Mariä Empfängnis

Predigt vom 8. Dezember 2019 im Salzburger Dom
Liebe Schwestern und Brüder!


Es ist unbezweifelbar, der Glaube spielt im Wirken Jesu die zentrale Rolle. „Dein Glaube hat dir geholfen; glaubst du, dass ich dich heilen kann?“, so und in ähnlichen Worten sagt und fragt Jesu, wenn er helfen wollte. Es gibt meines Wissens in der ganzen Hl. Schrift nur eine definitionsähnliche Bestimmung, was Glauben bedeutet. Im Brief an die Hebräer lautet diese:
„Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ Hebr. 11,1

Wenn nun Theologie eine Glaubenswissenschaft sein will, dann muss sie sich an der Hoffnung messen lassen. Mir hat einmal ein Fundamentaltheologe hingegen gesagt, Theologie sei heute vornehmlich Kritik oder reine Historie; entweder kritisieren, wie es falsch war oder endlich aufzeigen, wie es wirklich war. Beide Male orientiert man sich nicht an der Hoffnung, die uns bewegt, sondern nur an vermeintlichen Tatsachen. Auf diese Weise wird man dem Geheimnis des heutigen Festtages – Maria, die unbefleckt Empfangene – allerdings nicht auf die Spur kommen. Darum sollten wir fragen, welches Hoffnungspotential liegt in dieser Lichtgestalt unseres Glaubens für uns geborgen?  

Die Frage erlaubt zwei Antworten:

Erstens: Wir sind nicht allein. Gott ist Mensch geworden. Wir leben heute in einer sehr nihilistisch anmutenden Zeit. Das Menschsein scheint für nicht wenige Last geworden zu sein.  Am Ende des Lebens möchte man ausgelöscht werden, um Nichts zu hinterlassen. Auf unseren Friedhöfen fehlen somit diese Gräber, fehlen Orte, zu denen man, wie Frauen am Ostermorgen, hineilen kann mit allzu schwer drückenden Lasten und Fragen. Gott ist Mensch geworden, er hat mit Menschen gelebt, Freud und Leid geteilt, und ist für uns gestorben. Sein Grab kann man heute noch besuchen. Millionen von Pilgern haben das getan und tun es immer noch. Es ist leer, und das gleichsam seit Anbeginn an. Nur wenige Tage vermochte es ihn zu halten; denn: Der Herr ist auferstanden. Beim Hl. Apostel Paulus lesen wir einen unglaublich anzuhörenden Satz:  „…, sein Tod soll mich prägen.“ Phil. 3,11 Das konnte dieser große Völkerapostel nur auf Grund von Hoffnung sagen.

Am Anfang dieser großen Lebensbewegung steht Maria mit ihrem Ja-Wort; „ich bin die Magd des Herrn mir geschehe wie du gesagt hast.“

Die franziskanische Theologie hat dieses Ursprungsdatum unseres Glaubens tief ausgefaltet, ausgehend von der Frage, warum Gott überhaupt Mensch geworden ist? Eine gängige Antwort im Mittelalter lautete, um uns zu erlösen. Das erschien Johannes Duns Scotus keine Gott angemessene Lösung zu sein. Denn das würde ja bedeuten, Gott musste Mensch werden, weil die Menschen der Sünde verfallen waren. Die Sünde sei so hoch nicht anzurechnen. Sünde könne doch nicht Bedingung eines so wundersamen Ereignisses wie der Menschwerdung Gottes sein. Vielmehr sei es angemessener, zu glauben, Gott wollte Mensch werden, weil „Menschwerden“ und „mit den Menschen sein“ ein viel höheres Gut sei als die Bedürftigkeit nach Erlösung. Theologie versucht immer vom Höchsten und Besten auszugehen. Gläubige und hoffende Menschen denken so. Sie sind vom Ursprung her schon einmal positiv gesinnt.

Einen zweiten Hoffnungspfad hat uns die Heilsgeschichte mit dem Geheimnis des Glaubens, das wir heute feiern, eröffnet. Es geht um die Erlösung. Was das betrifft verhält es sich so. Es scheint heutzutage keine Schuld vor Gott mehr zu geben. Damit hat die Schuldgeschichte jedoch nicht das Ende gefunden. Vielmehr wird Schuld nun auf rein innerweltlicher Basis abgearbeitet. Schuldige werden auch heute gesucht und natürlich auch gefunden. Die Religionsphilosophin Gerl Falkowitz hat sich dieser Thematik in einem Buch gewidmet. Der bezeichnete Titel lautet „Verzeihen des Unverzeihlichen“. Es gibt Unverzeihliches, das innerweltlich nicht bewältigt und nicht gesühnt werden kann. Wie schaut es mit der Gerechtigkeit für alle aus? Fallen nicht immer und in jedem System Menschen durch den Rost? Gibt es nicht auch in unserer Zeit genug Menschen, die unschuldig leiden, ja sterben müssen und niemand bittet um Verzeihung oder bemüht sich um Wiedergutmachung. Gibt es eine letzte Instanz der Gerechtigkeit? Der Mensch muss sich in letzter Konsequenz mit solchen Anfragen heillos überfordert fühlen. Wir können und müssen vieles gut machen und richtig stellen, aber eine letzte Rechtfertigung, die dem Einzelnen in seiner Einzigartigkeit gerecht wird, können wir nicht von unserer eigenen Festplatte herunter laden.

Woher kommt uns Hilfe? „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Ps. 121,2 Betet der Psalmist.

Auch hier steht Maria am Ursprung der Heilsgeschichte. In ihr hat Gott ein Präludium gestiftet, der Weltgeschichte mit ihren Brüchen und Abgründen als Ursprungsgeschichte neu angeboten. Johannes Duns Scotus der große Franziskanergelehrte nennt es Vorerlösung. Im Vorausblick auf das aufopferungsvolle Erlösungswirken Jesu hat Gott Maria von Anbeginn ihrer Existenz von der Sünde befreit. Somit feiern wir heute ein zeitloses „Als ob“, als ob die Erlösung nicht erst zur Fülle der Zeiten, sondern schon am Schöpfungsmorgen geschehen ist. Gott hat in Maria ein kleines Stückchen Paradies bewahrt, wohinein er sein Wort von der Menschwerdung in Freiheit und Liebe sprechen konnte. Ein wunderbarer Zusammenfall von Zeit und Ewigkeit. Ein himmlisches Vorspiel mit ursprünglicher Wirkung, hineingegeben in eine Welt, die damals und heute aus vielen Wunden blutet.

Liebe Schwestern und Brüder, in dieser einzigartigen Gnadengabe Gottes liegt der Urgrund von Hoffnung. Diese Hoffnung lässt uns im Glauben feststehen. Diese Hoffnung erfüllt uns und lässt und nicht schweigen. Wir glauben, dass das Menschsein zutiefst sinnvoll und hoffungsvoll ist. Wir glauben, wir sind nicht allein gelassen, sondern eingebettet in einer Geschichte des Heiles Gottes, welche unserseits so oft zur Unheilsgeschichte abdriftet. So ist auch uns ein Erlöser geboren. „Denn siehe, ich will Neues machen“, heißt bei Propheten Jesaja (43,19). Gewiss, Glaube und Leben fordern heraus. Auch wir können mit Maria fragen: „Wie soll das geschehen?“ Ihr Beispiel und Zeugnis lehrt uns. Seien wir Hörende: In der zweiten Lesung haben wir gehört:

„Alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schriften Hoffnung haben.“ Röm. 15, 4

Die Worte, die von Maria überliefert sind, wurden fast allesamt zu Gebetsworten. Beten wir Ihr:

„Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Lk. 1, 38
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