Chrisammesse 2018

Predigt am 28. März, Dom zu Salzburg
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, in Eurer Mitte:
sehr geehrter Herr em. Erzbischof Alois,
sehr geehrter Herr Weihbischof Hans-Jörg,
verehrter Herr Weihbischof emeritus Andreas!
Brüder und Schwestern im Herrn!

Jesus beginnt erst sehr spät öffentlich zu wirken; zuvor lebte er abgeschieden von der Augen der Welt verborgen in seiner Heimatstadt Nazareth. Sein Heilswerk beginnt er nicht in Nazareth, wo er Leben und Glauben mit den Menschen teilte, sondern für damalige Verhältnisse im entfernten Bereich um den See von Galiläa. Kafarnaum wird seine zweite Heimat genannt. Von da aus verbreitete sich sein Ruf in ganz Galiläa.

Nazareth gleichsam Ort der Gewohnheiten: man kennt sich und weiß, wer er ist; Jesus der Sohn Josefs; der Zimmermann; seine Mutter heißt Maria; man weiß, woher er kommt. Alles geht seinen gewohnten Weg: „wie gewöhnlich, geht Jesus am Sabbat in die Synagoge“, so der erste Satz des heutigen Evangeliums. Diesen Ort der Sicherheit gibt er auf, um Neues zu beginnen. Das erinnert sehr an Papst Franziskus, wenn er in evangelii gaudium aufruft, nicht Räume zu besetzen, sondern Prozesse zu starten.

In dieser kleinen Besonderheit dürfen wir einen entscheidenden Hinweis für unsere Mission entdecken. So manches in unserem täglichen Werk trägt das Siegel von Gewohnheit. Gewohntes gibt Halt und lässt uns im Recht fühlen, man spricht vom Gewohnheitsrecht. Jesus allerdings verlässt diesen Raum, er liefert sich der Unsicherheit aus. „Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Lk 9,59) Mit dieser Erfahrung kehrt er nach Nazareth zurück, wo er aufgewachsen war, und geht in die Synagoge; man reichte ihm das Buch des Propheten Jesaja, wo es heißt:

„Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4, 18f.)

So lautet das wörtliche Zitat aus dem Buch Jesaja. Der Zuspruch, den Blinden das Augenlicht zu verkünden, findet sich beim Propheten Jesaja nicht. Darin scheint mir ein weiterer Hinweis verborgen. Blindheit wird zur Zeit Jesu als Strafe Gottes aufgefasst, kultisch ein Makel. Jesus ist mehreren Blinden begegnet und hat sie geheilt. Besonders berührend mutet die Heilung des blinden Bettlers Bartimäus an. Er hört, dass Jesus vorüberging. In diesem Moment beginnt er laut zu schreien: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir.“ Die Leute waren ärgerlich; Jesus ließ ihn rufen und fragte ihn: „Was soll ich dir tun?“. Bartimäus antwortete: „Herr ich möchte wieder sehen können.“ Ihm wird geholfen. Sein Glaube ist es, der ihm hilft, so die Zusage Jesu.

Die Heilige Schrift spricht von einer weiteren Blindheit, die sowohl das Volk oder auch einzelne erfassen kann: „Sie haben Augen und sehen nicht, Ohren und hören nicht.“. Blind, weil ungläubig. Eine Gruppe sticht besonders hervor: die Pharisäer. Jesus nennt sie „blinde Blindenführer; wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in eine Grube fallen.“ (Mt 15,14)

Liebe Mitbrüder, an dieser Stelle darf ich eine eindringliche Bitte an Euch, an uns, die wir im priesterlichen und diakonalen Dienst stehen, richten. Hüten wir uns vor einer besonderen Art Blindheit, nämlich jener, die nicht wahrhaben will, blind zu sein, sondern meint zu sehen. Wir Menschen sind endliche Wesen und als solche haben wir blinde Flecken. Das gilt für ganze Gesellschaften und Zeiten. Wir bringen tote Winkel mit. Mit Karl Rahner können wir diesbezüglich von vergessenen Wahrheiten sprechen, die uns auch beim besten Wollen und Tun anhaften. Aber mit dieser gleichsam naturhaften Blindheit dürfen wir uns nicht zufrieden geben, sie nicht als gegeben hinnehmen, weil ja viele das tun – unterstellt wird, alle haben es getan.

Als Beispiel bietet sich in diesem Gedenkjahr der sog. Anschluss Österreichs an das Naziregime an. Aus zuweilen nachvollziehbaren Gründen hat die unmittelbare Nachkriegszeit Österreich allein in der Opferrolle gesehen. Wir müssen uns vorhalten lassen, nicht ehrlich genug Schuld bekannt zu haben. Das war und ist Blindheit, die als solche noch nicht hinreichend eingestanden worden ist. Nach dem Vorbild des blinden Barthimäus sollen wir hörend werden, auf den Gekreuzigten blicken und bitten: „Herr ich möchte wieder sehen können.“ (Lk 18,41)

Aktuell möchte ich unser Augenmerk auf eine wie mir scheint verdunkelte Stelle in unserem eigenen Haus der Erzdiözese hinlenken: gemeint ist das Verhältnis von sakramentalem und allgemeinem Priestertum. Beide sind kommunizierende Gefäße: das eine bedingt das andere, nur gemeinsam vermögen sie für das Reich Gottes Frucht bringen. Hier nehme ich zuweilen grundsätzliche Abstimmungsprobleme wahr. Seelsorge steht auf zwei Beinen: Einmal die Bestimmung von außen, das sakramentale Element. „Man rufe einen Ältesten“ (Jak 5,14), einen „πρεσβυτέρος τῆς ἐκκλησίας“, wie es im Jakobusbrief heißt. Das bedeutet, eine Gemeinde wird nie sich selber genug sein können, sondern ist angewiesen auf ein Wirken von außen; bedingt durch einen Glauben, der sich dem offenbarenden Sprechen Gottes, verdankt: Gott für uns, Gott von oben herab, das ist der Gott der Menschwerdung. Dann die Bestimmung von innen, das gemeinsame Element: Glauben bedeutet, mit den Menschen glauben in ihren Freuden und Nöten. Dafür steht auch die Zeit Jesu in Nazareth, als der Gottesname Immanuel Wirklichkeit geworden ist. Gott mit uns – Gott gleichsam auf gleicher Augenhöhe. Das ist die nachgehende und mitgehende Seelsorge. Beides ist wichtig, notwendig und das eine darf nicht gegen das andere ausgespielt werden. Es wäre eine schlimme Blindheit - Augen, die nicht sehen wollen - wenn wir nicht gemeinsam in gegenseitiger Wertschätzung getragener Verantwortlichkeit unseren Dienst im Reich Gottes erfüllen. Nur in dieser Einheit sind wir vollkommen Leib Christi.

Für mich ist gewiss, die Zukunft der Kirche wird nicht ohne den priesterlichen Dienst auskommen; wie auch gewiss ist, dass allgemeines und besonderes Priestertum nie deckungsgleich sein können. Die Aufgabe der Verkündigung und des Heilungsdienstes sind auf viele Schultern verteilt. Ich weiß, dass das priesterliche Charisma heute schwer leidet: Mangel an Berufungen, Überforderung durch Mehrfachaufgaben, Einsamkeit und Leere in den Herzen. Angesichts dieser Nöte wollen wir nicht verstummen, sondern wie Bartimäus zu Jesus rufen: Herr, wir möchten wieder sehen können; Hirte sein, nicht von einem Termin zum andern hetzen; wir möchten die Freude des Evangeliums mit freiem Herzen weitertragen und nicht gelähmt vor den Sorgen dieser Welt erstarren; wir möchten mutig Zeugnis geben von deiner Liebe, die niemanden ausgrenzt. Schenke uns jenen Glauben, der uns sehen hilft; und Hoffnung, die stärkt.

In diesem Sinne darf ich mit dem Hl. Franziskus schließen. Er war Diakon, wollte selbst nicht Priester sein, hat aber das Wesen des Priesters tief erkannt, wenn er schreibt:

„Seht eure Würde, ihr Brüder Priester, und seid heilig, weil er selbst heilig ist. Und wie Gott der Herr euch wegen dieses Dienstes über alle geehrt hat, so liebt auch ihr ihn mehr als alle übrigen, erweist ihm Ehrfurcht und ehrt ihn.“
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