Priesterweihe am 29. 6. 2015 im Dom zu Salzburg

Man will nicht Spielverderber sein; schon gar nicht in Momenten festlicher Feier; aber man sollte auch nicht den Realismus vergessen, wofür das Christentum seit alters her bekannt ist. So hatten Christen in Stunden großer Freude zugleich immer auch an Menschen gedacht, denen es nicht so gut geht. Christen verlieren in der Freude das Leidvolle nicht gänzlich aus den Augen, aus diesem Grund büßen sie im Leid auch nicht jegliche Freude ein. In gewisser Hinsicht ist christliches Dasein, ein Leben mit Vorbehalt; ganz so wie es ein Liedtitel von Frank Sinatra sagt: „The best is yet to come!“ (das Beste steht immer noch aus). Eine Kurzformel, was Auferstehung bedeutet und wenn ich richtig informiert bin, steht dieser Titel auch auf seinem Grabstein!            

In dieselbe Richtung weist das Diktum, eine Antwort, die André Gide Paul Claudel gibt: dieser hatte ihm, der in Sachen des Glaubens ein Suchender geblieben ist, vorschnell schon einen Glauben unterstellen wollen; worauf André Gide antwortet: „Verstehe mich nicht zu schnell!“ und hat damit eine theologisch zeitlos gültige Wahrheit zum Ausdruck gebracht. Verstehen wir Gott, sein wirkvolles Handeln in dieser Welt nicht zu schnell. Bleiben wir Suchende und um die Wahrheit im hörenden Gebet Ringende. Ich möchte nicht müde werden, dazu den Hl. Augustinus zu zitieren: „Weil ich gefunden habe, suche ich!“            
Hören wir mit diesem Vorbehalt - nicht zu schnell zu verstehen - auf das Evangelium des heutigen Festtages hin. Da stellt Jesus, ganz in journalistischer Manier eine Frage an seine Jünger: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Die Jünger zögern nicht, die öffentliche Meinung wiederzugeben, die da lautet: „die einen halten dich für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.“ Das Sonderbare an all diesen Antworten ist, sie sind nicht ganz falsch. Jesus hatte etwas von den Propheten an sich. Er führt ihr Werk fort, knüpft an, was diese gepredigt und verkündigt haben.

Jedoch Jesus zu reduzieren auf das, was vor ihm war, wird dem Ereignis der Menschwerdung Christi nicht gerecht. Mit Jesus kommt etwas ganz Neues in die Geschichte Gottes mit den Menschen. Aber wie geht der Mensch gemeinhin mit dem, das neu und damit auch anders ist, um? Das Neue wird bequem eingeordnet in vorhandenen Kategorien. An dieser Mauer des „Eh schon Wissens!“ muss alles Neue, jedes neue Ereignis, immer schon zerschellen.

Interessant bleibt, Jesus ereifert sich nicht, öffentliche Meinung zu widerlegen. Vielmehr wendet er sich an seine Jünger und fragt: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Und da ist es wieder einmal Petrus, der in die Bresche springt, für alle: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“            

Die Kraft des Bekennens zeichnet diesen ersten Apostel so sehr aus, hebt ihn aus allen hervor. Jesus, der sonst mit Petrus zuweilen sehr hart ins Gericht geht, antwortet feierlich: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ Nun wissen wir, der Fels Petri ist weit davon entfernt ein Edelstein zu sein oder knallharter Granit, nein, dieser Fels hat seine Sprünge und Risse. Petrus ist jedoch immer dann bekennend zur Stelle, wenn die Jünger mit ihren Vorstellungen, Wünschen und Erfahrungen an Grenzen stoßen.

An anderer Stelle, wo berichtet wird, dass viele Menschen Jesus aufgrund seiner allzu harten Rede verlassen hatten, fragt er die Jünger, niemand zurückhaltend: wollt auch ihr gehen? Da ist es wiederum Petrus, der bekennt: „Herr, wohin sollen wir gehen?“ Ich höre da ein wenig heraus, als ob Petrus sagen wollte, selbst wenn wir gehen möchten, wohin könnten wir gehen? Es gibt zu Dir keine Alternative, wie es zur Wahrheit, zum Guten keine Alternative geben kann; die Lüge ist genauso wenig eine Alternative zur Wahrheit, wie das Böse zum Guten.            

Diese Petrusbekenntnisse haben so etwas wie einen Letztheitscharakter und ich sehe in ihnen ein Merkmal des sakramentalen Priestertums. Das priesterliche Wirken und Tun darf nicht geprägt sein von diesem „Eh schon Wissen“. Jesus sagt zu Petrus: „nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“

Priesterlich Wirken bedeutet Brücke sein, die den Menschen eine letzte Rückbindung zu Gott ermöglicht. Eucharistiefeier ist Gedächtnisfeier - d.h. Rückbindung - in Erinnerung an jenen Abend, als Jesus um sein gewaltvolles Sterben wissend mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl feierte. Im Vollzug der Spendung der Sakramente wird jener Vorbehalt, dass das Beste immer noch aussteht, für den Augenblick aufgehoben. Darum handelt und betet der Priester, wenn er z.B. die Wandlungsworte in der Eucharistiefeier oder die Lossprechung bei der Beichte spricht: in persona Christi.

Lieber Martin, mit der Priesterweihe hast Du Teil am Lehr- und Hirtenamt Christi, bist du in besonderer Weise ein Jünger Jesu. Diese hohe Berufung mag erschrecken, aber bedenke: Du bist nicht allein. Du übst Dein Priestertum immer in Verbindung mit dem Bischof, dem Presbyterium und dem ganzen Volk Gottes aus. Die Apostel Petrus und Paulus, an deren Festtag Du die Weihe empfängst, mögen Dir auf Deinem priesterlichen Weg Fürsprecher bleiben.
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