Jedermann

Jedermann, Salzburger Festspiele 2004, Jens Harzer (Tod), Peter Simonischek (Jedermann), Foto: Archiv Salzburger Festspiele, Hermann, Clärchen & Matthias Baus.

21. Mai - 26. September 2010

Zum 90-jährigen Bestehen der Festspiele wird die Lange Galerie der Erzabtei St. Peter zu einem Gang durch die Geschichte des Jedermann. Historische Fotos zeigen alle Tischgesellschaften und Jedermänner seit 1920, Kostüme rufen die Erinnerung an das Schauspiel wach. Vor allem aber bieten die Fenster der Langen Galerie einen beeindruckenden Blick auf den Schauplatz vom Leben und Sterben des reichen Mannes.

 

Im August 1917 reichte Max Reinhardt bei der Generalintendanz der k.u.k. Hoftheater in Wien eine Denkschrift zur Errichtung eines Festspielhauses in Hellbrunn ein. Er verwies darin auf die künstlerische und ökonomische Bedeutung von Salzburger Festspielen, die er „als eines der ersten Friedenswerke“ forderte. Doch den zuständigen Beamten erschienen Reinhardts Ideen inmitten des Ersten Weltkrieges wohl als zu utopisch, das Exposé wurde ad acta gelegt. Parallel dazu initiierte Friedrich Gehmacher – der Direktor der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt Salzburg und Zentralvorsteher der Internationalen Mozart-Gemeinde – gemeinsam mit dem Wiener Musik- und Theaterkritiker Heinrich Damisch die Gründung einer Salzburger Festspielhaus-Gemeinde in Wien, die schließlich am 1. August 1917 ihre konstituierende Sitzung hatte. Im August 1918 wurden Max Reinhardt, Richard Strauss und Franz Schalk in den neu geschaffenen Kunstrat berufen, der 1919 mit Hugo von Hofmannsthal und Alfred Roller erweitert wurde.
Ungeachtet der schwierigen Nachkriegssituation drängte Reinhardt auf einen baldigen Festspielbeginn. In Ermangelung eines geeigneten Werkes und eines eigenen Festspielhauses, dessen Errichtung durch die galoppierende Inflation in weite Ferne gerückt war, setzte Reinhardt kurz entschlossen Hofmannsthals Jedermann, den er bereits 1911 im Berliner Zirkus Schumann uraufgeführt hatte, als Freilichtinszenierung vor dem Salzburger Dom an. Der kunstsinnige und aufgeschlossene Fürsterzbischof Ignatius Rieder gab die Genehmigung dazu und gewährte Reinhardt zudem, Domfassade, Orgelspiel und Glockengeläute für die Aufführung zu nützen. Unter meisterhafter Einbeziehung der Naturkulisse wurde die Stadt nun erstmals tatsächlich zur „Szene“. „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, das – mit Alexander Moissi als Jedermann – am 22. August 1920 erstmals in Salzburg über die Bühne ging und die Festspiele einleitete, war wie für den Schauplatz geschaffen und umgekehrt.
1921 wurde der Jedermann wiederholt und stand auch von 1926 bis 1937 alljährlich auf dem Festspielprogramm. 1938, unter der nationalsozialistischen Herrschaft, verschwand er vom Spielplan, um nach dem Zweiten Weltkrieg, 1946, wieder aufgenommen zu werden. Seither bildet der Jedermann auf dem Domplatz nach Reinhardts Konzept das Kernstück der Festspiele – aus einer Notlösung wurde das erfolgreichste und dauerhafteste Provisorium der Theatergeschichte und das Aushängeschild der Festspiele.

 

Der Jedermann wird Jahr für Jahr vom Publikum gestürmt, wegen des einzigartigen, stets von Wetterkapriolen geprägten Freiluft-Spektakels – und nicht zuletzt wegen der großartigen Schauspieler: Will Quadflieg, Walther Reyer, der „reiche Mann“ der sechziger Jahre, Curd Jürgens und Maximilian Schell in den Siebzigern, Klaus Maria Brandauer, der die achtziger Jahre dominierte, Helmuth Lohner und Gert Voss, die beiden gegensätzlichen Protagonisten der neunziger Jahre. Dazu der glanzvolle Reigen der Buhlschaften, von Ellen Schwiers und Maria Emo über Christiane Hörbiger, Nadja Tiller, Senta Berger und Elisabeth Trissenaar bis Sunnyi Melles, Maddalena Crippa, Sophie Rois und Dörte Lyssewski. Der Rest ist neuere Salzburger Festspielgeschichte, getragen von Peter Simonischek, dem längstdienenden Jedermann aller Zeiten, und einem riesigen Ensemble an außerordentlichen Mitspielerinnen und Mitspielern. Zum 90-Jahr-Jubiläum inszeniert Christian Stückl das Traditionsstück mit einem weitgehend neuen Ensemble und dem jüngsten Jedermann seiner Geschichte: Nicholas Ofzarek – und ihm zur Seite steht Birgit Minichmayr als Buhlschaft.

Jedermann, Salzburger Festspiele 2004, Jens Harzer (Tod), Peter Simonischek (Jedermann), Foto: Archiv Salzburger Festspiele, Hermann, Clärchen & Matthias Baus.
Jedermann, Salzburger Festspiele 1926, Foto: Archiv Salzburger Festspiele.
Lange Galerie mit Jedermannn-Ausstellung, 2010, Foto: Peter Laub
Lange Galerie mit Jedermannn-Ausstellung, 2010, Foto: Peter Laub