Morgenandacht

des Erzbischofs Franz Lackner am 1. September 2015 am Forum Alpbach
Liebe Brüder und Schwestern!

Ich darf diese Betrachtung wieder mit einem Zitat beginnen; wie es meine Gewohnheit ist, kommt es aus dem Bereich der Philosophie. Es stammt von Leszek Kolakowski, einem mutigen Kämpfer gegen den Kommunismus und für die Freiheit. Das Interview brachte die Zeitung „Die Welt“ unter dem Titel „Ich rechne nicht mit dem Tod Gottes“.

Ich zitiere: „Offensichtlich können Einzelne hohe moralische Standards aufrechterhalten und areligiös sein. Dass auch Zivilisationen das können, bezweifle ich. Welchen Grund gäbe es ohne religiöse Traditionen, die Menschenrechte und Menschenwürde zu achten? Was ist Menschenwürde, wissenschaftlich gesehen? Aberglaube? Empirisch gesehen sind die Menschen ungleich. Wie können wir Gleichheit rechtfertigen? Die Menschenrechte sind eine unwissenschaftliche Idee.“

Interessant: Offensichtlich ist es in den Grundfragen unseres Lebens möglich, dass Einzelne Wege gehen, die der Allgemeinheit zuwider sind, und trotzdem moralisch hohe Standards bewahren. Einzelne können areligiös sein und hohe moralische Standards einhalten, aber was ist, wenn eine ganze Gesellschaft areligiös ist, ist es für den Einzelnen noch möglich, diese Standards hochzuhalten? Nach Kolakowski nicht!

Das erinnert an das Böckenförde-Dilemma: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat zehrt von normativen Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann!“ oder auch an den großen Mathematiker Kurt Gödl, der den Unvollständigkeitssatz formulierte: „Ein endliches System kann ohne Bezug auf Unendliches seine eigene Widerspruchsfreiheit nicht garantieren.“ Wir leben in einer Zeit, in der die Grundlagenforschung in den einzelnen Wissenschaften, in Philosophie und Theologie, sehr vernachlässigt wird. Mit den Worten von gestern, als vom italienischen Philosophen Agamben die Rede war: „es fehlt uns eine allem Leben innewohnende Geschäftslosigkeit!“ Prof. Anton Zeilinger hat dieses Fehlen in unserer Bildungslandschaft kritisiert. Welche Gründe, Gewissheiten setzen selbstredend ohne dabei die Notwendigkeit einer Rechtfertigung überhaupt zu spüren?

Das hohe Gut der Freiheit, des Denkens, der Meinungsäußerung und der Lebensentscheidung wird als Grundrecht persönlich sehr wohl in Anspruch genommen. Freiheit ist allerdings mitnichten eine Selbstverständlichkeit; diese muss auch von uns, die wir nicht in totalitären Strukturen zu leben haben, immer wieder neu verdient und errungen werden! Dass diese Arbeit nicht geleistet wird, ist dem Umstand großer Sinnlosigkeit und Unfreiheit in den Herzen vieler Menschen geschuldet. Ähnlich verhält es sich in den verschiedenen Systemen menschlichen Zusammenlebens. Geht es um eine allgemein gültige Verantwortung, so erlebe ich oft nur ein Schwarz-Weiß-Denken. Ganz dagegen, mit Lust und Liebe Opposition oder blauäugig dafür sein. Eine in Freiheit errungene Verantwortung fehlt sehr oft. In Freiheit zu leben ist schwer.

Wir kennen die Geschichte vom Großinquisitor von Dostojewski, der den wieder auf die Erde gekommenen Christus einsperrt, ihn in der Nacht besucht und ihm den Vorwurf macht:  „Du hast die Menschen überschätzt, du hast ihnen die Freiheit gegeben, die wollen sie aber nicht, sie werden diese dem Erstbesten, der ihnen Brot und ein wenig Lust verspricht, verkaufen!“ (frei zitiert) Freiheit ist ein hohes Gut und eine große Aufgabe. Freiheit braucht einen Ermöglichungsraum / Übungsraum. Dieser Raum der Freiheit kann nur ein Raum einer verbindlichen Glaubensgemeinschaft sein. Es versteht sich, ich kann nur von der katholischen Kirche reden!

Zwei Brennpunkte zeichnen diesen Raum aus:

- das Personverständnis; ich höre, dass es in den gesellschaftspolitischen Zentren eine starke Lobby gegen die Personkonzeption gibt. Der Grund liegt wohl darin, um am Ursprung des Lebens mehr experimentieren zu dürfen.  

Johanes Duns Scotus: „Persona est ultima solitudo“, einsam, weil so einmalig, einzigartig, nicht wiederholbar; auf dieser Ebene herrscht pure Ungleichheit. Jeder Mensch ein von Gott her neues Ereignis. Es gibt einen schönen Spruch „Wir werden alle als Originale geboren, sterben leider als billige Kopien!“ Ich lerne sehr von Künstlern, im Gespräch; alle sagen mir: worauf es wirklich ankommt, ist Authentizität. Wir Menschen überfordern uns allzu leicht, indem wir von anderen erwarten, dass sie uns ganz verstehen. Ganz versteht uns nur Gott! Der Mensch ist für Gott geschaffen!

- Der zweite Brennpunkt: ein verbindliches, allgemeingültiges Orientierungssystem! Wie z.B.: Gebote, Gesetze, Regeln. Beispiel: Leuchtturm.

Allgemein gültige Regeln, Gesetze und Gebote haben die Aufgabe Orientierung zu geben. Sie sind nicht das Ziel, wie der Leuchtturm nicht Ziel ist, sondern auf das Ziel, der Hafen/das Reich Gottes. Ähnlich verhält es sich wenn man in einer neuen/unbekannten Gegend unterwegs ist.

Ich komme aus dem Flachland; ich würde nicht auf die Idee kommen zu meinen, auf dem Großglockner meine ganz eigene Route zu gehen, nur weil ich meine doch nicht Wege, die andere vor mir geprägt haben nachlaufen zu müssen. Eigene Wege kann man erst dann gehen, wenn man viele andere / nicht eigene Wege nachgegangen ist. Nun ist es so, dass Orientierungssysteme heute generell in der Krise sind.

Zur Franziskusoper von Heinz Kratochwil, die hier in Alpbach uraufgeführt hätte sollen, aber aus mir nicht bekannten Gründen nicht erlaubt wurde. Die Anfangsszene der Oper handelt vor der riesig anmutenden Grabeskirche, worin der arme, kleine aus Assisi seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Die ersten Gefährten mit der Hl. Klara stehen vor diesem Ungetüm von Bauwerk und fragen sich: „Wie passt das zusammen?“ Der Arme, Kleine aus Assisi und dieses ihm zu Ehre gebaute burgähnliche Bauwerk. Diese Frage durchzieht die ganze Oper. Am Ende wird diese fast unerträgliche Spannung genial aufgelöst; indem sie erkennen: „Das ist unsere Armut, dass wir die Erinnerung an den Armen, Kleinen aus Assisi nicht anders wachzuhalten vermögen als durch solche Bauwerke.“

Ähnlich verhält es sich mit unserer Kirche, als riesig großes, subtil gebautes Bauwerk der Theologie; mit ihrer hoch in den Himmel hinaufragenden Säulen der Dogmatik, mit den spannungsgeladenen Bögen des Kirchenrechts, mit ihrer reichen Ornamentik der Liturgie, mit ihren Mauern der Weisheit.

Wie passt das zusammen mit dem Jesus von Nazareth, der durch die Lande zog, sich auch von Zufälligkeiten leiten ließ, mit seiner so lebensnahen Botschaft? Das ist unsere Armut, dass wir die Erinnerung genau an diesen Jesus nicht anders wach zu halten als eben durch diese Kirchen.
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