als den "Zweck" der Ehe - so wie man früher den Gefangenen eine eiserne Kugel an den Fuß kettete. Gerade was die sexuelle Liebe betrifft, erweist sich die Kirche in den Augen vieler Leute - unbeschadet ihrer Verdienste auf anderen Gebieten - als diejenige, die dem Menschen Prügel auf den Weg zu allem und jedem legt, was den Menschen wirklich freut. "Inzwischen sind wir dahin gelangt", beklagt der Theologe E. Drewermann, "daß sogar der gütige Stande der Priester, ... an sich einzig dazu bestimmt, das Dasein des Menschen zu segnen und Wege zurück in das verlorene Paradies der Welt zu weisen, selbst seit Jahrhunderten angewiesen und darin geschult ist, nach Art von Verwaltungsbeamten die Liebe zu strangulieren" ().

Die Gesellschaft hat, so scheint es, sich längst zu helfen gewußt. Wenigstens zur späten Stunde, wenn die Kinder schon schlafen, gibt es im Fernsehen eine Fragetante für sexuelle Probleme oder auch, wie ein freundliches Betthuperl, ein Männer-Magazin - vielleicht für Einsame gedacht. Illustierte und Zeitungen halten sich ein Sexualorakel, um sexuell frustrierte und ratsuchende Menschen exemplarisch zu beraten. Auch wenn sich da und dort Zweifler zu Worte melden und in Frage stellen, ob man menschliche Beziehungen wirklich durch eine besondere Stellung oder Bewegung der Leiber in Ordnung bringen kann oder auch durch Reizwäsche (), Spiegel und Beleuchtungstricks - am Grundprinzip dessen, was man die "sexuelle Befreiung" zu nennen pflegt, läßt sich derzeit noch nicht rütteln. Und sogar wenn, wie nicht wenige Leute aus der feministischen Bewegung behaupten, etwas falsch laufen sollte, dann ist die Kurskorrektur sicher nicht in jene Richtung hin vorzunehmen, die die Kirche einmahnt.

Die "sexuelle Revolution" hat das allgemeine Grundrecht auf Freiheit endlich auch auf die Sexualität angewandt, dadurch konkret gemacht und erweitert: gemeint ist die Freiheit und das Recht auf alle Formen sexuellen Verhaltens, solange nicht die Rechte des anderen beeinträchtigt sind und weder AIDS noch sonst eine unangenehme Folge zu erwarten ist. Genauer gesagt: Alle sexuelle Bedürfnisse haben ein Recht auf Erfüllung, nur möge man sie so praktizieren, daß sie keine "Nebenwirkungen" haben. Und was die unerwünschte Schwangerschaft betrifft - in der breiten Palette von Verhütungsmitteln müßte doch jedermann etwas finden können nach seinem Geschmack. Und sollten alle Stricke reißen, bleibt immer noch die freiwillige "Schwangerschaftsbeendigung" (wie man die grausige Realität vornehm zu umschreiben pflegt) als längst garantiertes Menschenrecht der Frauen und indirekt auch der Männer. Zielgruppe der sexuellen Revolution sind prinzipiell wirklich alle Menschen, die sexuell schon oder noch ansprechbar sind. Das Paradies des sexuellen Alles-tun-dürfen (vom fantasievollen Wünschen ganz zu schweigen) ist grundsätzlich ebenso offen für Jugendliche wie alte Menschen und Behinderte, die man, gegebenenfalls durch sinnreich gebaute Apparate unterstützt, wenigstens zur Selbstbefriedigung anleiten sollte. Und was jene sexuellen Neigungen betrifft, die man früher rücksichtslos als "Perversionen" angesprochen hat, bemüht man sich redlich, sie gesellschaftsfähig zu machen - soweit es nur irgendwie möglich ist.

Was die siegreichen Sexual-Revolutionäre über die Kirche bzw. ihre Vertreter denken, bedarf eigentlich keiner Erörterung: Im günstigsten Fall verachten sie diese "Eunuchen für das Himmelreich" () oder machen sich lustig über sie. Vom gelobten Land der sexuellen Freiheit aus betrachtet erscheint die Sexualmoral der Kirche als "Sex und Horror-Show" () der Frustration, und das sollte man, ginge es nach dem Willen der geistigen Mütter und Väter des vom Österreichischen Unterrichts-Ministerium bestellten "Sex-Koffers", schon den Kindern in der Schule drastisch vor Augen führen (). Wäre die Kirche nicht ohnehin so einflußlos, müßte man sie wohl bekämpfen.

 

III. Die Vorgeschichte

Was heute geschieht, läßt sich freilich nur von der Vergangenheit her verstehen. Gemeint ist freilich nicht die ganze 2000jährige Sittengeschichte des christlichen Abendlandes, auch wenn natürlich alles mit allem historisch verwoben und verknüpft ist. Dennoch sind Redewendungen wie: "Man hat uns 2000 Jahre gesagt..." töricht und ohne Sinn für Menschen, deren Lebenserwartung zwischen 70 und 80 Jahren liegt. Wahr hingegen ist, daß viele Menschen der älteren Generation von heute - seltene, glückliche Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel - eine prüde, schwüle Sexualerziehung durchlitten haben - "genossen haben" wäre eine Verhöhnung. Das heißt: Im 19. und zum Anfang des 20. Jahrhunderts lehnte die Gesellschaft Europas und Nordamerikas alles Leiblich-Sexuelle weitgehend ab, verdrängte und tabuisierte es, soweit es ging. Genau besehen "ging es" natürlich doch nicht, und es war das große Verdienst von S. Freud, der ausgegrenzten, gleichsam ins Exil vertriebenen Sexualität des Menschen wieder Heimatrecht und Legitimität verschafft zu haben - ein Verdienst, das ihm trotz aller sonstigen Kritik nicht genommen werden kann. Man muß nur mit älteren Menschen sprechen und hören, welche geheimnisvolle, schuldig-machende Bedrohung die Sexualität für sie gewesen ist und da oder dort noch immer ist! Staunend erfährt man, wie die Sitte es verbot, sogar die Worte, die korrekte Bezeichnung für die Geschlechtsorgane oder bestimmte Kleidungsstücke in den Mund zu nehmen. Über manche Kinder-Geschichte von damals, über mißlungene oder einfach unterbliebene Aufklärung wird man heute lachen - aber wieviel Leid ist doch für unzählige Menschen von dieser Irrlehre der Leib- und Sexualfeindlichkeit ausgegangen! Freilich, das Leben hat sich dann doch auch immer wieder durchgesetzt, es hat sich seine Ventile geschaffen und Dämme eingerissen - aber das ist Verdienst der menschlichen Natur und kein Grund, die falschen Lehren über den Leib, die Liebe und die Lust in einem milderen Licht zu sehen.

Daß es so war, bestreitet heute niemand. Wie es soweit kommen konnte, darüber wird gestritten und die einfachste, bequemste und ins Konzept gewisser Kreise am besten passende Antwort lautet: Die Kirche ist schuld, sie vor allem oder sogar sie allein!

Ausgerechnet einige Theologinnen und Theologen haben sich heute an die Arbeit gemacht, um dieser Geschichtslüge ein wissenschliches Kleid zu verpassen, in dem sie sich ohne zu Erröten sehen lassen kann. Die einschlägigen Bücher von Uta Ranke-Heinemann, Karl-Heinz Deschner, Herbert Haag und Georg Denzler werden eifrig gelesen und auch im Radio und Fernsehen gerne propagiert: Das Thema Nr. 1 verkauft sich doppelt so gut, wenn man es, scheinbar nur an der geschichtlichen Wahrheit interessiert, auch noch mit anti-kirchlichen Gefühlen garnieren kann!

Es ist hier unmöglich, den vielfältigen Ursachen der sexualfeindlichen Athmosphäre der jüngsten Vergangenheit nachzuspüren und dabei "die Schuldigen" festzumachen. Die Verantwortung läßt sich auch nicht in prozentuale Segmente zerlegen wie das Ergebnis einer Wahl, um dann sagen zu können: die Hauptschuldigen waren die Aufklärer, die Pietisten, die Calviner, die Puritaner, die Staatsbeamten oder eben die Katholiken. Die Zusammenhänge und Interdependenzen sind zu komplex, um entsprechend den Bedürfnissen einer schnellen und überschaubaren Geschichts-Justiz mit ein paar Worten ein angemessenes Urteil fällen zu können.

Für den Zusammenhang genügt es festzuhalten: Alle Gesellschaftsschichten und alle weltanschaulichen Gruppen waren betroffen, alle haben auf ihre Weise zu dem prüde-schwülstigen Klima beigetragen - sei es durch ihre Lehre, sei es durch blindes Sich-Ergeben dem Zeitgeist, sei es durch einen faktischen Verrat an der eigenen Lehre.

 

IV. Die ersten Widersprüche

Was die katholische Kirche betrifft, so bedarf es auf Grund ihres Selbstverständnisses und ihrer Geschichte einer besonders differenzierten Wertung der Entwicklung:

Die Kirche behauptet, daß sie, "die Kirche" in entscheidenden Fragen des Glaubens und der Moral "letztlich" nicht aus der Wahrheit fallen kann. "Die Kirche" irrt sich nicht, wohl aber - und diejenigen, die am ersten Satz Anstoß nehmen, sollten auch das folgende wirklich hören - irren katholische Christen, Laien und Bischöfe. Ja ganze Ortskirchen können sich manchmal in harmlose, manchmal aber auch in verhängnisvolle Irrtümer verstricken und verlaufen. Auch ist der Katholik keineswegs gehalten zu glauben, das Lehramt werde immer rechtzeitig, laut und präzise genug die Stimme erheben und die Irrtümer in einer Weise brandmarken, daß es auch im letzten Winkel des Orbis Catholicus keinen Zweifel mehr geben kann, was wahr und was falsch ist. Es ist "eine Tatsache", stellt August Adam, einer der großen Bahnbrecher der Erneuerung auf dem Gebiet der katholischen Sexualmoral, schon 1940 fest, "daß eine Wahrheit in sämtlichen Katechismen stehen kann, aber trotzdem auf die Formung des Gewissens ohne Einfluß bleibt, wenn nicht eine aufrechte Pastoral allen hemmenden Zeitströmungen und Vorurteilen entgegenwirkt..." ()

Schuld hin, schuld her, genau das war der Fall: Auch in die katholischen Kirche war der Geist der Zeit eingedrungen und hatte das Leben erstarren lassen. Gemessen an ihren irdischen und ewigen Folgen hielt man die Fleischessünden für die schlimmsten aller Verfehlungen, und logisch folgerichtig galt die Keuschheit - oder das, was man dafür hielt! - für die wichtigste aller Tugenden, die Perle der Perlen, die Königin im Bereich der Moral ()!

Dietrich von Hildebrand war es, der die entscheidene Wende einleitete. Als sein kleines Werk "Reinheit und Jungfräulichkeit" 1927 zum ersten Mal erschien, "brachte es" nach dem Urteil des Münchner Theologen Leo Scheffczyk "viele Menschen zur Besinnung, manche auch zur Bekehrung" (). "Zur Besinnung" brachte Hildebrand eigentlich nicht nur einzelne Christen, sondern die ganze Kirche. Denn von diesem Zeitpunkt an mehrten sich die Stimmen, die sich im Namen der hl. Schrift, der Tradition, der großen Lehrer der Christenheit gegen den herrschenden, prüden Geist zur Wehr zu setzen begannen, ermutigt unter anderen von keinem geringeren als Eugenio Pacelli, dem späteren Pius XII.

Es war, als ob ein gewaltiger Damm einen Riß bekommen hätte: Wasser tritt aus, die ersten Steine werden herausgespült, von Minute zu Minute verbreitert sich der Spalt, mehr und mehr Wasser schießt aus der Bresche heraus, bis schließlich die Flut den Rest des Dammes einfach wegschwemmt, und der Fluß schäumend und mit überwältigender Kraft sein ursprüngliches Bett in Besitz nimmt.

V. Der große Durchbruch

1. Die Lehrentwicklung von Dietrich von Hildebrand bis Johannes Paul II.

All jene, die auch heute noch in verächtlichem Tonfall von der kirchlichen Lehre über die sexuelle Liebe sprechen (), haben das schon genannte Ereignis übersehen, dessen kirchen- und geistesgeschichtliche Bedeutung kaum überschätzt werden kann: Getragen zunächst von wenigen prophetischen Stimmen kam am Anfang dieses Jahrhunderts in der katholischen Kirche ein Prozeß der Besinnung auf das Wesen der Ehe, der Liebe, der Sexualität in Gang, der vom großen Zweiten Vatikanischen Konzil unwiderruflich bestätigt wurde. Mag vorher noch die eine oder andere Frage nach dem, was nun die eigentliche Lehre der Kirche sei, unbeantwortet und offen geblieben sein: von nun an kann es eigentlich kein "Zurück" in bestimmte Irrtümer der Leibverachtung geben.

Aber nicht genug damit: Gestützt auf die Konzilstexte und die Beiträge Pauls VI. hat Johannes Paul II. die katholische Lehre über die menschliche Liebe in einer geradezu atemberaubenden Weise weiter entfaltet, neu beleuchtet und durch eine sorgfältige Betrachtung der biblischen Texte - von der Genesis über das Hohelied bis hin zur Bergpredigt - so vertieft, daß man sagen kann: Diese katholische Lehrentwicklung stellt alles in den Schatten, was es auf diesem Gebiet in den zwanzig Jahrhunderten Kirchengeschichte bisher gegeben hat.

Ganz abgesehen von so manchen Entgleisungen, falschen Akzentsetzungen und Irrtümern gewisser Kirchenväter und anderer kirchlicher Autoren im Lauf der Geschichte (), braucht man sich nur auf die Suche nach denen zu machen, die am ehesten als Kronzeugen der echt christlichen Lehre gelten dürfen: Man vergleiche die schönsten und ausgewogensten ihrer Texte mit dem, was der jetzige Papst zu diesem Thema zu sagen hat, und man wird erkennen: Wir sind Zeitzeugen einer von Gott geschenkten Stunde des geistigen Durchbruchs - vergleichbar anderen bedeutenden Lehrentwicklungen, die die Geschichte der Kirche geprägt und verändert haben. Man kann ohne schmeichlerische Übertreibung sagen: Noch nie hat das Lehramt der Kirche in so differenzierter, einfühlsamer Weise über die eheliche Liebe, über die eheliche Umarmung und ihre "einzigartige, ja außerordentliche Bedeutung" (Johannes Paul II.) für Mann und Frau gesprochen, wie dies in den letzten Jahrzehnten der Fall war.

 

2. Die Liebes- und Sexualmoral des Lehramtes

 

Kurz umrissen läßt sich diese erneuerte, mit Autorität vorgetragene Sexualmoral des Lehramtes folgendermaßen darstellen:

Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Darum ist die Liebe seine "grundlegende und naturgemäße Berufung". Es gibt zwei besondere Weisen, die Berufung zur Liebe in die Tat des Lebens umzusetzen: Die eine ist die liebende Verbindung mit Christus durch die geheimnisvolle Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen", die andere die bräutliche Liebe ().

Diese Liebe umfaßt den ganzen Menschen, Leib und Seele, die Kräfte des Herzens, des Willens und des Leibes. Sie verlangt nach einer endgültigen Entscheidung "bis der Tod euch scheidet"! Die leibliche Vereinigung ist das äußere Zeichen der Ganzhingabe - ein Zeichen, das ohne das eheliche Jawort und die Liebe seines eigentlichen Sinnes beraubt und darum eine Sünde wäre. Umgekehrt verlangt die eheliche Liebe nach der Vereinigung, und darum kann Paulus von einer "ehelichen Pflicht" sprechen (), die natürlich nur als "Pflicht der Liebe" richtig verstanden ist (). Ferner ist diese Liebe ihrem Wesen nach fruchtbar: Die Gatten sollen miteinander die Berufung aller Christen zur Heiligkeit leben und sie sollen, wie es der Liebe selbstverständlich ist, füreinander dasein. Wenn von "Unterordnung" die Rede ist, dann nur im Sinne der juristisch unfaßbaren Gegenseitigkeit des aufeinander Hörens, das für Liebende selbstverständlich ist (). Die fruchtbare, eheliche Liebe findet ihre natürliche Erfüllung im Kind ().

Alle Normen, alle Ge- und Verbote, die das sexuelle Leben des Menschen betreffen, müssen als Folgen einer konsequenten Liebesethik verstanden werden. Das gilt nicht nur für das Nein zum Ehebruch, sondern auch für den vorehelichen Verkehr, der - wie Paul Zulehner treffend formuliert - immer ein "voreiliger" Verkehr ist, das gilt auch für die Lehre von "Humanae Vitae" oder auch die Ablehnung der künstlichen Befruchtung. Immer fehlt ein wesentliches Element der leib-seelischen Liebe oder es wird künstlich ausgeschlossen. Man könnte sagen: In allen nach katholischer Lehre unmoralischen Verhaltensweisen steckt ein Dualismus, das heißt irgendein Zerbrechen der wunderbaren Einheit der bräutlichen Liebe, die Leib und Seele, Vergangenheit und Zukunft, Hingabe der Personen und Offenheit für neues Leben umfaßt.

Wie in allen Bereichen seiner Natur ist der Mensch natürlich auch in seiner Geschlechtlichkeit von der Sünde schwer gezeichnet und bedroht. Imnmer dann, wenn die Liebe von der Selbstsucht unterlaufen wird, spricht die Kirche von einer bösen Begierde und diese hält sie für eine Sünde. Diese beginnt nach dem Wort Jesu im Herzen und mit dem lüsternen Blick, und auch die Ehe ist keine "Insel der Seligen", auf der es diese sexuelle Degradation des anderen zum Objekt der Lust nicht geben könnte. Spätestens seit der Diskussion um die Vergewaltigung in der Ehe sollte dies außer Streit sein (). Das moralische Immunsystem der Liebe, die sich gegen ihre Vereinnahmung durch sexuellen Egoismus wehrt, heißt Keuschheit. Mit einer Beschränkung der Liebe hat diese nichts zu tun, wohl aber mit einem entschlossenen Kampf gegen jede Form sexueller Unmenschlichkeit.

Es bleibt noch festzuhalten: In ihrer Ganzheitlichkeit ist die fruchtbare, in der sündigen Welt immer auch keusche Liebe zwischen Mann und Frau ein Zeichen, ein Gleichnis, eine Vorstellungs-Hilfe für die Beziehung zwischen Gott und seiner vielgeliebten Kirche.

 

 

VI. Die Reaktionen

Wie hat nun die kirchliche und profane Öffentlichkeit auf diese Entwicklungen offiziellen kirchlichen Lehre reagiert? Eigentlich in einer paradoxen, geradezu tragischen Art und Weise!

Allgemein kann man sagen: Die neue, großartige Lehre der Kirche über Liebe, Sexualität und Ehe ist für manche Kreise geradezu ein wohlbehütetes Geheimnis, anderen ist nur eine Karikatur bekannt, abgelehnt und ignoriert wird sie sowohl von manchen konservativen wie auch progessiven Kreisen. Viele Priester und Bischöfe (und vielleicht sogar nicht wenige Theologen) haben die einschlägigen, zugegebenermaßen anspruchsvollen Texte des Papstes nicht einmal gelesen. Wie so oft in der Geschichte der Kirche () kaufen nur wenige "den Acker", in dem der geistige Schatz verborgen liegt, und noch weniger unterziehen sie sich der Mühe des Grabens - sei es, weil sie dazu nicht fähig sind, sei es, weil sie von der Existenz des Schatzes schlicht und einfach keine Ahnung haben (), sei es, weil sie das Gold für wertlosen Plunder halten ().

 

1. Die konservative Reaktion

Auf der einen, im großen und ganzen eher einfluß-schwachen Seite stehen jene Traditionalisten, die dem Konzil nicht so richtig vertrauen, aber erst recht und überhaupt nicht Johannes Paul II.

W. Siebel, der führende Ideologe der "Sammlung glaubenstreuer Katholiken" - die allerdings längst, noch vor Lefébvre, den Bruch mit der katholischen Kirche vollzogen haben - spricht zum Beispiel von der "apostatischen Haltung Johannes Pauls II., der mit diesem Schreiben (über die Würde der Frau. Anmerkung) zur Förderung des Feminismus den Aufstand gegen die legitime Herrschaft, den er mit der Annahme der Befreiungstheologie erheblich stärkte, zu einem weltweiten Brand ausgedehnt hat. Der Aufstand gegen die legitime Herrschaft - ob in Staat oder Familie - bleibt aber immer nach dem Bilde Satans ein Aufstand gegen Gott selbst. Johannes Paul II. hat sich damit aber als ein Zerstörer der Familie und der von ihr abhängigen moralischen Erziehung erwiesen" (). Und in einem Leserbrief in der gleichen Zeitschrift heißt es:

"Johannes Paul II. ist so sehr von dem Mann/Weib-Problem fasziniert, daß er gar nicht mehr aufhören kann, darüber zu reden. Der Mann Woityla gehört auf die Ottomane eines Psychotherapeuten. Wes das Herz voll ist, läuft der Mund über. Er hat einem in sexu weise gewordenen Menschen nur Peinlichkeiten zu sagen" ().

Solche Stimmen können freilich mit keiner einigermaßen bedeutenden Anhängerschaft aufwarten und verdienen keine weitere Beachtung. Allerdings, die kritische Frage gilt auch jenen, die zwar äußerlich "papsttreu" sind, manchmal aber doch in einer Art und Weise über die sexuelle Liebe reden, die erkennen läßt: Sie haben das Ereignis nicht verstanden, sie haben sich von den puritanisch-leib- und lustfeindlichen Einflüssen einer vergangenen Zeit nicht wirklich befreien können und sie verstehen eigentlich nicht recht, worum es gegangen ist und wozu das Konzil notwendig war.

 

 

 

 

2. Der Protest nach "Humanae Vitae"

 

Zur Zeit des Konzils und unmittelbar danach waren sich, von einigen Traditionalisten abgesehen, alle einig: In den Texten über Liebe und Ehe hatten die Konzilsväter eine wichtige Debatte zu Ende gebracht und einen neuen Aufbruch ermöglicht.

Diese Situation sollte sich bald ändern. 1968 erschien die Enzyklika "Humanae Vitae". Gegen das Mehrheits-Votum der von ihm selbst zu seiner Beratung eingesetzten Kommission war der Papst zur Überzeugung gekommen, der Verhütungs-Mentalität und Praxis der Zeit ein bedingungsloses Nein entgegensetzen zu müssen. Und dies, obwohl er der Moderne gegenüber aufgeschlossen war und wußte, was er den Menschen und auch sich selbst anzutun im Begriffe war. Noch nie, bekennt Paul VI., habe er "die Last Unseres Amtes so empfunden wie in diesem Fall", und die ganze Welt war Zeuge des päpstlichen Geständnisses, daß er, der Stellvertreter Christi auf Erden, vor der Entscheidung "gezittert" habe. Aber er war in seinem Gewissen überzeugt: Er mußte seine Entscheidung "in der Fassung der vorliegenden Enzyklika" zum Ausdruck bringen ().

Das von Paul VI. vorausgeahnte geistige Erdbeben blieb nicht aus: Ein Sturm des Protestes brach los. Prominente Theologen stellten sich mehr oder weniger deutlich gegen die päpstliche Lehre und machten sich zum Wortführer einer immer größer werdenden Opposition. Kein Wunder, daß sich nicht wenige Bischofs-Konferenzen zu Erklärungen bereitfanden, die durch unklare Formulierungen versuchten, die praktisch-harten Konsequenzen der päpstlichen Lehre auf dem pastoralen Weg zu entschärfen ().

Die kritisch-oppositionelle Reaktion auf die Enzyklika wertet der amerikanische Jesuit Ch. Curran allerdings positiv als "einen bedeutsamen Wendepunkt in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche", indem erstmal das "Recht zur abweichenden Meinung gegenüber einer autoritativen, aber nicht unfehlbaren päpstlichen Lehre von vielen innerhalb der Kirche anerkannt" worden sei ().

Dann kam Johannes Paul II. auf den Stuhl Petri und eroberte im Sturm die Herzen der Menschen. Allerdings, offenbar unbeeindruckt von allen Widersprüchen, rief er wieder und wieder die Lehre seines Vorgängers in Erinnerung und sprach von göttlichen Gesetzen, die der Mensch nicht mißachten dürfe. Von einem innerkirchlichen "Recht zur abweichenden Meinung" kein Wort, im Gegenteil, er berief sich auf das Konzil und verlangte Gehorsam: "Der Gehorsam Gott gegenüber hindert uns niemals am Gehorsam dem Papst gegenüber; je vollkommener dieser ist, desto vollkommener ist auch jener", heißt es bei Katharina von Siena () - der Papst scheint nicht anders zu denken.

Sooft und so eindringlich tat er dies, zuletzt 1988 mit besonders starken und damit auch provozierenden Worten auf einem Kongreß in Rom, daß es nicht mehr möglich war, seine Stimme einfach zu überhören und so zu tun, als ob nichts gewesen wäre. Was dieser Papst als göttliches Gebot verkünde, sei, so hielten ihm rund 170 deutsche Theologen in der sogenannten "Kölner Erklärung" entgegen, eine Lehre, "die weder aus der Heiligen Schrift noch aus den Traditionen der Kirche begründet werden kann" (); mehr als ein Orientierungspunkt könne diese Privatmeinung des Papstes also nicht sein, und die Gläubigen sollten letztlich nach ihrem Gewissen entscheiden.

 

3. Die heutige Lage

 

Längst hat das Feuer des Widerspruchs gegen die päpstliche Lehre auch andere Positionen der kirchlichen Sexualmoral erfaßt: Vorehelicher Verkehr, homosexuelle Lebensgemeinschaften, Selbstbefriedigung und masturbatorisches Petting, alle diese Verhaltensweisen werden mehr oder weniger offen von Moralheologen gegen den Vorwurf, es handle sich dabei um Sünden, in Schutz genommen. Denn, so lehrt H. Haag, "außer Ehebruch kann kein Sexualverhalten unter Berufung auf die Bibel als sündhaft erklärt werden: weder außereheliche Beziehungen noch Selbstbefriedigung noch Homosexualität noch Prostitution. Und auch das Prinzip der absoluten Unauflöslichkeit der Ehe findet in der Bibel keine Stütze" (). Ja in Hinblick auf die schwierige Lage der afrikanischen Mission meint man sogar, die Kirchenleitung vor einem "raschen und abfälligen Urteilen" über die Institution der Polygamie warnen zu müssen (). Längst hat man nicht nur das von der Kirche behauptete Band zwischen Liebesakt und Fortpflanzung durchgeschnitten. Auch die Bindung der sexuellen Liebe an das eheliche Jawort wird grundsätzlich abgelehnt: "Das Verhältnis von Liebe und Ehe ist prekär. Liebe und Ehe fallen weder dem Anspruch nach noch den Tatsachen nach einfach zusammen. Darum", so folgert der Tübinger Religionspädagoge W. Bartholomäus, "ist es nicht möglich, die geglückte sexuelle Erfahrung an die Ehe zu binden. Denn Ehe und Liebe können verbunden sein. Sie sind es aber nicht zwangsläufig" (). Und "undifferenziert an alle gerichtet" Treue als Schutz vor AIDS zu empfehlen, hält er für ebenso falsch wie eine "pauschale Enthaltsamkeitserwartung" (). Er empfiehlt sexuelle "Selbstbestimmung" und will vor allem die jungen Menschen, "die ihre Sexualität entdecken, im Experiment entfalten und in der Liebe leben wollen, nicht von ihrer Sexualität abschrecken" ().

Die Beispiele ließen sich fast endlos vermehren. Das Gesamtbild ist klar: Manchmal verbunden mit persönlichen Angriffen () erheben viele Theologen schwerste Angriffe gegen die von Johannes Paul II. als göttliches Gebot vorgelegte Sexualmoral. Drastisch ausgedrückt: "Alles, was mit der Liebe zwischen Frau und Mann zu tun hat, ist in der Kirche den Händen der Dichter und Musikanten entglitten und in das schwere Blei der Gesetze geraten. Bis ins Peinliche, bis ins Schamlose, verwalten kirchliche Gerichte das Zusammenleben der 'Geschlechter', als wenn es in Dingen des Herzens nichts mehr zu fürchten gäbe als die wirklichen Triebkräfte jeder echten Religion: als die Liebe, den Rausch und die Ekstase" (). Von der Art, wie der Papst sein Lehramt im allgemeinen und auf dem Gebiet der Sexualmoral im besonderen verwaltet, werde es, befürchtet der alte, mehr denn je gerühmte Theologe B. Häring, zu einem katastrophalen Auszug aus der Kirche und einem noch größeren Verlust ihrer Glaubwürdigkeit kommen (). Die Krankheit der Kirche schreitet fort: "Die Kluft zwischen der Theorie des kirchlichen Lehramtes, auf der zur Zeit vor allem der Papst selbst insistiert, und der gelebten Moral der Christen, die sich nicht darum kümmern, was die Kirche sagt, wird immer tiefer. Und immer mehr verliert die Kirche ... an Glaubwürdigkeit" ().

 

 

VII. Wie wird es weitergehen?

Ein Riß geht durch die Kirche. Er betrifft nicht nur, aber auch die Lehre über das Gebot Gottes, soweit es die Geschlechtlichkeit des Menschen betrifft. Mit Appellen zur gegenseitigen Toleranz läßt sich die Wunde nicht heilen, so unverzichtbar und notwendig es auch sein wird, in der Haltung der Ehrfurcht, der Güte, der Liebe gegenüber den jeweils Andersdenkenden zu verharren und sich um eine wahre Ethik des Dialoges () zu mühen. Miteinander reden ist eine Sache, gehorchen oder im Dissens zu verharren eine andere.

Es geht dabei um nichts geringeres als die Liebe! Wenn Horkheimer z. B. recht hat, daß wir die Pille "mit dem Tod der erotischen Liebe bezahlen" werden müssen (), dann ist der Papst objektiv der Anwalt der Liebe und man müßte ihm für seinen mutigen, zähen Kampf geradezu auf den Knien danken! Und dies gilt natürlich nicht nur für die leidige Verhütungsfrage, sondern für die Liebe und ihre Gesetze. Wenn die Liebe wirklich die Kraft ist, die nach dem berühmten Wort Dantes "im Kreis die Sonne führt und alle Sterne" (), dann muß der Kampf ausgetragen werden. Wer siegen wird, ist innerweltlich betrachtet offen. Der Glaube vertraut auf den Geist Gottes, der die Seinen "in die ganze Wahrheit führen wird", auch jene Wahrheit, die sie jetzt noch nicht tragen können ().

Literatur

Adam A., Der Primat der Liebe. Eine Untersuchung über die Einordnung der Sexualmoral in das Sittengesetz. Kevelaer 1940.

Bartholomäus W., Unterwegs zum Lieben. Erfahrungsfelder der Sexualität. München 1988.

Brandstetter A., Die Abtei. München 1987.

Chéry H.-Ch., Ein brennendes Herz. Lebensbild der hl. Katharina von Siena. Zürich 1967.

Curran Ch., Sexualität und Ethik. Frankfurt 1988.

Denzler G., Die verbotene Lust. 2000 Jahre christliche Sexualmoral. München 1988.

Drewermann E., Psychoanalye und Moraltheologie Bd. 2: Wege und Umwege der Liebe. Mainz 1983.

Haag H. und Elliger K., Stört nicht die Liebe. Die Diskriminierung der Sexualität - ein Verrat an der Bibel. 2. Aufl. Olten 1986.

Hildebrand D. v., Reinheit und Jungfräulichkeit. 4. Aufl. St. Ottilien 1981.

Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben "Familiaris Consortio". Über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute. Rom 1981.

Johannes Paul II., Die Erlösung des Leibes. Communio personarum Bd. 2. Vallendar-Schönstatt 1985.

Johannes Paul II.: Über die Würde und Berufung der Frau (Mulieris Dignitatem). Rom 1988.

Kölner Erklärung vom 6. 1. 1989. In: Kathpress - Sonderpublikation 2/1989.

Laun A., Ethik des Dialogs: Den Gegner nicht diffamieren. In: "Präsent" 3. 3. 1988, 7.

Laun A., Freiheit und Gehorsam im Salesianischen Verständnis. In: Jahrbuch für Salesianische Studien Bd. 21. Eichstätt 1989, 71 - 106.

Paul VI., Enzyklika "Humanae Vitae". Über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens. Rom 1968.

Pieper J., Über die Liebe. München 1972.

Pius XI., Casti Connubii. Rom 1930.

Popp G., Aufbruch oder Rückzug? Zur gegenwärtigen Auseinandersetzung in der Kirche. Regensburg 1989.

Ranke-Heinemann U., Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität. Hamburg 1988.

Ries J., Kirche und Keuschheit. 2. Aufl. Paderborn 1922.

Ringel E. und Kirchmayr A., Religionsverlust durch religiöse Erziehung. Tiefenpsychologische Ursachen und Folgerungen. 2. Aufl. Wien 1986.

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