zwischen kirchendienst und gottesdienst. mozarts geistliche musik

festrede zur eröffnung der ausstellung am 7. april 2006

peter paul kaspar

Wolfgang Amadeus war in seiner Salzburger Zeit im Dienst des Fürsterzbischofs und als Musiker am Dom ein – Kirchendiener. Die Musik, die er schuf, war dem Gottesdienst zugeeignet – also Gottesdienst. Die Kirche auf Erden – Gott im Himmel. Zwischen Kirchendienst und Gottesdienst – in einem genauen Sinn dieser Worte – ist seine geistliche Musik entstanden. In diesem Spannungsfeld ist sie zu bedenken:

 

mozart als kirchendiener

Mozarts geistliche Musik ist kein unproblematisches Feld. Wir wissen heute, dass Mozarts Glaube keineswegs unkritisch und unproblematisch und dass sein Lebensstil für eine kirchentreuen Katholiken seiner Zeit nicht gerade vorbildhaft war. Auch wurden seine privaten Späße, seine deftigen, anal-erotischen Briefe und viele anderen Details seiner Biographie von den geistlichen Herren und frommen Damen seither gerne verschwiegen und aus seiner Vita retuschiert. Andrerseits könnte man auch sagen, dass der ganze und ungeschönte Mozart samt seinen Schwächen und Obsessionen uns wenigstens menschlich näher ist als die fehlerfrei glatt gebügelte Vita eines kanonisierten Heiligen. Haben wir doch allesamt unsere Fehler und Schwächen und bedürfen der Nachsicht der Zeitgenossen, vielleicht auch der Nachwelt.

Dazu kommt, dass Mozarts letzter fürsterzbischöflicher Dienstgeber zwar ein hoch stehender Hierarch, doch auch ein eitler und herrschsüchtiger Vorgesetzter war, der Mozarts einzigartige Begabung nicht erkennen konnte und ihn daher reichlich überheblich behandelte. Die Gilde der Musikfreunde hat ihn dafür in der historischen Nachrede ohnehin reichlich abgestraft. In dieser Auseinandersetzung zwischen einer musikalischen Jahrhundertbegabung und einem unsensiblen Feudalherren wird wieder einmal deutlich, dass es keineswegs zwingend ist, im kirchlichen Intensivsegment – wie man es heute nennen würde – ein guter und gläubiger Christ zu sein. Fast möchte man das Gegenteil folgern: Es ist nicht immer leicht, im Schatten der Kathedralen und im Dunstkreis der Kirchenfürsten seinen guten Glauben zu bewahren.

Auf der anderen Seite erfreut sich Mozarts geistliche Musik seit ihrer Entstehung ohne Unterbrechung großer Wertschätzung bei Gläubigen und Kunstsinnigen. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass bis zu jener Zeit die meisten Musikwerke mit dem Tod ihres Schöpfers verklungen und vergessen waren. Erst im 19. Jahrhundert begann das, was wir heute eine historisierende Musikpflege nennen könnten – also die Aufführung der Musik verklungener Epochen. Verkürzt könnte man sagen, dass bis ins 19. Jahrhunderts hinein fast nur „moderne“ – also zeitgenössische – Musik  zu Gehör gebracht wurde. (Würden wir das heute noch tun, blieben unsere Konzertsäle ziemlich leer.) Mozart war wohl der erste Komponist, dessen Musik seit ihrer Entstehung ungebrochen erklingt – ein musikalischer Best- und Longseller in einem.

Die Diskrepanz zwischen einem nur mäßig frommen – wenn es vorsichtig gesagt sein soll – Komponisten und seiner ungebrochen berührenden und ergreifenden geistlichen Musik ist deshalb durchaus der Überlegung wert. Zudem wissen wir, dass die vollendeten Kirchenmusikwerke Mozarts in Erfüllung seiner Dienstpflichten in der Salzburger Zeit entstanden sind. In den zehn Wiener Jahren komponierte Mozart nur zwei unvollendete Messen: die große Messe in c-moll und die Totenmesse, das Requiem. Die einzige Ausnahme ist eine kleine, tatsächlich zu Ende komponierte Musikminiatur. Sie dauert nur 46 Takte und ist ein auffallend unauffälliges Chorwerk für einen befreundeten Chormeister aus Baden bei Wien.

 

ein freundschaftsdienst als gottesdienst

Diese für Mozart einzigartige und ungewöhnliche Schlichtheit erklärt sich wohl aus den beschränkten Sangeskünsten des Badener Kirchenchores und hat wahrscheinlich ein musikalisches Vorbild bei Michael Haydn. Man möge bedenken, dass Kirchenchöre – also Laienchöre mit Bedarf an unkomplizierten Kompositionen – die damals noch nicht lange währende Schulpflicht voraussetzen. Denn erst als eine ganze Generation der Bevölkerung sozusagen „durchalphabetisiert“ war, konnte es zu jener breiteren bürgerlichen Musikkultur kommen, der wir unsere Kirchenchöre und Gesangsvereine, die Konservatorien und Sinfonieorchester, die bürgerlichen Theater und Konzertsäle verdanken. Es muss also bedacht werden, dass Mozarts gesamtes Kirchenmusikwerk nicht für Kirchenchöre, sondern für professionelle Musiker – Kapellsänger und Instrumentalisten – komponiert wurde.

Allerdings mit dieser einzigen Ausnahme: Das schlichte und kurze Chorstück, von dem hier die Rede ist, mit sparsamer und ebenso schlichter Streicherbegleitung, erklang in Baden wahrscheinlich zum Fronleichnamsfest in Mozarts letztem Lebensjahr. Es ist vermutlich Mozarts einzige Kirchenmusik für Amateure – wie wir das heute nennen würden – und doch eines der berühmtesten Chorwerke überhaupt: Ave verum corpus. Da wir alle diese Musik vermutlich von Kindesbeinen an kennen, fällt uns gar nicht mehr auf, dass sie nicht sehr nach Mozart klingt. Menschen, die dieses Werk zum ersten Mal hören – doch wo gibt es die? – würden wahrscheinlich gar nicht auf Mozart tippen. Ein Unikat also in Mozarts gesamtem Werk – aber auch in seiner gesamten geistlichen Musik.

Dieses kurze Gelegenheitswerk Mozarts steht jedoch nicht nur stilistisch und von seinen technischen Anforderungen einzig da, sondern auch von der Entstehung und Motivation: Alle andere Kirchenmusik schrieb der Profi Mozart für Profimusiker in Erfüllung seiner Dienstpflicht oder gegen Geld. (Beim großen Messfragment in c-moll ist die Vorgeschichte allerdings nicht ganz geklärt.) Das Ave verum schrieb er für einen Freund und Liebhaber seiner Musik – und wahrscheinlich auch ohne Honorar. Um es zuzuspitzen: Das Ave verum schrieb er nicht im „Kirchendienst“, sondern – wörtlich geredet – im „Gottesdienst“. Wenn nämlich Nächstenliebe und Freundschaftsdienst der wahre Gottesdienst sind, haben wir Mozart in diesem Fall – wie man österreichisch sagen würde – beim „Pfusch“ ertappt.

Dies ist – es sei zugegeben – eine zugespitzte Formulierung für einen Sonderfall: Denn anders als im berühmten Ave verum komponiert Mozart seine sonstige Kirchenmusik im Rahmen einer damals für Künstler üblichen Dienstverpflichtung. Das geschah ebenso professionell wie kunstvoll. In ihr Mozarts persönliche Frömmigkeit erklingen zu hören, ist wohl – im wörtlichen Sinn – ein frommer Wunsch. Wenn irgendwo Mozart und seine existentielle Gläubigkeit in der Musik mitklingt, dann am ehesten in seiner durch den Tod unvollendet gebliebenen Totenmesse. Aus seinem Umkreis wissen wir, dass der bereits erkrankte Komponist davon gesprochen haben soll, hier sein eigenes Requiem zu schreiben.

 

gottesdienst als gesamtkunstwerk

Man muss allerdings gar nicht Mozarts Frömmigkeit bemühen, um seiner Kirchenmusik einen besonderen Rang zuzusprechen. Denn Mozart war auf Grund seiner Erziehung, seiner hohen Bildung und seiner vielen Kirchendienste hinreichend mit dem vertraut, was in der gottesdienstlichen Musik zur Sprache kommt. Und zu seiner Zeit stand auch das barocke Hochamt im Reichtum seiner Formen, Symbole und Akteure in voller Blüte. Es war ein liturgisches Schau- und Hörspiel von höchstem Rang, ein in Jahrhunderten gewachsenes und von vielen – auch anonymen – Urhebern geschaffenes Gesamtkunstwerk aus Sprache und Musik, aus Architektur und Bildender Kunst, aus kunstvollen Gewändern und Geräten, aus bedeutungsschweren Symbolen und Gesten. Und man musste nicht jedes Detail verstanden haben, um das Ganze zu verstehen.

 

Für dieses umfassende Gesamtkunstwerk, ein – wie wir heute sagen würden – multimediales theatralisches Kultevent von hoher Qualität in der abendländischen Kulturgeschichte, schuf Mozart die Bühnenmusik. Wen es verschreckt, hier von Bühne zu hören, der blicke nur im Salzburger Dom und in vielen anderen Kirchen jener Zeit umher: Er wird die theatralische Ambition der Altaraufbauten inmitten weiter Zuschauerräume erkennen. Und in diesen Schau- und Hörräumen bewegten sich die Kleriker in den liturgischen Gewändern nach althergebrachtem Ritual in einer Dramaturgie, die auch niedere Dienste umfasste, von den Akolythen über die Chorknaben bis zum Ministrantenballett. (Allesamt männlich – allerdings.) Für dieses theatralische Ereignis schrieb Mozart – zu einem stets gleich bleibenden lateinischen Libretto – seine Messen. Bühnenmusik für das liturgische Schauspiel.

Diese Überlegung war notwendig, um Mozarts Kirchenmusik aus der Verlegenheit zu befreien, stets fromm gemeint sein zu müssen. Mozarts geistliche Musik verliert ihren hohen Rang keineswegs, wenn wir die Frage seines persönlichen Glaubens offen lassen. Und das mag man auch als Zeichen einer zeitgemäßen Toleranz erkennen, die es allmählich akzeptiert, wenn auch Zweifler und Andersgläubige nach Gott fragen, von Gott reden und nach Gott suchen. Denn gelegentlich mögen die Suchenden Gott näher sein, als jene, die glauben, ihn längst gefunden zu haben, – und auf Grund dessen meinen, über den Glauben anderer herrschen zu dürfen. Bibelkenner mögen die Anspielung auf ein Pauluswort erkannt haben: „Wir wollen nicht über euren Glauben herrschen, sondern eurer Freude dienen.“ (2 Kor 1,24) Und das lässt sich von Mozarts Kirchenmusik deutlich sagen: sie dient uns zur Freude.

 

die balance von musik und sprache

An dieser Stelle sei ein abschließender Exkurs in die Gegenwart gestattet: Wer heute an den Sonn- und Feiertagen ganz gewöhnliche und durchschnittliche Gemeindegottesdienste besucht, wird gerade diese Freude oft vermissen. Was sich in unseren Sonntagsmessen häufig abspielt, ist eine üppige Wortliturgie mit kleinen Häppchen pflegeleichter Musik. Wahrscheinlich bestehen diese Messen zu etwa 80 bis 90 % aus Text und zu etwa 10 bis 20 % aus Musik. (Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um die Aufführung von Messen mit Chor und Orchester, die ja nicht in allen Kirchen und auch gar nicht wöchentlich leistbar wären, sondern um die „normalen Sonntagsgottesdienste“.) Die heutige Musikpflege in vielen Gemeinden ist ähnlich ornamental wie der Blumenschmuck – klein und nett, ohne Aufwand und mit geringer Bedeutung. Jedoch – schroff gesagt: Musik und Gesang sind nicht Ornament der Liturgie – sie selbst sind Liturgie.

 

Seit der Liturgiereform vor vierzig Jahren hat sich, kaum bemerkt, eine Schwerpunktverlagerung ergeben: Aus der früheren Balance von Wort und Musik wurde eine verbale Vortragsveranstaltung mit gelegentlichen Gesangsstrophen. Natürlich war die Liturgiereform samt der Einführung der Volkssprache richtig. Aber die Gesamtheit der liturgischen Handlung ist aus der jahrhundertelang erprobten Balance gekippt: Früher war nur das Evangelium und die darauf folgende Predigt deutsch – manchmal vor der Messe und etwa ein halbe Stunde lang. Die von Musik überlagerte oder in Musik ausgeführte lateinische Liturgie dauerte ebenfalls etwa eine halbe Stunde. Nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ gab es ein gewisses Gleichgewicht von zwei Sprechweisen, von zwei Arten der Rede: die Wortrede der geistlichen Texte – und die Klangrede der geistlichen Musik.

 

Vor diesem Hintergrund hat Mozart seine Kirchenmusik geschrieben. Wenn dieses Mozartjahr, wenn diese Ausstellung und diese Stunde des Gedenkens an ihn und sein Werk einen tieferen Sinn und eine Konsequenz für die Zukunft von Liturgie und Kirchenmusik haben sollen, dann könnte es diese sein: Stellen wir die Balance zwischen Musik und Sprache wieder her!

 

die balance wiederherstellen 

1.       Beschränken wir das Wort auf wenige, dafür aber gewichtige, sprachmächtige oder poetische Texte, und lernen wir wieder das Schweigen und die Stille auszuhalten – auch sie sind Teil der Liturgie. Widerstehen wir dem gegenwärtigen liturgischen Sprachkrebs, der sich in den vielen gut gemeinten Zwischentexten, frommen Anmutungen und den versprengten Predigtfragmenten ausbreitet.

2.       Geben wir der Musik wieder ihren Rang als Liturgie, als Klangrede, als die zweite, ganz andere Sprache des Gottesdienstes. Beschränken wir die Musik nicht auf das Gemeindelied mit ein paar Orgelakkorden, sondern pflegen wir die gesamte Breite des Alten und Neuen, sowohl im gemeinsamen Gesang als auch im Zuhören – das ja keineswegs passiv sein muss, wie viele meinen.

3.       Und beherzigen wir das Pauluswort, dass wir nicht über den Glauben herrschen, sondern der Freude dienen sollten. Das gilt sowohl für manche doktrinäre Predigt als auch für allzu detaillierte liturgische Anordnungen, ja auch für das freudlose Exekutieren des Vorgeschriebenen. Ein Gottesdienst, der bloß gehalten, nicht aber gefeiert wird, kann als misslungen gelten. Wo keine Freude aufkommt, verkommt die Frohe Botschaft zur Pflichterfüllung.

Es liegt mir ferne, Mozart zu einem Kirchenlehrer hochzustilisieren. Doch die ansteckende Lebensfreude seiner Musik vermag ohne Worte etwas zu bewirken, was in unserer heutigen Kirche selten geworden ist: Lebensfreude und Trost. In einer Kirche, die manchmal so wirkt, als habe sie das Lachen verlernt und als könne sie den Menschen in ihrer Not kaum Trost bringen, schenkt Mozarts Musik beides. Die reichlich humorlosen Cäcilianer des 19. Jahrhunderts haben Haydn und Mozart wegen ihrer lebensfrohen Heiterkeit verpönt – die Missa brevis in D-Dur ließen sie wegen ihrer Schlichtheit mit Nachsicht gerade noch gelten. Mozart mag mit seinem kritischen Glauben und seiner aufmüpfigen Art vielleicht ein wenig vorbildhafter Kirchendiener gewesen sein. Der Gottesdienst seiner lebensfrohen Musik schenkt uns heute noch Freude. Gottlob.

Gottlieb hieß er. Auf Theophilus wurde er getauft. Amadeus wird er genannt. Ein guter Name. Er und seine Musik sind ein Geschenk Gottes an uns – auch und gerade heute. Gott sei Dank.

 

Peter Paul Kaspar studierte Musik und Theologie in Wien und Innsbruck, lebt heute als Akademiker- und Künstlerseelsorger in Linz und ist dort Rektor der Ursulinenkirche. Er ist Autor zahlreicher Bücher, konzertiert als Organist und Cembalist und unterrichtet an der Linzer Anton-Bruckner-Universität.