Franka Kaßner. Musterzimmer

22. Juli - 4. September 2011

Auch heuer stellt das Dommuseum wieder einen der barocken Vitrinenschränke in der Kunst- und Wunderkammer einer zeitgenössischen Künstlerin zur Verfügung. Die Reihe soll Künstler/innen vorstellen, deren Werke noch nie in Salzburg oder Österreich zu sehen waren. Bislang umfasste sie unter anderem Jonathan Meese, Bethan Huws und Gregor Schneider. In diesem Jahr kommt die Intervention von Franka Kaßner.

Franka Kaßner

Franka Kaßner (* 1976) stammt aus Oschatz, einer Stadt zwischen Leipzig und Dresden, und studierte 2000-2006 bei Olaf Metzel in München. Der Systemwechsel 1989 prägte sie: „Meine frühkindliche Phase spielte sich in der DDR ab“, sagte sie in einem Interview. „Die Erfahrungen meiner Eltern und die meiner Großeltern in den diktatorischen Systemen sind mir wichtig“ (d-radio, 23. Mai 2007). Ihre Arbeiten setzen sich daher mit Sozialismus und Nationalismus auseinander, mit Erinnerung und Wirklichkeit. Durch Zusammenstellung und Verfremdung von Fundstücken und Kunstwerken befragt sie soziale und historische Verhältnisse.

 

Franka Kaßners vielfältiges Werk umfasst Interventionen, Installationen, Collagen und Performances. Sie baute ein Berchtesgadener Gerichtszimmer von 1956 nach, übermalte es und machte es so zum Sinnbild einer Amtsstube der jungen BRD. Auf einer Tribüne für den Parteivorsitzenden der SED ließ sie das DDR-Kinderlied „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ erklingen, um Macht und Alltag der Diktatur gegenüberzustellen. Zuletzt setzte sie sich in Arbeiten wie „Zeitgenössisches Wohnen“ mit Fragen nach dem Verhältnis von Privat und Öffentlich auseinander.

Musterzimmer

Franka Kaßner stellt der Wunderkammer ein „Musterzimmer“ entgegen, das sie in den barocken Schrank einfügt. Sie hat den Schrank innen mit schwarzem Tape verkleidet, auch ein Puppenkopf und eine Micky-Maus sind mit Tape und schwarzem Schellack überzogen. Eine Hand liegt am Puppenkopf wie zum Pioniergruß: „Seid bereit! Immer bereit!“. Die Fotografie eines Toten gibt die ironische Antwort, mit dem Titel: „Umsonst bemüht“. Die Micky-Maus steht für den westlichen Kapitalismus, unter ihren Füßen verbergen sich Rasierklingen. Der sowjetische Spielzeugpanzer und das Einfamilienwohnhaus des Typs EW 65 versinnbildlichen Sowjetmacht und Alltag. Politische und private Sphäre stehen sich gegenüber wie Makrokosmos und Mikrokosmos in einer barocken Wunderkammer. Dem inhaltlichen entspricht auch ein formales dichtes Netz von Bezügen: zwischen schwarzem Objekt und schwarzem Hintergrund, zwischen Spirale und Ring, zwischen Glasblume und Stoffblume.

Kunst- und Wunderkammer

Die Kunst- und Wunderkammer entstand in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Nach dem Ende des Fürsterzbistums wurde der Sammlungsbestand zerstreut, nur die Schränke blieben zurück. 1974 wurde deren Inhalt im Sinne eines barocken Kuriositäten¬kabinetts rekonstruiert.

 

Eine barocke Kunst- und Wunderkammer versammelte Objekte aus der Natur und Werke der Kunst: ausgestopfte Tiere, Fossilien, wissenschaftliche Geräte, Bergkristallschleif¬arbeiten etc. Die Stücke waren nicht wissenschaftlich geordnet, sondern nach Material oder Zweck. Die Zeitgenossen unterschieden zwischen künstlichen Objekten, „artificialia“, und natürlichen, „naturalia“. Die einen waren das Werk des Menschen, die anderen galten als das Werk Gottes. In ihrer Gesamtheit sollten sie den Kosmos verbildlichen.

 

Heute ist die Kunst- und Wunderkammer Teil des Museums. Die vielfältige Sammlung von Mineralien, Fossilien, Tieren und Geräten steht für ein System von Beziehungsstrukturen und spricht zugleich die unmittelbare Erfahrung an.

Franka Kaßner, Musterzimmer, 2011, Foto: Galerie Christine Mayer/Frank Stürmer
Franka Kaßner, Musterzimmer (Ansicht der Installation), 2011, Foto: Dommuseum/Andrew Phelps
Franka Kaßner, Musterzimmer (Detail der Installation), 2011, Foto: Dommuseum/Andrew Phelps
Franka Kaßner, Musterzimmer (Detail der Installation), 2011, Foto: Dommuseum/Andrew Phelps