Predigt bei der Amtseinführung

Predigt von Erzbischof Dr. Franz Lackner bei der Amtseinführung am 12. Jänner 2014, Dom zu Salzburg
Schwestern und Brüder im Herrn! Liebe Mitfeiernde über Radio und Fernsehen! Da fragt ein fast erschrocken klingender Johannes den sich in die Reihe der Täuflinge stellenden Jesus: „Du kommst zu mir? Müsste nicht ich von dir getauft werden?“ Fragen dieser Art, wie das Fragen überhaupt, möchte man diesem eher rauen Propheten an der Zeitenwende gar nicht zutrauen. Zu entschlossen ist sein Auftreten, machtvoll die Predigten, vornehmlich über das Gericht. Wahrhaftig ein Mann Gottes könnte man sagen, der von seiner Botschaft überzeugt ist. Erst recht trifft das zu, wenn er von dem redet, der nach ihm kommt, der aber immer schon mitten unter uns ist. Dieser halte schon die Schaufel in der Hand und werde den Weizen von der Spreu trennen, sofern sich nicht Früchte der Umkehr zeitigen. Wer ist dieser Johannes der Täufer? Heute, da ich hier meine erste Predigt vor so vielen Gläubigen halten darf, möchte ich zu einer Blickumkehr einladen und fragen: Wer ist dieser Jesus, der dem Täufer solche Fragen entlocken kann? Denn eines wird deutlich: Die Begegnung von Johannes mit dem, der in seinem Leben irgendwie immer schon da war – den er im Mutterschoß erstmals erspürte -, diese Begegnung hat Johannes innerlich verwandelt. Fortan erleben wir einen Täufer, der nicht mehr droht, sondern bekennt: „Wer die Braut hat ist der Bräutigam! Der Freund des Bräutigams steht dabei und hört ihn und freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden.“ Weiter heißt es: „Er muss wachsen, ich aber kleiner werden!“ Dieses Wort, das ich zum Leitwort meines bischöflichen Wirkens auserwählt habe, ist auch Licht für die Kirche auf dem Wege ihrer Sendung. Das II. Vatikanum hat im Lehrschreiben Lumen gentium, Ort und Aufgabe von der Kirche in dieser Weise bestimmt. Kirche steht nicht im Zentrum, sondern ist Zeichen und Werkzeug auf ein Zentrum hin. Kirche steht für die innigste Einheit mit Gott genauso, wie für die Einheit der ganzen Menschheit untereinander. Gemäß dieser Bestimmung – das gilt für unsere Zeit besonders – und nach dem Vorbild des Johannes des Täufers muss Kirche eine Suchende sein. Jedoch nicht eine Suchende, die gar nicht erst wüsste, was oder wen sie zu suchen hat, so als ob sie gleichsam bei Null beginnen müsste. Vielmehr gilt für sie – frei nach den Worten des Hl. Augustinus –: „Weil ich dich, oh Gott, gefunden habe, suche ich dich.“ Gerade weil sich die Kirche auf ihrer vom Heiligen Geist geführten langen Reise durch die Geschichte ein so reiches wie profundes Wissen über Gott und seinen Plan mit den Menschen angeeignet hat, muss sie ständig neu aufbrechen und für die Überraschungen Gottes offen sein. Liebe Brüder und Schwestern, Gott suchen bedeutet immer auch für die Menschen ganz da sein. „In Gott eintauchen, um bei den Menschen aufzutauchen“ lautet die Maxime vom Hl. Ignatius von Loyola. Wo findet nun diese Suche den Abschluss? Jedenfalls nicht darin, dass wir es sind, die fündig werden, sondern als Suchende werden wir von Gott gefunden. Ich sehe es als eine der vordringlichsten Aufgaben von Kirche in unserer Zeit an, Ort und Zeit zu ermöglichen, wo „Gottes Freude unter den Menschen zu sein“ gefeiert und erfahren werden kann. In der Weise, dass es immer wieder zu diesem staunenden Fragen eines Johannes des Täufers kommen kann: „Du kommst zu mir? Müsste nicht ich ….!?“ Auf diesen Weg, den wir nur gemeinsam als Glaubende gehen können, wurde mir – lassen sie es mich sagen - dem unwürdigen Diener – der altehrwürdige Rupert- und Virgilstab übergeben. Mit diesem Hirtenstab haben Bischöfe durch Jahrhunderte hindurch die Erzdiözese geführt und geleitet. Nun liegt er in meiner Hand! Ich umgreife ihn, nehme ihn fest in die Hand, um bei der Suche nach Gott und nach den Menschen voranzugehen. Dankbar glaubend weiß ich um die wunderbare Wechselwirkung: ich führe den Stab und der Stab führt mich, nach den Worten des Psalmisten „dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ So weiß ich mich in der großen Verantwortung getragen zum einen von der langen und bedeutsamen Geschichte der Erzdiözese Salzburg, durch die der Glaube tragende und gestaltende Kraft war und ist; sowohl in guten wie in weniger guten Zeiten. Diese Herkunft hat Zukunft! Zum anderen weiß ich mich aber auch getragen von meiner eigenen Geschichte. Mir wurde der Glaube mit in die Wiege gelegt; es war dies ein sehr leidgeprüfter Glaube, der sich über schwerste Zeiten hindurch bewährt hat. Die Generation vor mir musste vieles erleiden und erdulden: Krieg, Armut und so manchen persönlichen Schicksalsschlag. Der Glaube war da oft die einzige lebensdienliche Kraft. Als Kind durfte ich mehrmals in einfachen Worten hören, was die Lesung uns heute an Trost und Hoffnung zuspricht: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus!“ Ich komme aus dem Franziskanerorden. Diese menschliche Spiritualität des armen Kleinen aus Assisi hat mich sehr geprägt. In seinem Testament, ein Dokument der letzte Stunde, das von besonderer Durchsichtigkeit auf Gott hin geprägt ist, wiederholt Franziskus einen Satz immer wieder: „Der Herr hat gegeben!“ Der Herr hat ihm Brüder gegeben! Der Herr hat ihm in den Kirchen einen tiefen Glauben gegeben, so dass er in Einfalt beten konnte! Der Herr hat ihn zu den Armen gesandt. In diesem Sinne bitte ich alle Verantwortlichen in der Kirche, alle die sich haupt- und ehrenamtlich im Reich Gottes in der Erzdiözese engagieren, vor allem aber bitte ich alle Gläubigen: Glauben wir, dass es letztlich der Herr ist, der uns zusammengeführt hat; dass der Herr uns heute zu den Armen sendet, und wir – wie der Prophet Jesaja sagt – Stimme für die vielen sind, die oft unbewusst Gott suchen. Ich weiß, es ist dies keine leichte, aber eine schöne Aufgabe! Nur so werden wir die Freude erleben, von der Johannes der Täufer bekennt, dass sie Wirklichkeit geworden ist! So ereignet sich Begegnung mit Gott, die den Menschen staunend fragen lässt: „Du kommst zu mir!?“
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