Flucht nach Ägypten

1. Dezember 2007 - 6. Januar 2008

Die heurige Weihnachtsausstellung des Dommuseums hat die „Flucht nach Ägypten“ zum Thema, die Flucht von Maria, Josef und dem Jesuskind vor dem Kindermord in Bethlehem.

 

Die Aussagen, die die Bibel zur Flucht der heiligen Familie macht, sind knapp. Nach Matthäus erschien ein Engel dem Joseph im Traum und befahl ihm: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten!“. Denn König Herodes wollte alle Kinder in Bethlehem töten lassen (Mt 2,13). Die anderen drei Evangelisten erwähnen das Geschehen nicht.

 

Umso ausführlicher erzählen die apokryphen Evangelien die Geschichte: Die hl. Familie sei durch die Hebamme Salome begleitet, ein aussätziges Mädchen durch das Badewasser des Jesuskindes geheilt, böse Kinder in Geißlein verwandelt worden. Dattelpalmen hätten sich der Familie zugeneigt, eine Quelle sei entsprungen, um den Durst der Familie zu stillen, Götzenbilder seien vor ihr gestürzt.

 

Seit dem 5.-6. Jahrhundert wurden einzelne Szenen der Geschichte dargestellt. Auch die äthiopsche Kunst nahm sich des Themas an, zumal die Äthiopier glaubten, dass die Heilige Familie sich in ihrem Land aufgehalten hätte.

 

Regelmäßig findet sich die Flucht seit dem 11. Jahrhundert in Bildfolgen des Lebens Christi oder des Lebens Marias sowie in typologischen Werken, z. B. im Perikopenbuch von St. Erentrud sowie in der Armenbibel der Erzabtei St. Peter. In den Holzschnitten Albrecht Dürers sowie den Kupferstichen Martin Schongauers zum Marienleben kehrt sie wieder; beide zeigen neben dem Reittier, dem Esel, auch den Ochsen. Die Holzschnitte des 15. Jahrhunderts zeichnen sich durch eine Neigung zum anekdotischen Detail aus.

 

Seit dem 17. Jahrhundert wurde seltener der Ritt auf dem Esel als die „Ruhe auf der Flucht“ dargestellt. Bei Guido Reni oder Thomas Schwanthaler sitzt Maria auf dem Boden und hält oder stillt das Kind. ähnlich der thronenden Madonna. Oft umgeben Engel die Mutter-Kind-Gruppe. Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb die Szene beliebt.

 

Im 18. Jahrhundert wurden jedoch auch wieder besonders erzählerische Szenen herausgegriffen, wie der „Sturz des Götzenbildes“ oder die „Überquerung des Nils“. Überragend ist die Bildfolge Gian Domenico Tiepolos, der die heilige Familie in 24 Radierungen auf der Reise zeigt.

 

Im 20. Jahrhundert, dem „Jahrhundert der Vertreibungen“, wurde die „Flucht nach Ägypten“ bemerkenswert häufig dargestellt. Die Ausstellung konfrontiert Gemälde Oskar Laskes und anderer mit zeitgenössischen Reportagefotografien aus Frankreich, Deutschland, Russland und Kambodscha. Sie erinnern an die Aktualität des Themas.

 

„Als Herodes alle Kinder in Bethlehem umbringen ließ, flohen Josef, Maria und Jesus nach Afrika“, sagte der südafrikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu in einer Rede 2007 und kehrte, halb flehend, die heutigen Verhältnisse um. Denn heute fliehen Afrikaner von ihrem Kontinent, um dem Tod durch Hunger oder Krieg zu entgehen.

Oskar Laske, Flucht nach Ägypten, 1945, Wien, Privatbesitz (courtesy Giese & Schweiger, Kunsthandel, Wien)
Giovanni Domenico Tiepolo, Beginn der Reise (Flucht nach Ägypten, Nr. 6), 1753, Göttweig, Stift Göttweig, Graphische Sammlung
Albrecht Dürer, Flucht nach Ägypten (aus dem Marienleben), 1510/1511, Göttweig, Stift Göttweig, Graphische Sammlung
Äthiopien, Traum des Josef/Flucht nach Ägypten, 1700/1800, Privatbesitz