Forum Alpbach

Predigt am 18. 8. 2019 in der Pfarrkirche Alpbach
Frau Bundeskanzlerin!
Lieber Herr Pfarrer!
Sehr geehrte Landeshauptleute, insbesondere grüße ich den Hausherrn hier in Alpbach, sehr geehrter Landeshauptmann Platter; lieber Herr Präsident!
Geschätzte Vereine und Abordnungen!
Liebe Lehrende und Studierende; Schwestern und Brüder!

Kürzlich bin ich von meinem Urlaub von Irland heimgeflogen und hatte dabei die Möglichkeit über das Thema des diesjährigen Forums in Alpbach „Sicherheit und Freiheit“ nach zu denken, darum wissend, hier heute an diesem Tag die Predigt zu halten. Die Sicherheit in einem fliegenden Flugzeug ist ja nahezu 100%; das geht so weit, dass man als Passagier angewiesen wird, selbst wenn die allgemein gültige Anzeige „fasten seatbelt“ erlischt, weiterhin angeschnallt zu bleiben, zur – wie die Begründung lautet – eigenen Sicherheit. Also es gibt zu den allgemeinen Sicherheitsanleitungen noch eine darüber hinausgehende, die wir selber in Eigenverantwortung wahrnehmen sollen.

Die Theologie kennt viele Spielarten von Freiheit und Sicherheit: Einmaligkeit – Mannigfaltigkeit; Autonomie – Heteronomie; der persönliche Glaube – die allgemein-dogmatische Glaubenslehre der Kirche. Im Fachjargon spricht man von einer „Disjunktion“, eine Verhältnisbestimmung des sowohl Mit- als auch Gegeneinander. Letztlich geht es dabei um die Bestimmung um Person und jener der Gemeinschaft.

Freiheit und Sicherheit bedürfen zweier – ich nenne es einmal – Leuchttürme, welche nicht das Ziel, sondern Orientierungsmarkierungen sind. Auf der einen Seite steht das Gewissen, die letzte persönliche Instanz zwischen Gut und Böse unterscheiden und in Folge entscheiden zu können und zu müssen. Das ist der authentische Ort der Freiheit aber auch jener höchster Selbstverantwortung. Johannes Duns Scotus bestimmt die Person gerade aus diesem Verständnis als „ultima solitudo“, letzte Einsamkeit. Das mag sich negativ anhören, will jedoch - mit dem Stilmittel der Entfremdung - einen eminent positiven Sachverhalt zum Ausdruck bringen: einsam, weil so einzigartig. Jeder Mensch, egal welcher Herkunft, welcher Nation oder Religion, ist ein einmalig einzigartiges, nicht wiederholbares Ereignis. In dieser Einmaligkeit liegt die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit überhaupt. Aus Freiheit ja zu sagen zum Guten, Wahren und Schönen; in reiner – fast möchte ich sagen – vollkommener Form; nicht aus Gründen der Konvention oder irgendwelchen Mehrheitsverhältnissen, und schon gar nicht aus Überlegungen der Effektivität oder aus einem Nutzenkalkül heraus, sondern allein weil das Wahre, Gute und Schöne in sich Grund genug ist, demgemäß zu denken und zu handeln.

Soweit der eine Leuchtturm, der zweite liegt diesem gegenüber: Institutionen der Allgemeinheit. Ich darf der kurzen Darstellung ein Zitat des verstorbenen polnischen Philosophen Leszek Kołakowski voranstellen. Er, dereinst ein glühender Marxist, bekennt in einem posthum erschienen Interview, das den bezeichnenden Titel „Ich rechne nicht mit dem Tod Gottes“ trägt: „Offensichtlich können einzelne hohe moralische Standards aufrecht erhalten und zugleich areligiös sein. Dass Zivilisationen das auch können, bezweifle ich.“ Eine Gesellschaft, will sie hohe moralisch-ethische Standards pflegen, braucht institutionell und allgemein verankerte Werte, braucht letztlich Religion. Um welche Werte geht es da? Das sind die Menschenrechte, universal anerkannte; die goldene Regel; der kategorische Imperativ; für das Staatswesen die Verfassung, für die wir in Österreich – besonders dieser Tage - dankbar sind; dazu zählt die positive wie auch negative Religionsfreiheit und schließlich auch religiöse Institutionen wie die katholische Kirche.

Die beiden Leuchttürme stehen sich gegenüber, sie heben sich jedoch nicht gegenseitig auf, kommunizierenden Gefäßen gleich bedingen sie aneinander. In der Seelsorge empfehle ich Menschen, wenn ich sie begleiten darf immer, sich an beiden zu orientieren, keine Seite davon absolut zu setzen. Gewissen und Lehre stehen in einem Spannungsverhältnis. Es gibt Extremsituationen auf beiden Seiten. Zum Beispiel wo der Mensch allein auf sich angewiesen ist, einsame Wege zu gehen; wo die Einzigartigkeit zum alleinigen Leitstern wird. In solchen Situationen darf man gar nicht erwarten, vor irgendjemandem und schon gar nicht von einer Institution, verstanden zu werden, viele können beistehen, aber niemand kann einem die Antwort abnehmen. Berufungsgeschichten, Lebensentscheidungen kennen diese Dynamik. Auf dem Weg der via negationis hat dies Dostojewski in seinem Meisterwerk „Die Brüder Karamasow“ auf die Spitze getrieben, wenn er sagt: „Für einen Augenblick war die Lüge Wahrheit.“ Das Leben kennt Momente, wo ein allgemein geltender Wahrheitsanspruch für den einzelnen ein zu grobes Raster ist. Ähnliches kennen wir aus der rabbinischen Theologie über die Einschätzung von König David: „Für unsere Zeit ist er ein Ungerechter, für seine Zeit ein Gerechter.“

Andererseits gibt es auch die konträre Erfahrung: man kann zur Bewältigung von Lebensaufgaben selbst fast nichts beitragen, es bleibt nur ein vielfach gegangener Weg, einer allgemein gültigen Regel zu folgen. Im religiösen Bereich ist das der Ritus. Bei schweren Schicksalsschlägen, bei Begräbnissen, wenn es uns die Kehle zuschnürt, in unseren Herzen Tod gefühlt wird, man selbst nicht imstande ist, ein Wort zu sagen - wie tröstlich und Sicherheit gebend ist es, wenn uns das durch Jahrhunderte geprägte Ritual den Weg weist.

Diese beiden Leuchttürme markieren jenen Freiheits- und Sicherheitsraum, in dem Glaube und Leben vor Gott und vor den Anderen aufmerksam und verantwortungsvoll möglich ist. Innerhalb dieser Synthese bleibt Raum für radikale Optionen, wie z.b im heutigen Evangelium die apokalyptische Rede. Wir haben es soeben im Evangelium gehört, in der apokalyptischen Rede Jesu, wenn er bekennt, wozu er gekommen ist, nämlich Entscheidungen herbei zu führen. Entscheiden im Sinne Jesu bedeutet auch, Gegenpositionen zu beziehen. Als gläubiger Mensch braucht es entschiedenes Bekennen, d.h. auch, sich abtrennen. Aber diese Position kann sich nicht auf die ganze Verkündigung Jesu beziehen. Denn in der Herzmitte seiner Verkündigung steht die Bergpredigt, die radikale Position für den Anderen, für die Humanität: „Was ihr für einen meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“ Das sind die zwei Pole der ganzen Lehre Jesu Christi. Fundamentalismen bleiben immer in der Einseitigkeit.

Liebe Brüder und Schwestern,
der Glaubende wird für beide Optionen ein offenes und bereites Herz haben. Ich verweise hier nur auf den in der Verfolgungszeit entstandenen Diognetbrief, aus den ersten Jahrhunderten, wo es heißt: „Christen gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten sie durch ihre eigene Lebensform.“ Denn: Der Freiheitsraum des gläubigen Menschen ist immer auch der Sicherheitsraum für den Nächsten, wie er auch Sicherheitsraum für Gott ist.
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