Abschluss der Salzburger Hochschulwochen am 2. 8. 2015

Predigt von Erzbischof Franz Lackner im Dom zu Salzburg

Liebe Brüder und Schwestern!    

Der Nagel wurde aber schon genau am Kopf erwischt! Obwohl Präsident der Salzburger Hochschulwoche, weiß ich nicht, wem das diesjährige Motto – prekäre Humanität – eingefallen ist. Jedenfalls ein grandioser Geistesblitz, eine „coincidentia“ der brandaktuellen Art. Denn: Ereignisse überrollen uns, hier in Europa, mit seinen christlichen Wurzeln, wo weltgeschichtlich erstmalig der Grundbegriff der Personwürde in der Menschenrechtsdeklaration ohne Rücksicht auf Geschlecht, Religion, Weltanschauung und Herkunft ausformuliert wurde. Und dann das: An den Grenzen, nur wenige Kilometer von unseren Stränden des Mittelmeeres entfernt, wächst ein riesiger Friedhof von flüchtenden Menschen und in Europas Herzen Zeltlager. Papst Franziskus benennt Probleme unmissverständlich: Wirtschaftsformen, die töten, ökologische Krise, anderes mehr.  

Was ist das für eine Welt, in der wir leben? In der laut WHO-Bericht alle 40 Sekunden der Freitod gewählt wird. Wie muss die Rede vom Brot des Lebens, von dem Jesus heute im Evangelium spricht, in den Ohren derer, die hungern, sich nach einem würdevollen Leben sehnen, klingen? Nicht wie Hohn? Humanität ist in der Tat prekär geworden.  

Wo, auf welcher Seite, stehen wir als Kirche, mit dieser Botschaft „Brot des Lebens“? Es ist ja nur ein anderes Wort dafür, was Jesus „Leben in Fülle“ nennt, oder mit Nahe-gekommen-sein des Reiches Gottes meint. Eine Botschaft, in dessen Zentrum die Bergpredigt steht. An erster Stelle steht die Lobpreisung der Armen: „Selig die arm sind vor Gott.“ Die Armen werden von Jesus selig gepriesen. Ich werde da an die Ansprache unseres Landeshauptmannes erinnert: „1956 – Stichwort Ungarnkrise – waren wir in Erinnerung an das eigene Elend noch arm genug, um zu teilen.“  

Aber muss an dieser Stelle nicht auch ein kritisches Wort gegen jene Strömung gesagt werden, die mit der Aufklärung Einzug gehalten hat und den einzelnen in einsame, um nicht zu sagen verlassene Höhen emporgehoben hat? Hierin liegt – nach meinem Dafürhalten – eine Voraussetzung, warum so viele Menschen am Zugang zum Sinn des Lebens scheitern: der Zugang zu einem allgemein fließenden Lebensstrom ist unterbrochen. Sinn und Wert des Lebens und die dazu gehörenden Aufgaben müssen immer vom einzelnen und zu hundert Prozent geleistet werden. Der Einzelne allein ist der Steuermann des Lebens. Der Sinn für das Allgemeine, an dem ich teilhabe, das trägt, ist verloren gegangen.  

Der in Oxford lehrende Philosoph Leszek Kolakowski macht in einem posthum herausgegebenen Zeitungsinterview auf diese Sackgasse aufmerksam, ich zitiere: „Offensichtlich können Einzelne hohe moralische Standards aufrecht erhalten und zugleich areligiös sein. Dass auch Zivilisationen das können, bezweifle ich.“  

Wenn eine ganze Gesellschaft jegliche religiöse Rückbindung verliert, die Verbindung mit einem gleichsam unterirdischen Glaubensstrom, dann wird der einzelne jene hohen Standards in seiner Lebensführung nicht aufrecht zu erhalten vermögen. Darum ist es unser aller Aufgabe über jegliches Eigeninteresse und der je besonderen Bedürfnisse hinaus, einen Einsatz für das allgemeine Glaubensgut zu leisten. Wir müssen wieder neu vom depositum fidei sprechen lernen, von jenem Glaubensschatz, der durch nicht selten leidvoll gemachte Lebens- und Glaubenserfahrung gedeckt ist.  

Wie oft denke ich an meine Eltern: der Vater verbrachte fünf Jahre seines jungen Lebens im Krieg, dazu zwei in Gefangenschaft; die Mutter musste ihren alten Vater, der im Kampfgetümmel irgendwie umgekommen ist, in einer Kiste gleich im Obstgarten begraben. Die Oststeiermark war Frontgebiet, da war an feierliche Begräbnisse nicht zu denken. Meine Eltern sind am Sinn des Lebens nicht zerbrochen und haben den Glauben nicht verloren, sondern vielmehr das Glaubensgut der Kirche mit ihrem Lebenszeugnis angereichert. Sie haben Glaubensgeschichte mit ihrem Lebenszeugnis weitergeschrieben, die von Jesu Tod und Auferstehung ausgeht und die tragfähig für viele geworden ist.  

Das ist nur ein Einzelbeispiel, aber es steht für die Grunddynamik christlichen Glaubens, in dem keimhaft wahre Humanität geborgen liegt. Jedoch müssen wir uns andererseits davor hüten – wie es André Gide genannt hat – zu schnell zu verstehen. Hier scheint mir ein Hauptfehler zu liegen, der von gläubigen Menschen leider all zu oft gemacht wird, indem man vom „Brot des Lebens“, das Jesus grundsätzlich allen verspricht, so tut, als ob es ein einmalig erworbener Eigenstandsbesitz sei. Da werden der Humanität zu sehr unangemessene Grenzen gezogen. Hier verliert das Humane etwas von seinem Überraschungscharakter.

Jesus lässt sich überraschen. Von Menschen, zu denen er sich nicht gesendet wusste; z.B. vom heidnischen Hauptmann aus Karfanum, der um die Heilung seines Dieners bittet und sich selbst als nicht würdig empfindet, dass er sein Haus betritt. Da heißt es: „Jesus war erstaunt, als er das hörte, weil einen solchen Glauben hatte er in ganz Israel nicht gefunden. Oder in der Begegnung mit der kanaanäischen Frau, die er zuerst als für sie nicht zuständig abweisen wollte, sie allerdings ihn mit ihrer Sehnsucht nach Heil – mit dem Worten des heutigen Evangeliums – nach dem Brot des Lebens überraschte und überzeugte: „Frau dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“  

Von diesem allem Menschlichen innewohnenden Überraschungseffekt her gesehen, wird Humanität für jegliches Glaubensverständnis stets prekär bleiben, ja bleiben müssen.  
Amen.
  
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