Maria in der Hoffnung

25. November 2006 - 7. Januar 2007

Die heurige Weihnachtsausstellung des Dommuseums hat das Thema „Maria in der Hoffnung“. Das Bild der schwangeren Jungfrau, der „Maria gravida“, fand vor allem in der mittelalterlichen Kunst sowie in Volksbrauch und –kunst seit dem 18. Jahrhundert Verbreitung. Die Ausstellung zeigt die kunstgeschichtlichen und theologischen Bezüge sowie die Verehrung und den Brauch im Land Salzburg.

 

Die Schwangerschaft Mariens wurde in der christlichen Kunst in Szenen der Kindheit Jesu thematisiert, aber auch in Einzeldarstellungen der Gottesmutter und im Zusammenhang der Eucharistie. Je nachdem, wie realistisch oder symbolisch das Bild gedacht war, wurde die Schwangerschaft nur durch den gewölbten Bauch, durch die Figur des Kindes oder durch die Buchstaben „IHS“ auf dem Bauch Mariens gekennzeichnet.

 

Ausgangspunkt der Darstellungen war der Lobpreis, mit dem Elisabeth die schwangere Maria begrüßte: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (Lk 1,42). Der biblische Vers fand weite Verbreitung durch das „Ave Maria“, das seit dem 7.-8. Jahrhundert Teil der abendländischen Adventsliturgie und seit dem 13. Jahrhundert eines der wichtigsten christlichen Gebete überhaupt wurde.

 

Im Übrigen sind die Aussagen der Evangelien zur Schwangerschaft Mariens spärlich und wenig anschaulich. Johannes, z. B., schreibt nur: „Das Wort ist Fleisch geworden“ (1,14). Trotzdem wurde das Thema in apokryphen und mystischen Texten ausführlich dargelegt. Im apokryphen Bartholomäus-Evangelium heißt es: „O Mutterschoß, der du, im Leibe verborgen, den weithin sichtbaren Christus geboren hast!“. In der mystischen Literatur des Mittelalters führte die Identifikation mit der Gottesmutter zum Bild der „geistlichen Schwangerschaft“: „Tragt Sorge […] um den Sohn Gottes in Euch!“, mahnte ein Zisterzienserabt des 12. Jahrhunderts seine Mitbrüder.

 

Darstellungen der Maria gravida auf Ikonen blieben ähnlich abstrakt wie die Bibelstellen: Maria hält das Kind in einer Scheibe vor der Brust, ohne Verbindung zwischen Mutter und Sohn. Der Bildtyp heißt „Platytera“ oder „Muttergottes vom Zeichen“. Er hat jedoch im Westen, mit Ausnahme von Venedig, nicht Fuß gefasst.

 

Im Mittelalter häuften sich die Darstellungen der „Heimsuchung“, der Begegnung von Maria und Elisabeth. Seit etwa 1300 werden die Kinder vor den Bäuchen der Mütter wiedergegeben, wie auf dem ausgestellten Gemälde aus Kremsmünster (um 1460) oder auf den Türen der Kirche von Irrsdorf (um 1408). Das IHS-Monogramm als Zeichen der Schwangerschaft ist seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar, das Kreuz in einem Gemälde „Josefs Zweifel“ in Stift Nonnberg (um 1420, nach Mt 1,19).

 

In Bildern der „Verkündigung“ blieb das Motiv der Schwangerschaft selten. Im 14.-15. Jahrhundert wurde jedoch das Kind auf einem Strahl dargestellt, der von Gott zu Maria reicht. „Öffne Dein Ohr dem Wort Gottes“, mahnte der genannte Zisterzienserabt die Mitbrüder.

Jos. Ant. Zwickel, Marienmonstranz, um 1720/1740, Salzburg, Kath. Hochschulgemeinde
Maria in der Hoffnung, um 1770/1790, Salzburg, Erzabtei St. Peter
Johann Michael Rottmayr, Nähende Maria, 1712 , Mattsee, Stiftsmuseum

 

Gnadenbilder der schwangeren Maria gibt es in Bogenberg (Lkr. Straubing) und in Ohlsdorf (bei Gmunden/OÖ). Das Bogenberger Bild kam der Legende zufolge 1104 auf der Donau flussaufwärts geschwommen. Das heutige Gnadenbild ist jünger, es wird nachweislich seit 1400/1410 verehrt. Es hat eine rechteckige Öffnung mit Strahlenkranz, das Kind ist verloren. Zahlreiche Nachbildungen, darunter eine des 17. Jahrhunderts aus dem Lungau, sowie Votivbilder zeugen von der Wallfahrt.

 

Das Ohlsdorfer Gemälde stellt eine „Immaculata“ dar, die durch das IHS-Monogramm als schwanger gekennzeichnet ist. Ein Spruchband mit dem Satz: „Und das Wort ist Fleisch Worden“ greift das Motiv auf. Das Gemälde wurde 1657, vermutlich von dem Garstener Maler Christian Degenhart (* um 1611, † 1676), geschaffen. Die Verehrung ist seit 1663 nachzuweisen.

 

In Zusammenhang mit der Eucharistie stehen die Marienmonstranzen, deren Hostienbehältnis im Leib einer Marienfigur platziert ist. Sie setzen das Christuskind mit der Hostie, die Inkarnation mit der Wandlung gleich. Ähnliches gilt von der Patene mit der Platytera aus Kremsmünster.

 

Eine große Zahl von Kupferstichen und Gemälden der „Maria in der Hoffnung“ entstand seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Stiche stammen aus Augsburg, aus den Werkstätten von Martin Engelbrecht (* 1684, † 1756) und Johann Andreas Pfeffel d. Ä. (* Bischoffingen 1674, + Augsburg 1748) oder d. J. (* Augsburg 1715, † ebd. 1768); vermutlich haben sie den Gemälden als Vorlage gedient. Sie zeigen alle die gleiche, lesende Marienfigur und illustrieren nicht die Heimsuchung, sondern das „Magnificat“, die Antwort Mariens auf den Lobpreis Elisabeths: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“ (Lk 1,46-55). Eine Stichfolge gibt deren einzelnen Verse wieder.

 

Diese Gemälde dienen bis heute oft dem Brauch des „Frautragens“, das angeblich schon seit der Gegenreformation üblich, aber erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts nachweisbar ist. Der Brauch ist vor allem im oberen Pongau, im unteren Pinzgau und im Gasteiner Tal, aber auch im Flachgau verbreitet. In der Adventszeit wird dort ein Marienbild von Haus zu Haus getragen und mit einem Gebet oder einem Lied verehrt. Der Brauch erinnert an die Herbergssuche, insbesondere an das Volkslied „Als Maria übers Gebirge ging“.