Weihnachten 2014

Predigt zur Christmette 24.12.2014
Brüder und Schwestern!

Dem Geheimnis von Bethlehem in seinem verborgenen Adel der Göttlichkeit nach zu spüren, fällt nicht leicht. Da ist zu viel Verdeckendes; das Eigentliche, worauf es im Leben ankommt, ist in einer Welt der Oberflächlichkeit schwer sichtbar. Gott hat es schwer, in diese unsere Welt hinein anzukommen. Das Gespür für alles Göttliche nimmt deutlich ab. Gott wird immer mehr in die Defensive gedrängt, obwohl Er mit Blick auf Bethlehem, ohnehin schon den untersten Platz einzunehmen bereit ist. So hat es von der kurz vor ihrer Niederkunft stehenden Mutter Gottes geheißen, „in der Herberge war für sie kein Platz“. Dieser Trend der Ausschließung hat sich bis heute noch verstärkt, vielerorts wird es mehr oder weniger deutlich spürbar: „für Gott ist da kein Platz!“. Widmen wir die Betrachtung in dieser Heiligen Nacht den Orten heutiger missglückter Herbergsuche:

Im Alltag: dem Glauben fehlt in diesen Tagen vielfach die Alltagstauglichkeit; dass Gott im täglichen Leben nicht die Hauptrolle zuerkannt wird, ist verstehbar, zu sehr ist der Mensch in seiner irdischen Wirklichkeit gefordert. Aber haben wir in unserer Geschäftigkeit, Gott nicht zu sehr aus dem Auge verloren. In unserer lauten Welt hören wir nicht mehr den alltäglichen Glockenschlag, der uns zum Gebet aufruft! Wie wichtig wären gerade in unserer stressvollen Zeit, Momente der Ruhe, des Gebetes, dass Bitte und Dank unser Tagewerk begleiten. Wie wichtig wäre ein Tag der Ruhe, wo an zentraler Stelle der Gottesdienst steht, um im Segen Gottes ein wenig ausruhen zu können. Es gibt viele durchaus nachvollziehbare Gründe, warum das nicht möglich ist, aber, sind das nicht eben auch Platzverweise Gottes wie einst in Bethlehem: in der Herberge war kein Platz für sie!

Ein anderer Ort missglückter Herbergsuche ist die Allgemeine Gesetzgebung. Es ist völlig verständlich und überhaupt nicht wünschenswert, dass ein im Übernatürlichen gründender Glaube Norm einer allgemeiner Gesetzgebung sein soll. Aber einer Weisheit, die aus einer Jahrtausende alten Glaubenstradition stammt, von vornherein kein Mitspracherecht bei Fragen, die das Menschsein an sich betreffen, einzuräumen, stellt auch einen Platzverweis Gottes dar. Papst Franziskus hat in seinem Schreiben Evangelii gaudium von dieser Situation gesprochen, wenn er bemerkt, dass Fragen und Einwendungen aus dem Glauben zunehmend als lästig wahrgenommen werden; wie kann es eine Kirche wagen, deren Fehler man ja allzu gut zu kennen meint, diesbezügliche Fragen zu stellen!Anfang und Ende des Lebens weisen tief in das Göttliche hinein, das sind Orte, die für das Gelingen des Lebens überlebenswichtig sind; sie ganz und allein dem technisch Machbaren anzuvertrauen, entspricht nicht den Gesetzen der ganzen Wirklichkeit des Lebendigen. Da wird wie einst –  nicht ahnend – letztlich doch Gott der Stall zugewiesen, weil es eben keinen Platz für ihn gibt.Für Christen bedeutet dies, sich nicht in die Orte entscheidender Weichenstellungen zu drängen. Unsere Aufgabe ist es, anders zu leben und evangeliumsgemäß zu handeln. Wie es der Diognetbrief aus der Frühzeit des Christentums sagt: „Christen tun das nicht!“ In dieselbe Richtung weist Jürgen Habermas, ein unverdächtiger Zeuge, wenn er meint, die Gläubigen der Zukunft werde man daran erkennen, was sie nicht tun.Ja und es darf nicht verschwiegen werden, da gibt es noch einen Ort missglückter Herbergsuche, von dem man meinen möchte, es dürfte ihn gar nicht geben; dieser Ort liegt mitten unter den Gläubigen. Gott ist in Bethlehem Mensch geworden, nicht in Jerusalem, nicht in der Stadt, die Er selbst durch seine Anwesenheit so sehr geheiligt hat. Aber eine innige Berührung von Erde und Himmel, wie sie im Stall von Bethlehem geschehen ist, wäre in Jerusalem nicht möglich gewesen! Sonderbar! Offenbar war für ihn auch unter den Seinen kein Platz. Diese Urtrennung setzt sich bis in unsere Zeit fort. Wir haben eine lange und reichhaltige Glaubensgeschichte; wir wissen sehr viel über Gott, so viel, dass wir aus jeweils guten Gründen sehr verschiedener Meinung sein können. Manchmal hat es wohl den Eindruck, dass genau dieser übervolle Erfahrungsschatz das Hindernis darstellt, damit direkte, innige Berührung mit Gott sich ereignen kann! Ja, die Geschichte lehrt uns und – wenn wir ehrlich sind –, schreiben wir diese Geschichte gerne weiter: Auch heute noch gibt es für Gott, den Gott der Überraschungen, für den nichts unmöglich ist, auch keinen Platz. Es bleibt wiederum nur ein Ausweichquartier, der Stall!

Liebe Brüder und Schwestern, das Weihnachtsfest ist ein Fest der Hoffnung, weil Gott dennoch einen Ort in und unter uns gefunden hat, wo seine Sehnsucht ein Gott mit den Menschen zu sein, Wirklichkeit werden kann. Dieser Platz liegt nicht im Zentrum, nicht dort wo die Menschen ihre Glanzrollen spielen. Vielmehr hat er für sich das Randgebiet als Wohnstätte erwählt. Papst Franziskus ermahnt uns immer wieder an die Randgebiete zu gehen, um das Kind in der Krippe dort aufzuspüren. Diese Randgebiete gibt es in uns selber auch. Kürzlich habe ich einer Zeitung über die Schattenseiten in unserem Menschsein gelesen. Wie wichtig es sei, diese nicht zu verdrängen oder zu zudecken. Solche Schattenseiten, die jeder Mensch mitbringt, sind so etwas wie tote Winkel, blinde Flecken. Sie liegen nicht in unserem Gesichtsfeld, aber dort ist unser Stall, das Ausweichquartier Gottes in uns. Dorthin – die Weihnachtsbotschaft lädt uns ein – sollen wir uns aufmachen, wie einst die Hirten sich aufmachten, ohne Angst. Es ist dies ein Ort großer Freude, weil dort Gott uns nahe sein möchte.Lasst uns also aufbrechen, dieses wunderbare Ereignis der Menschwerdung zu entdecken. Weihnachten ist das Fest der stillen Freude in Gott. In Jesus Christus ist er uns nahe gekommen, wie wir selbst uns nicht nahe sein können.
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