Gründonnerstag

2. April 2015, Dom zu Salzburg
Liebe Brüder und Schwestern!

Ich darf mit einer sehr persönlichen Erfahrung beginnen, die sich in mir tief eingeprägt hat und besonders am Gründonnerstag als Erinnerung erwacht. Vorweg muss ich bekennen, dass ich zum Mürrisch-Sein neige, vor allem am Anfang von Begegnungen und bei Menschen, die ich gut kenne und eigentlich gerne mag. Besonders stark wirkte sich diese Untugend zu Hause aus, wenn ich von längeren Aufenthalten fern der Heimat zurückkam. Die Gespräche in solchen Momenten waren karg und bei mir saß das „Nein“ sehr locker. An eine solche Begegnung muss ich mit etwas Wehmut immer noch denken. Meine Mutter war schon alt und gebrechlich, sie schaffte es noch allein den Haushalt zu führen und ich kam von einem längeren Aufenthalt wiederum heim. Kaum hatte ich das Haus betreten, war die Neigung zu reden sehr reduziert. Die Mutter wusste um diese Neigung und stellte nicht viele Fragen, sie fragte nur, ob sie mir ein Mahl bereiten solle? Mein Antwort war kurz und schnell: „Nein!“ Heute denke ich mit Wehmut daran, denn es wäre das letzte Essen gewesen, das sie mir zubereitet hätte. Bei meinem nächsten Heimkommen war sie dazu nicht mehr fähig, weil sie inzwischen das letzte Wegstück ihres Lebens eingeschlagen hatte. Wie oft denke ich nach, wie wohl jenes Essen geschmeckt haben würde. Ich habe die Stunde, die für sie und für mich gekommen war, nicht erkannt.

Wir feiern heute die Messe zum Letzten Abendmahl! Jesus spürt seine Stunde ist gekommen; seine Mission auf dieser Erde geht unweigerlich dem Ende zu. Dieses Ende ist keine Vollendung, worauf die Heilsgeschichte ursprünglich angelegt war, nein sein Ende wird ein gewaltsames sein; auf ihn wartet das Kreuz, die grausamste und schändlichste Hinrichtungsart in der ganzen Antike. Jesus weiß das! Er fürchtet sich auch davor! Am Ölberg, am Tag vor seinem Leiden wird er Blut schwitzen und bitten:
„Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

Die Ahnung des Kreuzes lastet schwer auf ihn wie ein Lamm vor seinem Schlächter muss er sich fühlen, als einer, der zu den Verbrechern gezählt wird; nichts Heiles wird an ihm vernommen. Was ist da von der Anfangsbegeisterung vom nahe gekommen sein des Reiches Gottes übrig geblieben? Was von der wunderbaren Bergpredigt? Der Prophet Micha erahnte dieses Leid und Scheitern Gottes mit den Menschen viele Jahre früher, als er die zu Herzen gehende, bange Frage erklingen lässt:
„Mein Volk, was habe ich dir angetan, womit habe ich dich getrübt? Antworte mir.“

In Jesu Einsamkeit brennt aber nur noch ein Wunsch: mit seinen engsten Gefährten ein Mahl zu feiern. Der Evangelist Lukas berichtet davon, als die Stunde gekommen war, begab er sich mit den Aposteln zu Tisch und sagte:
„Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen.“

Ein letzter Wunsch, eine letzte Sehnsucht im Herzen dessen, der gekommen ist uns Menschen eine frohe Botschaft zu bringen.

Liebe Brüder und Schwestern, diesen Letztheitscharakter, von dem jede Eucharistiefeier zuinnerst geprägt ist, müssen wir achtsam bewahren. Vielleicht neigt die Kirche gerade wegen der Achtsamkeit zur rigorosen Vorsicht und möchte um diese Feier eine Mauer bauen, um sie zu schützen. Ich sehe gerade für unsere Zeit diese Gefahr der Eingrenzung von dem, das dem innersten Herzen Jesu entspringt; die Gefahr der Exklusivität; aber ich sehe auch die andere Gefahr, die der Achtlosigkeit, die der Meinung, man könne darüber nach Belieben verfügen! Beides ist nicht richtig. Papst Franziskus hat vor beiden Gefahren sehr treffend mit einem Bildwort gewarnt, wenn er sagt:
„Die einen lassen Steine zu Brot werden, die anderen wollen genau das Gegenteil und aus Steinen Brot machen."

Beides entspricht nicht der Ursehnsucht Jesu, mit seinen engsten Gefährten und Gefährtinnen Mahl zu halten.

Das Johannesevangelium zeigt die innere Haltung an, mit der wir auf diese Sehnsucht antworten sollen, wenn wir Eucharistie feiern. Denn genau dort, wo die anderen Evangelien die Einsetzungsworten – die Wandlungsworte – bringen, berichtet Johannes – wir haben es gehört – die Fußwaschung.

„Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“
Der letzte freiwillige, nicht erzwungene, Akt, den Jesus an seinen Jüngern vollbringt, ist ein Dienst. Ein demütiger, normalerweise Sklaven vorbehaltener Dienst; Heimkehrenden die Füße zu waschen.

Nur wenn wir einander in der Gesinnung der Fußwaschung begegnen und aus dieser Haltung für das Reich Gottes das Werk vollbringen, haben wir Anteil an Jesu Tod und Auferstehung.

Bemühen wir uns, gehen wir mit dieser Sehnsucht Jesu, Mahl zu halten, nicht leichtfertig oder hartherzig um; es ist dies ein kostbarer Dienst; eine letzte Gabe, geprägt von einer Liebe, die sich nach der Tragödie am Karfreitag stärker als der Tod erweisen wird.

Antworten wir auf diese Sehnsucht der letzten Stunde mit unserer Sehnsucht nach dem ewigen Leben! 
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