Jahresschlussandacht 2017

Predigt am 31. 12. 2017 im Salzburger Dom
Liebe Brüder und Schwestern!

„Wie schnell die Zeit vergeht“, höre ich in diesen Tagen oft sagen. Ja, wir sind wieder einmal am Ende eines Jahres angekommen. Für mich neigt sich heuer das vierte Jahr in Salzburg dem Ende zu.
Der Jahresabschluss ist immer auch Anlass innezuhalten, sein Gewissen zu erforschen, sich zu fragen, wofür gilt es zu danken und was bewegt zur Sorge? Ganz persönlich danke ich wieder für ein Jahr Leben! Es ist nicht selbstverständlich; eine Gabe für die wir unseren Eltern, aber darüber hinaus vor allem Gott danken sollen. Mir hat einmal eine Mutter, die nicht im Glauben beheimatet war, gefragt, wem soll ich für mein Kind danken? Wir, die Eltern sind es nicht allein, die dieses wunderbare Leben ins Dasein gerufen haben.

Danken möchte ich für die Gabe des Glaubens. Der Glaube ist auf allen Ebenen eine dem Leben dienliche Kraft; die Schule des Vertrauens! Wir wissen wie wichtig diese ist: für das Gelingen und Funktionieren von Gesellschaft, Wirtschaft und den ganz persönlichen Lebensvollzügen.
Im Namen der Erzdiözese danke ich für den neuen Weihbischof Hans-Jörg; die Diözese Innsbruck hat wieder einen Bischof, lange mussten sie warten. Viel Geduld wurde dem gläubigen Volk abverlangt. Jetzt freuen wir uns mit ihnen.
Unser Alterzbischof Alois feierte seinen 80. Geburtstag.
In der Diözesanleitung kam es zu Änderungen: Weihbischof Andreas beging seine Emeritierung. Mit Roland Rasser haben wir einen neuen Generalvikar und Lucia Greiner wurde zur ersten Seelsorgeamtsleiterin ernannt. Wir danken für das Wirken aller und wünschen für die neuen Aufgaben Gottes Segen.
Besonderer Dank gebührt den Verantwortlichen im Zukunftsprozess – an der Spitze Prälat Sieberer – und den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er wurde im Jahr 2016 initiiert und ist heuer mit viel Engagement durchgestartet. Sehr viel Arbeit wurde in den verschiedenen Gruppen geleistet; ohne Übertreibung, es werden keine Mühen gescheut, unsere altehrwürdige Erzdiözese zukunftsfähig zu gestalten. Verantwortungsbewusst stellen wir uns den großen Fragen.

Was dürfen wir den Menschen in Freud und Hoffnung, Trauer und Angst nicht vorenthalten? Der Weg der Kirche ist der Mensch, schreibt der Hl. Johannes Paul II. Wir möchten Jesus ähnlicher werden, der nicht nur den Glauben verkündet, sondern – selbst überrascht – diesen auch unter den Menschen gefunden hat. Bischof Weber hat anlässlich von Visitationen die Verantwortlichen aufgefordert: „Zeigt mir Gutes in eurer Gemeinde, das nicht von euch kommt!“ In diesem Sinne wollen wir Gutes in der Welt von heute und morgen entdecken und schätzen lernen, das nicht von uns kommt, und gerne Allianzen eingehen.

So danken wir für das Reformationsjubiläum, das beigetragen hat, den Reichtum des Glaubens neu zu entdecken. Nur gemeinsam mit unseren Schwestern und Brüdern von den evangelischen Kirchen, wie auch mit allen anderen christlichen Konfessionen vermögen wir die Erinnerung an das Heilswirken unseres Herrn Jesu Christi in dieser säkularen Zeit wach zu halten.

Es wäre hier noch vieles zu nennen, vor allem das gelebte Glaubenszeugnis in den Pfarrgemeinden, in den Bewegungen oder die gelebte Caritas, wie auch alles Bemühen in den Vereinen und Ämtern, aber es würde zu weit führen. Jedenfalls darf ich namens der ganzen Diözesanleitung ein aufrichtiges Vergelt`s Gott sagen.

Die Rückschau auf das vergangene Jahr gibt auch Anlass zur Sorge. Wir haben nicht nur einen Priestermangel, sondern vor allem einen Gläubigenmangel. Circa ein Prozent der Katholiken verlässt die Kirche; kürzlich hat mich ein Brief einer achtzigjährigen Frau erreicht, die aus der Kirche austreten möchte.

Ich schätze und achte die Religionsfreiheit, akzeptiere die negative Religionsfreiheit, d.h. wenn sich jemand keiner Religionsgemeinschaft anschließt, aber es gilt zu bedenken, ohne institutionelle Religion geht Wesentliches verloren.Die Zeit heute ist sehr vom Individualismus geprägt. Der Einzelne allein ist Herr oder Frau über den Glauben. Religion wird mehr und mehr ins rein Private abgedrängt. Dagegen möchte ich einen Gedanken des verstorbenen Philosophen Leszek Kolakowski stellen: „Offensichtlich können Einzelne hohe moralische Standards aufrecht halten und zugleich areligiös sein. Dass Zivilisationen das können, bezweifle ich… Was ist die Menschenwürde wissenschaftlich gesehen? Aberglaube? Empirisch gesehen sind die Menschen ungleich. Die Menschenrechte sind eine unwissenschaftliche Idee.“

Nach Kolakowski bläst nicht nur uns, den Gläubigen, sondern der ganzen Gesellschaft ein kalter Wind entgegen; wenn ein Gleichheitsdenken zum obersten allein gültigen Prinzip erhoben wird. Jüngst zur Anwendung gebracht durch den Verfassungsgerichtshof: Ehe für alle! Es scheint so zu sein, dass Unterschiede nur mehr als Diskriminierung gesehen werden müssen.
Ich möchte klarstellen, als Kirche haben wir zur Diskriminierung gewiss beigetragen. Dafür wollen wir uns – wo immer dies geschehen ist – entschuldigen.

Die Ehe, als Keimzelle des Lebens ist jedoch eine menschlich göttliche Errungenschaft, vergleichbar der Würde der Person. So dürfen wir kritisch fragen: Warum gelingt es gesetzgebenden Körperschaften nicht, in einer immer mehr plural werdenden Gesellschaft altbewährte Institutionen zu schützen, ohne zugleich neuen Lebensgemeinschaften den nötigen Rechtsrahmen zu versagen? Diese „Anpassungsbeflissenheit“, wie der Dogmatiker Tück schreibt, ist für uns Katholiken nicht nachvollziehbar. Wir sind rückverwiesen auf die Anfänge der Christenheit in heidnischer Umgebung, wie es im Diognetbrief steht: „Sie (die Christen) gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten durch ihre eigene Lebensweise die Gesetze“.

Die kürzlich angelobte Bundesregierung stellt sich mit neuen Ideen den Herausforderungen und will Rahmenbedingungen schaffen, damit jede und jeder Einzelne ein gelungenes Leben erreichen kann. Es gehört zu unseren christlichen Aufgaben für die, die uns regieren, zu beten. Darüber hinaus gilt es wachsam zu sein. Die Kirche will sich in den gesellschaftspolitischen Diskurs einbringen, basierend auf der Katholischen Soziallehre, mit der Stimme der Katholischen Aktion. Es gehört zu unserem Grundauftrag, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Mit Papst Franziskus müssen wir Anwälte sein für Menschen an den Rändern der Gesellschaft, damit sie nicht übersehen werden. Es gibt in unserem Land Menschen, von Armut betroffen, die in unwürdigen Zuständen ihr Dasein fristen.

Am Vorabend zum Weltfriedenstag, der unter dem Motto steht: „Migranten und Flüchtlinge: Menschen auf der Suche nach dem Frieden“ gilt es, einen Blick des Vertrauens auf die globale Migrationsbewegung zu richten.

Der Papst mahnt zu einem verantwortlichen Umgang mit den neuen komplexen Situationen der Zuwanderung und den begrenzten Ressourcen. Maßnahmen zur Migration müssen aber von Mitgefühl, Weitsicht und Mut getragen sein. Politik dürfe nicht dem Zynismus und der Globalisierung der Gleichgültigkeit zum Opfer fallen. Der Hl. Vater setzt mit seinen Synoden Akzente: mit der vergangenen Familien-Synode oder der Jugend-Synode im kommenden Jahr. Diese Impulse des Papstes möchten wir im kommenden Jahr verstärkt umsetzen. Dazu erbitte ich um das Gebet und um konstruktive Beteiligung.

So beschließen wir versöhnt und in großer Dankbarkeit das alte Jahr und beginnen das neue in Gottes Namen!
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