Jahresschlussandacht 2014

Jahresschlussandacht 31.12.2014, Dom zu Salzburg
Liebe Brüder und Schwestern!

Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehört neben Weihnachten auch das Erntedankfest. Das Einbringen der Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit – so beten wir bei der Gabenbereitung – ging einher mit einem tiefen Empfinden von Dankbarkeit und Vertrauen. Mutter Erde – so würde Franziskus sagen – hat uns auch im vergangenen Jahr nicht im Stich gelassen. Mit ihren Gaben sicherte sie alljährlich den Erhalt für Mensch und Vieh über die damals noch rauen Wintermonate hindurch. Das gab Vertrauen! In die Vorsehung Gottes! Es war eine starke, fast archetypische, Erfahrung, wissen zu dürfen, es wird im nächsten Jahr auch so sein, die Erde schlummert in der Winterszeit zwar, aber nur, um im Frühling mit neuer Lebenskraft zu erwachen. Dafür dankbar zu sein, war eine Selbstverständlichkeit! Es nicht zu sein, wäre gedankenlos! Danken und denken gehören zusammen!

Dankbarkeit und Vertrauen, unter diesen beiden Vorzeichen möchte ich gerne das vergangene Jahr, mein erstes in der Erzdiözese, stellen. Ganz persönlich danke ich allen, in Kirche, im gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben. Das Anfangen wurde mir hier nicht schwer gemacht. Ich darf sagen die Erzdiözese ist mir Heimat geworden, ich fühle mich hier zu Hause! Danke!

Dankbar dürfen wir sein, für die große Bereitschaft, über ideologische und persönliche Interessen hinweg alle guten Kräfte zu bündeln, um Menschen in großer Not zu helfen. Ich denke da an das Flüchtlingsproblem! Vertrieben zu werden, die angestammte Heimat verlassen zu müssen, gehört zu den ganz schweren Schicksalsschlägen im Leben. Dieser Hilfeschrei ist in unserem Land und in der Erzdiözese nicht unerhört geblieben. Freilich – das dürfen wir nicht verschweigen – triumphieren zuweilen da und dort immer noch Partikularinteressen, Egoismen und Gedankenlosigkeit; in der herzlosen Meinung, man könne mit gutem Grund über die Not anderer hinwegschauen. Wir dürfen uns allerdings nicht auf dem Gelungenen ausruhen, sondern müssen weiterhin Herz und Hand offenhalten und das uns Mögliche – gemeinsam ist das nicht wenig – gerne tun.

Österreich ist seit zwanzig Jahren Mitglied der Europäischen Union. Für diese bleibend gewaltige Anstrengung einer gemeinsamen Verantwortung am Projekt Frieden und Wohlstand für alle mitzuwirken, wollen wir auch Dank sagen. Gleichzeitig braucht Europa  sehr wohl eine besondere Wachsamkeit für diejenigen in ihren Reihen, die trotz bester Absichten zu kurz kommen; und Europa darf seine Augen und das Herz nicht an ihren Grenzen verschließen, wenn dort Kriege geführt werden oder ein riesiger Friedhof – wie es Papst Franziskus genannt hat – an ertrunkenen Flüchtlingen entsteht, deren letzte Hoffnung eben in diesem Europa gelegen hat.

Grund zum Danken haben wir für den sozialen Frieden, der in unserem Lande doch über weite Bereiche herrscht, wiewohl uns bewusst ist, dass es in unserem Wohlfahrtsstaat auch Verlierer gibt, Menschen, die zu kurz kommen oder die nicht die Umgebung und Unterstützung erfahren, die sie bräuchten. Eine absolute Gerechtigkeit für jeden Einzelnen wird uns nie gelingen, aber darum müssen wir um Ausgleich bemüht sein. Die Kirche ist mystischer Leib Jesu Christi, aber auch – nicht nur – Organisation dieser Welt und darum nicht gänzlich gefeit an Einzelnen selbst auch schuldig zu werden. Darum wissend ist es unser Anliegen mittels unserer caritativer Werke zu Gunsten der Armen und an den Rand Gedrängten ausgleichend wirken.

Kirche möchte Stimme sein für all jene, die niemanden haben. So gibt es auch in unserer sehr aufgeklärten Zeit stimmenlose Menschen, die keine Lobby haben. In Kürze wird im Parlament das neue Fortpflanzungsmedizingesetz beschlossen werden. Damit muss eine Ungleichbehandlung behoben werden, um so die Grundlage für eine Gleichbehandlung zu schaffen, der ein Wunsch voraus geht, der lautet: ein Kind um jeden Preis! Miteinher wird allerdings eine Tür – wie ich meine – gedankenlos geöffnet: „Bestimmte Kinder um keinen Preis!“ Die Stimme des Kindes wurde in einer unverständlicherweise sehr kurzen Begutachtungsfrist nicht gehört. Das sollte nicht sein und auf diesen Mangel nicht hinzuweisen wäre ein schwerer Fehler. Anfang und Ende des Lebens allein den medizinisch-technischen Möglichkeiten zu unterwerfen entspricht weder dem Schöpferwillen Gottes noch dem Geheimnischarakter von Leben an sich.

Keinen Grund zum danken haben gerade wir gläubige Menschen in Anbetracht einer fürchterlichen Gedankenlosigkeit, die sich in unseren Tagen erschreckend breit macht. Die jüdische Philosophin Hannah Arendt spricht diesbezüglich von einer „Banalität des Bösen“. Es gibt wohl keine schlimmere Form des Bösen, als wenn sie noch göttlich motiviert ist, und „vermeinter Glaube“ sich zum Todfeind des Lebens verkehrt. Da sind wir gläubige, wie alle Menschen guten Willens aufgefordert zu reagieren. Der Heilige Franziskus schreibt in seiner nicht bullierten Regel: „Wenn wir sehen oder hören, dass Menschen Böses sagen oder tun (…) dann wollen wir Gutes sagen und Gutes tun und Gott loben, der gepriesen ist in Ewigkeit.“ (NbReg 17,19) Kürzlich hat jemand gemeint, die Religionen müssen sich reinigen, diesen Aufruf sollten wir durchaus Ernst nehmen und angesichts vieler Ungerechtigkeiten auch in den eigenen Reihen nicht aufhören Busse zu tun und Zeichen guten Willens zu setzen.

Danken möchte ich für das viele Gute, das in Gesellschaft und Kirche geschieht. Die große Spendenfreudigkeit, die trotz wirtschaftlich nicht sehr rosigen Zeiten, immer wieder zunimmt. In Kürze wird von der Jungschar und vielen Mitarbeitern in den Pfarreien die Drei Königsaktion stattfinden. Was Solidarität betrifft ist die Kirche wirklich eine Großmacht der Barmherzigkeit. Danken möchte ich auch den vielen Menschen, die sich ehrenamtlich sowohl in Wohltätigkeitsvereinen als auch in der Kirche engagieren. Nicht zu vergessen die große Mehrheit der Katholiken, die treu den Kirchenbeitrag bezahlen; wir bemühen uns damit verantwortungsvoll zum Wohle der Menschen und zur Ehre Gottes umzugehen.

Ganz persönlich danke ich für das Schöne und Wahre, das kulturell in der Stadt Salzburg und in der ganzen Erzdiözese geleistet wird. Ich weiß schon, das Schöne ist nicht immer das Angenehme und Wohlgefällige, nein es ist wie es der Dichter Leon Tolstoi einmal treffend ausgedrückt hat, ruppig und das beim ersten Anblick nicht immer Gefällige.

Ich komme zurück zu meiner Kindheitserinnerung. Das Erntedankfest wurde alljährlich gefeiert. Auch dann wenn die Ernte schlechter ausgefallen ist und es zur damaligen Zeit dafür noch keine Versicherungen gegeben hat. So glaube ich, wir haben allen Grund Dank zu sagen, auch wenn im persönlichen oder im gesellschaftlichen Leben nicht alles zur vollen Zufriedenheit gelaufen ist. Das Leben erfüllt nie alle Wünsche, aber es liegt in Gottes Hand; am Ende – so die Verheißung – wird alles gut sein. In diesem Vertrauen schauen wir nach vorne. Gott verlässt uns nicht, Amen! 
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