Predigt von Erzbischof Franz Lackner anlässlich des 80. Geburtstags von Erzbischof emeritus Alois Kothgasser am 28.05.2017

Es ist Dein ausdrücklicher Wunsch heute, da wir Deinen 80-zigsten Geburtstag feiern, nicht Dein Leben und Wirken – wie wir Steirer zu sagen pflegen – auszupredigen, sondern Du wünschtest, ich möge über das Priestertum etwas sagen. Ich werde Deinem Wunsch natürlich gerne entsprechen, wiewohl es ganz ohne Verweis auf Dein segensreiches Wirken als Priester und Bischof nicht gehen wird. Denn: bei meinen vorbereitenden Überlegungen zum Thema Priester bist Du mir – Gott sei´s gedankt – doch immer wieder hilfreich in die Quere gekommen.
Eine erste Schwierigkeit, die sich mir stets neu einstellt, lautet: wie anfangen? Dazu hat sich der große Philosoph Hegel geäußert, wenn er schreibt: „Es fehlen uns wirkliche Anfänge!“ Das ist zwar tröstlich, wenn es anderen auch so ergeht, schlussendlich aber nicht sehr hilfreich. Da bist Du mir rettend eingefallen, näher hin Dein großes Anliegen für Jugendliche, insbesondere anlässlich von Schulbesuchen ihnen auch direkt zu begegnen. Mir liegen die jungen Menschen, namentlich in den Schulen, auch sehr am Herzen. Einmal auf diese Fährte geschubst erinnerte ich mich an einen derartigen Besuch in einer Schule. Die Kinder lieben es Fragen zu stellen. Ich auch, denn sie haben tolle Fragen, wie z.B. wie groß ist Gott? Ein Kind meinte größer als das größte Haus und da ist man nicht weit vom Anselm´schen Gottesbeweis; Gott ist das, worüber Größeres nicht gedacht werden kann. Kinder verstehen es, Antworten aus uns herauszulocken, auf die wir so ohne weiteres selber nicht kommen. Dann fragte einmal ein Kind, was für mich Glück sei? Ich war überrascht; die Frage, ob ich glücklich bin, das ja, aber was ist Glück für dich? Kinderfragen haben einen hohen Grad von Ursprünglichkeit, das weckt in uns Erwachsenen gleichfalls den Geist der Echtheit. So entfloh mir eine Antwort, welche mich nochmals ins Erstaunen
versetzte: Glück ist für mich Gesendet-zu-sein. Meine Antwort! Als Priester, Bischof, ist man nicht in eigener Mission unterwegs, vielmehr gesendet, zu Menschen geschickt und zwar mit einer Frohen Botschaft.
Damit ist eine erste wesentliche Dimension, was Priestersein bedeutet angezeigt. Gesendet-Sein soll allerdings nicht als ein selbstverständlicher Akt unsererseits verstanden werden, einem „habitus“ oder Gewohnheit gleich, vielmehr steht der Gesendete in einer dauerhaften communio mit dem entsendenden Ursprung. Im zweiten Hochgebet betet die Kirche: „Herr wir danken Dir, dass Du uns berufen hast, vor Dir zu stehen und Dir zu dienen.“ Der allzu früh verstorbene Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, nennt diese Ursprungsbeziehung ein Ärgernis der Unterscheidung. Ich darf ihn wörtlich zitieren: „Sendung ist unverfügbar, sie lebt aus dem sendenden Ursprung; und es ist gerade die „Demut“ und „Wehrlosigkeit“ des Gesandten, dass er nicht sich vertritt, sondern einen anderen, der in ihm wirkt und mächtig ist.“ Genau denselben Sachverhalt besagt im Grunde auch die Kurzformel „in persona Christi agere“, der Priester handelt in den wesentlichen Aufgaben der Kirche nicht aus sich – er vertritt nicht sich -, er handelt in der Person Jesu Christi. In Anlehnung an den Hl. Augustinus schreibt das II Vatikanische Konzil im Schreiben Sacrosanctum Concilium (Nr. 7): „Immer wenn einer tauft, tauft Christus selber, dieser Christus spricht auch selber, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden und derselbe Christus bringt das Opfer jetzt dar durch den Dienst der Priester, … wie vor allem unter den eucharistischen Gestalten.“ Wir haben Teil an einer Sendung und diese Sendung nimmt uns jedoch auch in die Pflicht. Der auferstandene Jesus spricht zu den Jüngern: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“
(Joh. 20,22) Zur communio mit Gott gehört die missio, den Armen das Evangelium zu verkünden.
Den Gedankengang finden wir weiter bestätigt bei Paulus, in seiner Selbstdefinition ausgeführt im ersten Vers des Römerbriefes. „Paulus Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, - in der neuen revidierten Einheitsübersetzung, an der du lieber Erzbischof Alois seitens der österreichischen Bischofskonferenz mitgearbeitet hast – heißt es nun richtiger übersetzt: ausgesondert, das Evangelium Gottes zu verkünden. Das entspricht dem griechischen Begriff ἀϕωριςμένος besser. Während die frühere Version lautete: „auserwählt das Evangelium zu verkünden“. Das Lateinische übersetzt hingegen angemessen mit segregatus, was getrennt, und eben ausgesondert bedeutet. Einen Hinweis für das priesterliche Wirken des Paulus findet sich in der Apostelgeschichte (13,1), bei der Sendung von Barnabas und Saulus. Dort findet derselbe Begriff Gebrauch. Die Gemeinde feiert zu Ehren des Herrn Gottesdienst und der Heilige Geist gab ihnen ein: Sondert mir Barnabas und Paulus aus, zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe. Da fasteten und beteten sie, legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen. (Vgl. Apg. 13,1-3). Die Sendung des Paulus zu den Heiden dürfen wir als einen priesterlichen Dienst verstehen; wie wir im Römerbrief 15,16 lesen, er (Paulus) wolle das Evangelium für die Heiden wie ein Priester verwalten.
Mit Klaus Hemmerle könnten wir nun von einem zweiten Ärgernis der Unterscheidung sprechen. Das erste, wie wir früher hörten, betrifft die Besonderheit der Ursprungsbeziehung – nicht sich selbst, sondern einen anderen zu vertreten – dazu gesellt sich das zweite Ärgernis, der Priester kann nie ganz Teil des Volkes sein, er muss diesem auch gegenüber stehen. Das bedeutet aus- bzw. abgesondert sein. Für das Bischofsamt hat
Augustinus dieses Verhältnis treffend in die Worte gefasst: „Mit Euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof.“ Das gilt für den Priester in gleicher Weise: „Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Priester.“
In dieser zweifachen – ich nenne es jetzt – Behinderung liegt die Ermöglichung einer doppelten Freiheit. Ich sage oft zu jenen, die den Glauben lehren: Man muss als ein Christus Bekennender nicht alles von der eigenen Festplatte herunterladen. Gott ist größer! Das Evangelium sagt immer mehr als wir zu erfassen vermögen. Das bedeutet frei sein, das Letzte tun zu müssen. Auch können wir uns vom Stress befreien, zu meinen, die Glaubwürdigkeit hänge bloß von der größtmöglichen Zustimmung ab, gleichsam Mehrheitsansprüche stellen zu müssen. Wir sollen unsere eigenen Erfahrungen machen; neue Wege gehen, kleine Anfänge wagen. Die Heilsgeschichte hat immer wieder klein angefangen. Letztes Gelingen, die Vollendung des Ganzen liegt noch einmal in den Händen Gottes.
Nur so vermochte der Hl. Franziskus in großer Freiheit am Ende seines Lebens den Brüdern sagen: „Ich habe das Meine getan, das Eure möge Gott euch lehren.“
Lieber Erzbischof Alois, Du hast in der Erzdiözese Salzburg das Deine getan, und es mir nicht schwer gemacht die von Dir gelegte Fußspur weiter zu gehen. Dafür danke ich Dir namens der ganzen Erzdiözese sehr und sage für Dein Zeugnis, als Bischof, Priester und Christ ein herzliches Vergelt´s Gott.
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