100 Jahre Österreichischer Bauernbund

Predigt 100 Jahre Österreichischer Bauernbund, 25.11.2019, Wiener Stephansdom
Liebe Schwestern und Brüder!

Vom langjährigen Landesrat, Erich Pöltl, zuständig für Land- und Forstwirtschaft,
stammt der Ausdruck: „Was wäre unser Land ohne Kirche und Bauernhof.“ Ich
habe gegoogelt, konnte aber nicht herausfinden, wann er das gesagt hatte. Es
muss jedoch lange Zeit her sein, denn für das heutige Verständnis, so ehrlich
müssen wir sein, übertüncht die Romantik die Realität.

Ich verdanke jedoch diesen beiden Entitäten nicht nur Leben, sondern vor allem
auch die geistliche Berufung. In kleinbäuerlichen Verhältnissen in der
Oststeiermark aufgewachsen, war das bäuerliche Leben – in seiner
Verbundenheit mit einer tief tragenden Glaubenspraxis – eine fast untrennbare
gegenseitig inspirierende Synthese mit dem Glauben der Kirche eingegangen.
Beten und Bitten um gedeihliches Wetter ohne Blitz- und Hagelschlag prägte die
Erntezeiten in besonderer Weise. Eine Woche ohne Kirchgang war kaum
vorstellbar und für die Wenigen, die es wagten am Sonntag der Kirche
fernzubleiben, fast so etwas wie ein heroischer Akt. Die getrauten sich etwas!
Selbst was mein späteres Leben in der Wissenschaft betrifft, habe ich dieser
Herkunft vieles zu verdanken. Die Gottesbeweise z.B. sind für das Mittelalter
großartige Denkgebäude, man nennt sie die Kathedralen des Denkens. Sie sind
allerdings im 20. Jhdt schwer in die Kritik geraten, weil man sie als
Tatsachenbeweise des Glaubens missverstand; dem ist aber nicht so. Im Grunde
geht es dabei um die mögliche Denkbarkeit Gottes. Ist das Nichtsein Gottes
überhaupt denkbar? lautete die Grundfrage eines Anselm von Canterbury. Oder
mit anderen Worten: Wie und wo kommt das Denken an Grenzen und wie schaut
es an der Grenze aus? Steht dort die Einsicht in das totale Nichts? Oder gibt es
noch so etwas wie eine Sehnsucht über das wirklich Denkbare hinaus? Ist das
auszuschließen? Eine Grenze bezeichnet immer eine Markierung zwischen hier
und dort. Es gibt Letztheiten, an die können wir uns herandenken, aber (wir
können sie) nicht erfassen, begreifen. Es gibt Sprachformen, die davon zeugen.
„Wenn nichts mehr geht, kann man noch viel tun.“ Die Grunderfahrung zu dieser
Denkweise habe ich als kleiner Bub in unserer kleinen Landwirtschaft erfahren;
nämlich beim Ernten: Es war für uns Kinder klar, der schönste und größte Kürbis
gehört zum Erntedank in die Kirche. Das Schönste, Letzte, Größte, all das weist
schon in eine andere Welt hinein, in die Welt Gottes. Das verdanke ich meiner
Herkunft aus dem Bauernstand.

Kirche und Bauerstand waren kommunizierende Gefäße. Nur das war einmal!
Heute ist es nicht mehr so. Beide stecken in einer Krise. Kürzlich war in einer
Zeitung groß zu lesen, wie viele Bauerhöfe geschlossen werden müssen. Seit
1970 wurde mehr als jeder zweite Bauernhof geschlossen, so steht es im
Internet. Zurzeit schließen tagtäglich sechs Betriebe, weil sie nicht überleben
können oder weil es keine Hofnachfolge gibt. In meiner Heimat, in der
Südoststeiermark, gibt es im ganzen Bezirk keine Kuh mehr. Das konnte man sich
früher gar nicht vorstellen. Ein Bauer, der die Milch oder das Brot kaufen musste?
Damit geht jedoch auch ein großer Verlust von Erfahrungen einher, wie die
meiner Kindheit. Die wenig verbleibenden Bauern werden immer größer; das
Bauernwesen industrialisiert sich mehr und mehr.

Nebenbei bemerkt, weil jetzt sehr viel von der Klimakrise die Rede ist. Einer der
großen Verursacher im brasilianischen Regenwald ist die industrialisierte
Landwirtschaft. Der Herr Kardinal hat berichtet, ein Bischof habe gesagt: „Ihr
Europäer wollt, dass der Regenwald geschützt wird, seid aber nicht bereit, eure
Lebensweise zu ändern.“ Weil Europa einer der großen Abnehmer von
Sojabohnen ist, um unseren Fleischkonsum zu bewältigen.

Mit dem Bauernstand steht auch die Kirche vor riesigen Herausforderungen. Die
Austrittszahlen sind in die Höhe geschnellt. Es herrscht, wie es Papst Franziskus
meisterhaft zum Ausdruck bringt, die Ich-Religion. Ich habe meinen Glauben,
wozu brauche ich eine Institution? Ich gestalte meinen Glauben selbst, so kann
ich es immer wieder hören.

Es braucht Umkehr in kleinen Schritten, wir müssen auf Zukunft hin wirken; ganz
nach dem Wort Jesu: einer sät, der andere wird ernten. Das gilt für den
Glaubensbestand als auch für die Landwirtschaft. Im gläubigen Leben ist es oft
so, dass der entscheidende Impuls nicht von uns selber kommt, sondern von
außen. So einen Impuls sehe ich von der Ökologie ausgehen.

Wir müssen es uns eingestehen, wir leben nicht nur über unsere Verhältnisse,
sondern auch auf Kosten anderer. Auf Kosten, dass andere die Rechnung
bezahlen, dass andere unsere Preisgestaltung mittragen müssen, weil sie mit
Niedriglöhnen zufrieden sein müssen. Ich verstehe nicht, warum der Transport
von Lebensmitteln so wenig kostet. Wer zahlt da letztlich die Rechnung?
Gleiches gilt für die Kirche. Wir brauchen auch eine Ökologie des Glaubens. Wir
gehen mit dem Glauben um, als ob wir aus einem bodenlosen Fass beliebig
schöpfen könnten. Was ist mir der Glaube wert! Umsonst gibt es nichts. Bin ich
bereit auch nur irgendeinen Verzicht auf mich zu nehmen um des Glaubens
willen. Wir haben in den Städten unter 4% Sonntagsgottesdienstbesucher. Es
würde unserer Zeit angemessener sein, leiser aufzutreten, mit weniger zufrieden
zu sein und nicht ständig mit Maximalforderungen an die Kirche heran zu treten.
Was ist mir/uns der Glaube wirklich wert? Wird Jesus, so fragt er einmal, wenn
er auf Erden wiederkommt, noch Glauben vorfinden? Diese Frage sollen wir auf
uns wirken lassen, sie nicht vorschnell vom Tisch wischen.

Liebe Brüder und Schwestern, ich habe einen Vorschlag: Treten wir gemeinsam
wieder für die Heiligung des Sonntags ein. Es gibt eine Allianz für den freien
Sonntag. Da tun viele mit, aber aus ganz verschiedenen Motiven. Wir Christen
und Christinnen, wir sollen für die Heiligung des Sonntags eintreten. Es soll ein
Tag der Ruhe und nicht der Rastlosigkeit sein, ein Tag, an dem wir uns erinnern,
woher wir kommen und wohin wir gehen. Ein Tag der Familie, der Gemeinschaft,
ein Sonntag, an dem wir innehalten und aufblicken zu Gott. Mit dem Sonntag ist
vieles – um nicht zu sagen alles – gewonnen oder es geht auch vieles verloren.
Wie die arme Witwe im Evangelium des heutigen Tages. Sie hatte nicht viel, aber
was sie hatte, brachte sie in den Tempel; Gott hat ihre Not, aber auch ihre große
Bereitschaft gesehen. Sein Auge ruht auf ihr, er wird sie nicht verlassen.
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