Weihnachten 2017

Predigt zur Christmette 24. 12. 2017 im Salzburger Dom
Liebe Brüder und Schwestern!

Dass wir zur mitternächtlichen Stunde die Geburt unseren Herrn Jesu Christi feiern hat nicht den Grund darin, weil wir um den Geburtstermin zu diesem Zeitpunkt wüssten. Damals hatten die Menschen ein anderes Zeitverständnis, nicht wie heutzutage, da alles, so auch die Geburten minutengenau festgelegt werden. Wir feiern die Menschwerdung Gottes zur mitternächtlichen Stunde deswegen, weil dieses grundlegende Geheimnis unseres Glaubens nicht für das grelle Licht des Tages bestimmt ist, sondern als ein intim-innerliches Ereignis den Schutz vor der Öffentlichkeit sucht, und das ist die Dunkelheit. Diese Heilige Nacht ist durchaus vergleichbar mit jener Nacht auf Golgotha. Die Auferstehung Jesu Christi wird von vielen berichtet. Sie sind dem Auferstandenen begegnet, die Auferstehung selbst ist der Verborgenheit der Nacht anheim gegeben. Als er ins Grab gelegt wurde, war es schon Nacht und die ersten Auferstehungszeuginnen kamen frühmorgens als es noch dunkel war zum Grab und da war der Stein schon weggewälzt.

Die Umgebung dieser nicht nur für Gläubige zentralen, sondern für die ganze Welt epochalen Ereignisse, wird erstaunlich genau beschrieben. So haben genaue Kenntnisse der jeweiligen politischen Herrscher, was die jeweiligen gesellschaftlichen und religiösen Anliegen waren, und wie die Masse der Völker gemeinhin tickte.
Und da hinein, in diese Oberflächlichkeit, von den Ton angebenden Herrschaften gänzlich unbeachtet, spricht Gott seine Botschaft von der Menschwerdung. Hirten, die Wächter der Nacht, gerade nicht die erste Reihe der Gesellschaft haben diese Kunde wahrgenommen.

„Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias der Herr.“

Wie sehr gleicht die Situation von damals doch der unsrigen. Äußerlich sind auch wir einer Überfülle von Einflüssen ausgesetzt, welche allesamt kompromisshaft und nicht selten Wahrheit verdrehend auf uns einwirken. Ton angebend bleiben gemeinhin die, welche am lautesten schreien; sie setzen sich einfach durch. Welt wird beim Evangelisten Johannes als die Gott entgegen gesetzte Seite gesehen. Wir scheinen wiederum dort angekommen zu sein, weithin hat es den Eindruck, die Welt heute kümmert Gott nicht mehr. Damit einher geht eine Tendenz gegen das Wesentliche. Das Augenblickliche, die Flüchtigkeit und das Zufällige besetzen den Alltag. Davor warnt Angelus Silesius:

„Mensch, werde wesentlich! Denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg: das Wesen, das besteht.“

Das alles sind Gründe, warum gerade die Nacht, die Nicht-Öffentlichkeit, zum bevorzugten Ort Gottes geworden ist. Die Nacht ist nicht nur die Zeit schlafloser Einsamkeit, sondern auch Ort inniger Gottesbegegnung. Und diese macht uns wesentlich. Jesus hat sich immer wieder des Nachts zum Gebet allein auf Berge zurückgezogen. Nächtens will ich mit dem Engel reden, lautet ein schönes Gedicht von Rainer Maria Rilke. Das Dunkel der Nacht hüllt uns ein, sie trennt uns von allem, was uns tagsüber geschäftig umgibt. Die Einsamkeit in der Nacht wirft uns auf uns selbst zurück. Dort kann sich das ereignen, wozu der Hl. Augustinus aufruft.

„Geh in Dich, aber bleibe nicht bei dir stehen, sondern steige über dich hinaus, auf Gott hin.“

Worauf es ankommt ist, mit geöffneten Herzen frei vor Gott zu stehen. Francisco de Osuna, ein franziskanischer Mystiker und Lehrer der Hl. Teresa von Avila, schreibt ganz in diesem Sinne:

„Wir müssen in die Dunkelheit unseres Herzens hinabsteigen!“

Dieser Gedanke liegt quer zu allem, was über und von Gott gedacht wird. Wir leben in einem Überfluss an angereicherten komplexen Einsichten, wir schöpfen aus unzählig vielen Erfahrungen. Aber das schlichte einfache Andenken, als ein sich an Gott herandenken ist uns entkommen. Dagegen steht das Hinabsteigen in die Dunkelheit des Herzens; ein zutiefst weihnachtlicher Gedanke, denn dort scheint noch Platz zu sein. Dort befinden wir uns in unmittelbarer Nachbarschaft zu jener Atmosphäre als in Jerusalem kein Platz war, keine Herberge in Bethlehem sich finden ließ; so dass ein Stall und Krippe als Ausweichquartier für Gottes Ankunft herhalten mussten.

In dieser Heiligen Nacht sollen wir fragen: Wo sind wir Stall? Wo noch gibt es in mir eine verfügbare Krippe? Oder gibt es nirgendwo einen Ort der Ruhe und Geborgenheit für das Menschwerden Gottes. Ja – zuweilen scheint es – selbst die Orte unserer Niederlagen und Scheiterns haben sich zu besetzten Herbergen verwandelt. Kein Bedürfnis, kein Platz! Schon gar nicht für armselige Leute, von denen Nichts zu erwarten ist.

Ich durfte einige Male in meinem Leben Gott ganz nahe erfahren, die Berufung war so ein Ereignis, aber auch im schuldhaften Scheitern, im Zerbrechen an der eigenen Idealität, als ich meinte alles zu verlieren, da spürte ich – ohne Ausschau zu halten – das Nahe-gekommen-sein Gottes. Meine spontane Antwort darauf war eine staunende Frage:

„Wie weit werde ich wieder von Gott entfernt sein, wenn ich diesem Schlamassel entkommen sein werde?“

Gott ist uns nahe; besonders dort, wo wir schwach, einsam, sündig oder einfach nur offen für Hilfe sind. Heute ist es leider allzu oft so: Wir erwarten uns von Gott eigentlich gar nichts. Das ist schade, denn die Botschaft von Weihnachten ist sehr menschenfreundlich.

So sind wir in dieser Heiligen Nacht eingeladen von den Hirten damals zu lernen, Menschen von denen man sich auch nicht viel zu erwarten hatte. Es heißt: sie lagerten auf freiem Feld, d.h. nicht im Schutz eines sichernden Geheges. Waren somit angreifbar, verwundbar; ein leichtes Ziel für Menschen, die ihnen Böses wollten. Sie hielten – so heißt es weiter – Nachtwache bei ihrer Herde. Diese Vorgaben allein reichten schon aus und sie wurden zu Adressaten der Botschaft des Engels.

Die Kunde von Weihnachten erfüllt einen uralten jüdisch-menschlichen Traum und dieser heißt: „Im Himmel wie auf Erden“. Jesus hat diese Sehnsuchtsworte in das Gebet, das er seinen Jüngern auf ihr Bitten hin lehrte, aufgenommen: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Der Inhalt dieser Bitte lässt sich mit einem Wort benennen: Friede! „Verherrlicht ist Gott in der Höhe“, so der Engelchor, „und auf Erden ist Frieden bei den Menschen seiner Gnade.“

Geben wir Gott im Himmel die Ehre und es wird Friede unter den Menschen und in uns sein.
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