Jonathan Meese

Dr. Staatsall
Die 1. senfgelblichen Elixiere der Weltraumgöttinen entstammten der 1. getreidigen Ordensburg "Dr. Eizahn des klebrigen gänselebrigen Opiumeese", geboren im Saalzahn "proteus vi"

Installation in der Kunst- und Wunderkammer
22. Juli - 31. August 2004

Jonathan Meeses „Dr. Staatsall“ setzt die im vergangenen Jahr begonnene Reihe von Installationen zeitgenössischer Künstler/innen in der Kunst- und Wunderkammer fort. Die Reihe bietet den Künstler/innen die Möglichkeit, in dem barocken Ensemble zu intervenieren, und erlaubt umgekehrt dem Dommuseum, aktuelle Kunst zu zeigen.

Jonathan Meese

Jonathan Meese (*Tokio 1971) lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin. Durch sein vielseitiges und intensives Schaffen ist er in den letzten Jahren zu einem der herausragenden jungen deutschen Künstler geworden.

 

Meeses Oeuvre umfasst Installationen, Performances und Lesungen, in jüngster Zeit auch Gemälde und Bronzefiguren, also „klassische“ künstlerische Techniken. Die raumgreifenden Installationen bestehen aus Fundstücken, Fotokopien, Zeichnungen sowie Texten, die Meese zu Papier oder direkt auf die Wand bringt.

 

Die Begriffe und Namen, die er dabei verwendet, wie „Erz“, „Gral“ und „Blut“, assoziieren Erhabenes oder Existentielles. Andere, wie „Nero“, sind negativ besetzt. Indem er sie verbindet, bricht er ironisch die Bedeutung der einzelnen Worte.

 

Mit dem Bühnenbild zu der Inszenierung „Kokain“, die die Berliner Volksbühne in Hallein aufführt, wird Jonathan Meese in diesem Jahr bei den Salzburger Festspielen präsent sein.

Dr. Staatsall

Die Installation nimmt einen Schrank der Kunst- und Wunderkammer ein, ist also nur 0,6 m3 groß. Zu den ausgestellten Gegenständen gehören das Modell des Bühnenbildes für die Inszenierung „Kokain“, ein Gemälde und Abbildungen von Bronzefiguren. Zudem ist der Künstler in Fotos und mit seinem Namen auf einem Bucheinband präsent.

 

Einige Objekte bilden Gegensatzpaare: Kleists „Hermannschlacht“ steht Gruselromanen gegenüber, ein übergroßer Schnuller einem kleinen Schlagstock und einer rosa Pistole. Das Spiel mit Hoch- und B-Kultur, Spielzeug und Waffe, Groß und Klein wirkt ironisch.

 

Andere Objekte haben symbolische Bedeutung: Ein Spiegel verweist im positiven wie im negativen Sinn auf den Akt der Selbstbetrachtung. Die Schrift auf dem Glas bricht und erweitert diese Bedeutung. Kamm und Bürste erinnern daran, dass Haare früher Stärke symbolisierten: Simson verlor seine übermenschlichen Kräfte, als Delila ihm die Haare schnitt (Richter 16,17).

 

Die Texte zitieren Namen aus Film, Literatur und Geschichte: „Zardoz“ ist der Titel eines Science-Fiction-Films, der das Bild einer dekadenten Klassengesellschaft entwirft (1974, UK/Irland). Ihr steinerner Götze heißt „Zardoz“, eine Verballhornung des Kinderbuchtitels „Wizard of Oz“. „Hagen von Tronje“ ist die düstere Gestalt der Nibelungensage; er ermordet Siegfried und versenkt den Schatz der Nibelungen im Rhein. Antoine-Louis-Léon de Saint-Just (* Decize 1767, + Paris 1794) war französischer Revolutionär, er verlangte die Hinrichtung des Königs und starb selbst durch die Guillotine. „Saint Just“ lässt sich aber auch als Name des heiligen Justus lesen.

 

Durch die vielfältigen und widersprüchlichen Bezüge macht die Installation einen allumfassenden Eindruck. Zugleich trägt sie Züge einer Sammlung. Aus diesem schöpferischen Chaos erzeugt Jonathan Meese einen eigenen, heiteren Kosmos, der einer barocken Kunst- und Wunderkammer erstaunlich nahe kommt.