Festtag der Diözesanpatrone Hl. Rupert und Hl. Virgil

Predigt von Erzbischof Franz Lackner im Dom zu Salzburg am 24.9.2017
Liebe Schwestern und Brüder! Philosophie ist die Wissenschaft über das Grundsätzliche. Ein Grundsatz lautet, wenn man wissen möchte, wie etwas wirklich ist, so muss man dieses dort aufgesucht, wo es sich in ursprünglicher Reinheit zeigt. Daraus ergibt sich die Frage, nach der Ursprünglichkeit. Eines ist gewiss: Wahrheit hat einen Ort, Wahrheit lässt sich finden, es braucht Geduld beim suchen! Gerüchten haben keinen Ort. Sie sind ja in den allerseltensten Fällen wirklich wahr sind. Man weiß nicht, woher sie kommen, wer sie erfunden hat, dennoch sind Gerüchte wirkmächtig und bestimmen über nicht geringe Strecken den Gang des Lebens. Warum habe ich die etwas kompliziert wirkende Einleitung gewählt? Weil ich fest überzeugt bin, dass das Christentum in unserer Zeit Gefahr läuft den alles tragenden Kern zu verlieren. Der Grund liegt wohl darin, christliche Religion ist aufs Ganze gesehen anstrengend, wie übrigens das Leben auch, so wir es ernst nehmen. Christlicher Glaube entstammt nicht einer Naturreligion, die überall dort, wo es natürlich zugeht, zu finden ist, sondern verdankt sich einer Offenbarung, dem Sprechen Gottes. Karl Rahner hat dies sehr pointiert zum Ausdruck gebracht, wenn er sagt, dass es nicht so sei, wir denken und Gott spricht in Folge, vielmehr umgekehrt: Gott spricht und dieses Sprechen gibt zu denken mit den entsprechenden Handlungsoptionen. Diese Reihenfolge hat sich umgekehrt. Das Christensein bewegt sich in Richtung biblisch vermengter Naturreligion. Es soll nichts gegen eine natürlich verfasste Religiosität gesagt sein, darauf baut auch die Offenbarungsreligion auf. Allerdings kann es zu einer Akzentverschiebung kommen, die dem ursprünglichen Glaubensverständnis abträglich ist. Wir sind dabei Wesentliches zu verlieren. Von Naturreligionen wissen wir nicht, wer sie gestiftet hat, wo ihr ursprünglicher Ort liegt. Vom jüdisch-christlichen Gott kennen wir den Ort, wo er sich zum ersten Mal geoffenbart hat, nämlich in Ur in Chaldäa, gelegen im heutigen Irak. Am Anfang der Geschichte der Offenbarung ragt eine konkrete Gestalt besonders hervor: Abraham; ursprünglich lautete sein Name Abram, das bedeutet Erhabener Vater: Mit ihm geht Gott einen Bund ein, was zur Namensänderung Abraham, Vater vieler Völker, führt. Der Apostel Paulus nennt ihn Vater des Glaubens, denn er hat Gott geglaubt. Gott spricht zu ihm: „Zieh hinweg aus deinem Vaterland in ein Land, das ich dir zeige werde.“  Abraham gehorchte! Das ist ein entscheidender Punkt: Juden wie Christen handeln nicht aus sich allein. Alles, was sie tun und sagen hat Antwortcharakter. Der heilige Apostel Paulus nennt es auf seine Weise: „Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft.“ (Eph. 2,8)   Das gilt selbst für Jesus. Im Evangelium haben wir soeben gehört: „Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich sondern an den, der mich gesandt hat.“, und wenig später: „Was ich gesagt habe, habe ich nicht aus mir selbst, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat es mir aufgetragen.“ Jesus versteht seine Mission als Sendung. Von sich aus, ohne den Vater will und kann er – nach Eigenaussage – nichts tun. Wir feiern heute unsere Gründungsheiligen Rupert und Virgil. Beide waren Missionare, Gesendete, nicht in eigener Mission, sondern Mittler der Frohen Botschaft. Was haben diese Gründergestalten uns heute zu sagen? Wir leben in keiner Gründerepoche, auch ist die Zeit Überkommenes zu festigen oder nur zu bewahren vorbei. Mir will scheinen, unsere Aufgabe liegt im Wiederentdecken, was Glaube vermag. Dazu bedarf es allerdings der Demut, schon gegangene Weg wieder zurückzugehen. In der Theologie spricht man von der eschatologischen Spannung, das ist die Spannung zwischen dem „schon“ und „noch nicht“, z.B. das Reich Gottes ist schon da, aber noch nicht ganz! Jemand hat einmal gemeint, man müsse diese Spannung um einen dritten Pol weiterschreiben, nämlich um ein „nicht mehr ganz“; wir waren schon einmal weiter und sind wieder zurück gefallen. Mit anderen Worten es bedarf eines Bewusstseins von dem, was fehlt. Martin Walser, ein deutscher Schriftsteller, hat das sehr treffend ins Wort gefasst: Wenn der Atheist behauptet es gebe keinen Gott und nicht dazu sagt, Gott fehlt, der habe keine Ahnung. Ich sage hingegen – so Martin Walser: „Ja es gibt keinen Gott, aber fehlt. Mir!“ Hier wird die Grundstimmung unserer Zeit genau erkannt. Es stimmt, es gibt weithin keinen Gott. Gott ist nicht da in den alltäglichen Entscheidungen des Lebens, ja selbst im theologischen Diskurs gibt es Gott nicht; mit Gott darf man nicht argumentieren, das ist peinlich. Und dass Gott in politischen Auseinandersetzungen bei Wahlveranstaltungen nicht vorkommt, darüber sind wir sogar heilfroh. In diesen Fällen hat Martin Walser gewiss Recht: Es gibt keinen Gott! Aber wir sollten sein Fehlen bemerken, bedauern, jedoch nicht aufheben. Die Missbrauchsgefahr ist einfach zu groß. Der Mensch hat in globo nicht verstanden, welch zerbrechlichen Schatz, weil eben für Missdeutung so anfällig, ihm in der Offenbarung anvertraut ist. Darum muss Glaube im Innersten Wagnis bleiben. Es kann keine Sicherheit im Glauben geben mit Blick auf die großen Tragödien in der langen Menschheitsgeschichte. Unsicherheit gehört zum Glaubensakt wesentlich dazu. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat dies tief erkannt und erfahren. Im Loblied auf Abraham schreibt er:  „Abraham ich danke dir, dass du es nicht weiter als bis zum Glauben gebracht hast.“ Rupert und Virgil haben wie Abraham aus Glauben ihre Sendung wahrgenommen. Sie haben das Risiko angenommen, sich auf Gott eingelassen und sind los gezogen, in unser Land und sind so für uns zum Segen geworden. Nun liegt es an uns auf das Wagnis des Glaubens einzugehen: Aufzubrechen, Sicherheiten und Gewohntes zurückzulassen, innerlich frei werden für die Sendung und zum Segen für die Menschen zu werden. Gott ist treu! Er hat es Abraham versprochen: „Ein Segen sollst du sein!“ Das wünschen wir den neuen Domherren in besonderer Weise!
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