Bischofsweihe Hansjörg Hofer, 09.07.2017, Salzburger Dom

Predigt von Erzbischof Dr. Franz Lackner bei der Bischofsweihe im Salzburger Dom
Dreimal fragt Jesus: „Simon, Sohn des Johannes liebst du mich?“, beim
dritten Mal wird Petrus traurig. Er weiß, drei Mal hat er den Herrn verraten. Mit
dem letzten Rest an Hingabekraft antwortet er: „Herr, Du weißt alles, du weißt,
dass ich dich liebe.“ Das zeichnet Petrus so sehr aus, die ehrlich aufrichtigen
Bekenntnisse. Wie an anderer Stelle, als Jesu die Jünger fragt: „Wollt auch ihr
gehen?“ antwortet Petrus: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des
ewigen Lebens.“ Ist da nicht ein etwas resignierender Unterton mit dabei?
Wohin? Es gibt keine Alternative.
In der Vorbereitung ist mir aufgefallen: Jesus spricht Petrus mit dem
ursprünglichen Namen „Simon“, nicht mit seinem Beinamen an, den er ihm
gegeben hat. „Du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet Fels (Petrus).“
Wahrscheinlich ein kleiner Hinweis, Ursprung und Anfang immer mitzunehmen.
Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Schlussworte des heutigen
Evangeliums „Folge mir nach!“ Denn gleich lautende Worte spricht Jesus, als er
Petrus und seinen Bruder Andreas zur Nachfolge ruft: „Kommt her, folgt mir
nach!“ Das ist bemerkenswert! Was geschah an jenem Morgen, als Jesus am
See entlang ging und beide sieht, wie sie ihr Netz auswerfen? Sie waren Fischer.
Die ganze Szene mutet leicht zufällig an. Gleichsam aus dem Nichts,
unvermittelt, ruft er ihnen zu: „Hierher, hinter mir!“, so lautet die wörtliche
Übersetzung. Kein Gruß! Im Vergleich dazu geschieht die Berufung Mariens
ganz anders: Der Engel Gabriel grüßt, als er das Haus in Nazareth betritt. Der
Engel war gesandt! Er spricht sogleich eine Ermutigung aus. „Fürchte dich nicht,
Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.“ Das tut Jesus nicht. Es scheint
eine Spontanaktion zu sein, eben zufällig.
Mit dem Wort „Zufall“ tun gläubige Menschen sich schwer, weil damit sehr oft
„Willkür“ gemeint ist. Als ob es keinen tieferen Grund oder Ursache gäbe.
Dennoch sollten wir an diesem Wort festhalten. Zufall bedeutet, es fällt zu - es
fällt uns zu, zu sein. Nicht aus einem notwendigen Grund, sondern einem
willentlichen. Leben ist Gabe! Jemand hat einmal sehr schön gesagt: „Wir sind
uns nur geliehen.“ Ich darf hierzu aus einer bemerkenswerten Rede zitieren,
die der US-Höchstrichter John Roberts zum Schulabschluss seines Sohnes vor
Schülern und Schülerinnen kürzlich gehalten hat:
„Ich hoffe – so John Roberts -, dass ihr von Zeit zu Zeit unfair behandelt werdet
– damit ihr Gerechtigkeit schätzen lernt. Ich hoffe, dass ihr Verrat erleidet, der
euch die Wichtigkeit von Loyalität lehrt. Ich sage es ungern, aber ich hoffe, dass
ihr manchmal einsam sein werdet – damit ihr Freundinnen und Freunde nicht
für selbstverständlich erachtet. Ich wünsche euch außerdem von Zeit zu Zeit
Pech – damit euch die Rolle , die der Zufall im Leben spielt, bewusst wird und ihr
versteht, dass euer Erfolg nicht allein auf eigenem Verdienst beruht und das
Scheitern anderer nicht völlig verdient ist.“
Zufall bedeutet - so verstanden - nicht blindes Schicksal, sondern lässt die letzte
Unverfügbarkeit des Lebens sichtbar werden. Ein geglücktes Leben steht nicht
allein in unserer Macht, sondern hängt von Determinanten ab, die wir nicht
bestimmen können. Leben ist immer auch Wagnis und darin offenbart sich
nicht selten Ziel und Zweck. Dazu einige Beispiele: Ich durfte immer wieder
Menschen begegnen, die schwere und schwerste Erfahrungen durchzustehen
hatten. Wenn sie am Ende ihres Lebens versöhnt zurückblickten, hörte ich nicht
selten sagen: „Es hat so sein müssen!“ Vor kurzem bin ich anlässlich einer
Visitation einem 93-jährigen Mann begegnet. Er hat den ganzen Zweiten
Weltkrieg und anschließende Gefangenschaft miterlebt. Er erzählte, wie er sich
einst weigerte, auf flüchtende Soldaten zu schießen, und alle in der Gruppe sich
ihm daraufhin anschlossen. Das war gefährlich. Auf Befehlsverweigerung stand
Todesstrafe. Berührend die Summe seines Lebens „Ich war immer geführt!“
Ebenso der große Theologe Karl Rahner: Auch er musste so manche
Widerwärtigkeiten ertragen. Am Ende seines Lebens, kurz vor seinem Sterben,
konnte er sagen: „Es ist alles gut geworden!“ Dazu fügen sich die Worte Jesu an
die Emmausjünger: In ihrer Trauer sind diese unterwegs, sinnieren über das
Geschehene nach, dazu gesellt sich ein Weggenosse, dem sie vorwurfsvoll ihr
Unverständnis über all das, was sich in jenen Tagen in Jerusalem ereignet hatte,
zusagten, ohne zu wissen, mit wem sie unterwegs waren. Und in diese
Situation hinein die Worte des Auferstandenen: „Musste nicht der Christus das
erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen?“ Sie aber verstanden nicht.
Unser Verstehen stößt dort an die Grenze, wo uns tiefere Gründe fehlen. Die
Zeugnisse zeigen, für den gläubigen Menschen gibt es den puren Zufall nicht.
Leben im Glauben kennt tiefere Gründe, die der äußeren Wahrnehmung
verborgen bleiben. Leben im Glauben wird geleitet von Fügung und Vorsehung.
Wie es im Besonderen bei der Berufungsfrage deutlich wird. Gott bleibt in
seinem Tun und Wirken immer frei, wir hingegen sind eingewoben in
sekundäre Motive. Gottes Anruf ergeht direkt. Wir brauchen Vermittlung und
Erklärung. Erkennen geschieht nachträglich. Wiewohl wir von Anfang an in
Gottes Hand sind: „Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich
ausersehen“ heißt es beim Propheten Jesaja. Simon Petrus ist seiner Berufung
gefolgt. Nach all dem, was ihm an Fehlern und Schwächen bis hin zur
Verleugnung passiert ist, konnte er immer noch bekennen - traurig - doch mit
ganzem Herzen: „Herr du weiß alles; du weißt, dass ich dich liebe.“
Lieber Weihbischof Hansjörg, Deine Berufung in die Nachfolge der Apostel hat
in der ganzen Erzdiözese viel Freude ausgelöst. Es fällt nicht schwer, diese
Entscheidung der Kirche als eine Fügung Gottes anzunehmen. Ich danke allen,
die an Deiner Ernennung mitgewirkt haben: viele in der Erzdiözese, der
Apostolische Nuntius, die Bischofskongregation und als Letztentscheidender
der Hl. Vater. Und ich danke Dir, dass Du Dein JA, Dein „Ich bin bereit“
gesprochen hast.
Ich bitte Dich: Werde als Bischof neu - was Du ohnehin schon seit langem bist -
ein Mann des Gebetes. Sei der erste Beter in der uns anvertrauten Herde. Die
scheinbare Ohnmacht des Gebetes, schreibt Bischof Benno, kann vielleicht
mehr, anderes und Tieferes bewirken als so manches strategische Werk.
Die Gottesfrage lege ich dir besonders ans Herz. Wir leben in einer Zeit, in der
Strategie zuweilen über die Vision herrscht, in der das „Wie“ unserer Mission
das „Warum“ präzediert. Von einer Karmelitin hörte ich einst: „Wer das Warum
kennt, wird mit jedem Wie fertig.“ Ursprünglich soll der Satz von Nietzsche
stammen.
Papst Franziskus wird nicht müde, uns Bischöfen ins Gewissen zu reden, Hirten
zu sein mit dem Geruch der Schafe. Es wird kaum jemanden geben, der unsere
Erzdiözese so gut kennt wie Du. Bei den vielen Besuchen als Personalchef und
Generalvikar hast Du tiefen Einblick in Freuden und Nöten, Sorgen und Leid der
Menschen gewonnen. Du bringst viele gute Eigenschaften mit, um als wahrer
Seelsorger bis an die Ränder zu gehen. So möge das Wort Jesu an Petrus für
Dein Wirken als Weihbischof Licht auf dem Wege sein:
„Strecke Deine Hände aus, und lass Dich durch das neue Amt gürten,
es wird dich führen, zuweilen auch, wohin du nicht willst,
aber immer ad Christum et ad homines!“
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