Osternacht

Samstag 4.4.2015, Dom zu Salzburg
Liebe Brüder und Schwestern!

Die Kirche feiert in ihrem Jahreskreis zwei Hl. Nächte: einmal das Weihnachtfest, die Menschwerdung Gottes, und dann die Auferstehung unseres Herrn Jesu Christi in der Osternacht. Das sind die beiden Brennpunkte, um die Gottes ganze Heilsgeschichte mit den Menschen kreist. Das sind die zwei Quellen unseres Glaubens.

Darum, liebe Brüder und Schwestern, darf unsere erste Aufmerksamkeit nicht dahin gehen, zu sorgen, ob wir in allen weltlichen Bereichen auf der Höhe der Zeit sind, um überall mitreden zu können. Die erste Sorge darf auch nicht darauf aus sein, nur unsere Glaubenslehre auf so ein Niveau zurecht zu stutzen, so dass eine größtmögliche Zahl doch noch irgendeinen Nutzen daraus zu ziehen bereit ist. Das mögen wichtige Schritte sein, aber niemals die ersten, sondern folgende. Unsere erste Sorge und Aufmerksamkeit muss wohl die sein, wo und ob das, was wir in diesen beiden Nächten mit großer und ansprechender Feierlichkeit feiern, auch in mir, in unseren Gemeinden und Gemeinschaften überhaupt vorkommt. Was Weihnachten betrifft, kennen wir das oft zitierte Wort von Angelus Silesius, der sagt:

„Wäre Gott in Bethlehem 100 Mal geboren aber nicht in deinem Herzen, er wäre umsonst auf die Welt gekommen.“

Die uns umtreibende Frage muss darum lauten: Ob denn derartig göttliche Ereignisse in und unter uns schon einmal statt gefunden haben? Können wir von solchen Begegnungen erzählen? Ergeht es uns – wenigstens im Kleinen – so, wie es einst den Aposteln ergangen ist: Sie konnten von dem, was sie gesehen und gehört haben unmöglich schweigen?

Wir sind – Gott sei es gedankt – eine über diese Welt hinaus umspannende Kirche. Das ist trostvoll. Wir müssen nicht hier in Salzburg die ganze Tiefe unseres Glaubensbrunnen ausschöpfen. Aber was von uns schon abverlangt wird, ein aufmerksames und hörendes Herz, wo die genannten beiden Quellen besonders reichhaltig fließen und Christen in solchen Situationen mehr durch ihr Leben als mit Worten die Lebendigkeit ihres und auch unseres Glaubens bezeugen.

Dankbar denke ich an ein Zeugnis, welches ein Priester gegeben hat anlässlich seines 50 zigsten Priesterjubiläums. Fast sein ganzes Priesterleben hat er seines Glaubens wegen im Gefängnis zugebracht. Aus dieser Zeit bezeugte er: In einer bitterkalten Winternacht war er fürchterlichen Repressalien ausgesetzt. Die Gefängniswärter traktierten ihn mit Fausthieben und Fußtritten, schließlich ließ man ihn halbnackt auf nacktem, kaltem Boden in seiner Zelle liegen. Allein und ohne Schutz, aussichtslos auf irgendeine Hilfe und Trost. Da erinnerte er sich: Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden, hat gelitten, wurde gekreuzigt und er ist auferstanden!

„Da verstand ich – so dieser gequälte Mensch – was es heißt, Mensch zu werden!“

Da wurde Gott in einem Menschenherzen geboren. Gerade in unserer Zeit gibt es sehr viele Christinnen und Christen, die für ihren Glauben Schwerstes zu erleiden und schließlich das Leben hingeben müssen. Dieses Unrecht an unschuldigen Menschen schreit geradezu nach Auferstehung. Es muss eine Gerechtigkeit für alle geben! Es darf nicht sein, dass unschuldige Menschen irgendwelchen fehlgeleiteten Ideologien zum Opfer fallen, und das war es für sie gewesen!? Wie es auch nicht schon gewesen sein kann, wenn 149 Passagiere im guten Glauben eine Flugreise buchen, dabei nicht ahnen konnten, welch tödlichem Krankheitstrieb sie in die Hände laufen werden.

Selbst so säkulare Geister wie ein Jürgen Habermas fordern Anbetracht solch fürchterlicher Zufälle eine Gerechtigkeit für alle; nicht genug sie hoffen auf eine Gerechtigkeit über die irdische Welt hinaus. Habermas bezeichnet sich selbst als religiös unmusikalisch, aber dieser Sinn von Gerechtigkeit lässt ihn von Auferstehung reden.

Wenn wir in dieser Heiligen Nacht die Auferstehung unseres Herrn Jesu Christi feiern, dann liebe Brüder und Schwestern, sollen wir der privilegierten Situation eingedenk sein, in der wir leben und glauben dürfen. Der Ernstfall des Glaubens wird uns über weite Strecken des Lebens nicht abverlangt. Aber es gibt ihn auch für uns. Herrschen doch in nicht wenigen Herzen unter uns doch Lebensmüdigkeit und lähmende Sinnlosigkeit. All das sollen wir in unser Osterlob mithinein nehmen. Gott ist der Herr über Leben und Tod. Er hat seinen Sohn als erstem von allen vom Tode auferweckt am dritten Tage. Er wird all jene, die der Tod zur Unzeit durch Gewalt ereilte, nicht vergessen und sie auferwecken. Mögen all jene, die wie der arme Lazarus zu Lebzeiten so Schlechtes erfahren mussten, nun von Gott getröstet werden.

Wir aber wollen nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern unsere Stimme erheben mit demütiger Entschiedenheit gegen alles Unrecht in dieser Welt. Aber den eigentlichen Dienst, den wir für andere und für uns selbst leisten dürfen, besteht darin, dass wir an die Auferstehung unseres Herrn Jesu Christi glauben und diesen Glauben in kleinen Schritten des Alltagslebens immer wieder neu vollziehen. Dieses wunderbare Geheimnis, das so viel Trost und Freude zu spenden vermag, bedarf unserer besten Kräfte, nicht nur jene der Hände und des Kopfes, sondern muss je eigene Herzenssache sein.

Suchen wir wie Maria aus Magdala Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Dann gilt auch uns die Frohe Botschaft: Er ist nicht hier! Er ist auferstanden! Er geht uns voraus! Und wir werden ihn sehen.
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