Fastengedanken 2017

Auf Gott zugehen

Auf unserem Weg durch die Fastenzeit haben wir ausgehend von den Lesungen des jeweiligen Sonntags versucht, uns in das Fasten einzuüben. Es waren kleine, aber sehr bedeutsame Schritte. So kann man sich dem Geheimnis des Glaubens nähern. Das Kleiner-Werden, das uns abverlangt wird, findet sein Urbild in der Passion Jesu. Am Palmsonntag – der Beginn der Karwoche - wird die Leidensgeschichte Jesu gelesen.

Der Hl. Franz von Assisi wird alter – ein anderer - Christus genannt. Christus ähnlich zu werden, war sein großes Lebensziel. Von ihm wird gesagt, er konnte am Ende seines Lebens den Tod als Bruder begrüßen, weil er im Leben so oft gestorben ist. Diese kleinen Schritte des sich Zurücknehmens führten ihn auf La Verna, zwei Jahre vor seinem wirklichen Sterben, zu einem Zeitpunkt, wo sich Franziskus innerlich leer und ausgebrannt fühlte, als ob Gott sich von ihm abgewendet hätte. Denn nicht vernahm er mehr Seine Stimme, wie ehe dem geschehen durch das Säuseln des Windes und Fließen des Wassers. La Verna – franziskanisches Golgota genannt – dort wollte der Heilige so lange im Gebet verharren, bis Gott zu ihm wieder spricht. Es scheint fast so, als ob ein ungleicher Dialog stattfände und Gott ihm sagt: „Franziskus, das ist ein anderes Wort, das Wort des Kreuzes. Du kannst es nicht hören, ohne dass es dich verwundet.“ Aber Franziskus war ein zu sehr in Gott Verliebter, um auf halbem Weg stehen zu bleiben. Gott sprach und Franziskus blieb als ein Gezeichneter des Kreuzes zurück, fortan trug er die Wundmale des Leidens Jesu an seinem Leib.

Von diesem Zeitpunkt an ist Franziskus ein zutiefst Versöhnter, er kämpft nicht mehr, ist im Frieden mit sich, den Mitmenschen und Gott.

Am Kreuz ist Gott klein geworden, damit wir groß werden. Im Fasten werden wir klein, damit Gott groß in uns werden kann.


Ich habe euch Freunde genannt

Freundschaft gehört zu den großen Entdeckungen meines geistlichen Lebens. Obwohl immer gesucht und ehrlich ersehnt, endete es doch zumeist in Abhängigkeit. Was Freundschaft aber im tiefsten bedeutet, zeigt der Glaube.

Jesus sagt: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte ... Vielmehr habe ich euch Freunde genannt“ (Joh 15,15) In der Evangeliumsperikope zum fünften Fastensonntag wird ausgerichtet: „Herr, dein Freund ist krank.“ (Joh 11,3) Jesus ist von dieser Kunde tief bewegt, er weint sogar. Menschen erspüren die tiefe Verbundenheit Jesu mit Lazarus: „Seht, wie lieb er ihn hatte!“ (Joh 11,36)

Das schönste Zeugnis, was Freundschaft bedeutet, gibt Johannes der Täufer. Als die Jünger des Johannes sich beschweren, dass viele Jesus nachfolgen, bekennt Johannes: Ich bin nicht der Messias. Wer die Braut hat, ist der Bräutigam. Der Freund, der dabeisteht und hin hört, freut sich über seine Stimme. Er muss wachsen, ich aber kleiner werden. (Vgl. Joh 3, 28-30)

Freundschaft bedeutet loslassen, zurücktreten, für andere da sein, so dass diese sich entfalten und wachsen können. Darin liegt grundsätzlich die christliche Existenzweise. Die Fastenzeit ist die Zeit, sich darin einzuüben: Er muss wachsen, ich aber kleiner werden.


Gesendet sein

Ich werde oft gefragt, was zu den schönsten Erfahrungen meines Bischofseins gehört? Beim ersten Mal ist mir eine Antwort spontan in den Sinn gekommen, die ich mir vorher nicht ausgedacht habe. Es ist sehr schön und zugleich befreiend, gesendet zu sein. Ich bin nicht in eigener Mission unterwegs, sondern mit einer Botschaft behaftet geschickt, Menschen zu begegnen. An diese Erfahrung wurde ich beim Lesen des Evangeliums zum 4. Fastensonntag erinnert. Der Blinde - für das Establishment nur willkommener Anlass eine theologische Weltformel an ihm abzuarbeiten - wird von Jesus geschickt; zum Teich Schiloach. Er soll sich dort waschen. Schiloach heißt Gesandter. Als er von dieser Waschung jedoch zurückkommt, konnte er – welch Wunder! – wieder sehen. Die Sendung, das Geschickt-Sein, und das Zurückkehren zu dem, der uns auf die Glaubensreise des Lebens schickt, das macht sehend.

Die Fastenzeit ruft zur Besinnung. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wir sind von der Erde genommen, darin erinnert auch das Evangelium, wenn Jesus auf die Erde spuckt, einen Brei anrührt und damit die Augen des Blinden bestreicht. In der Schöpfung wurde uns ein göttlicher Geist eingehaucht, der durch die Sakramente immer wieder erneuert wird. Wir sind in diese Welt hinein geschickt; wir sind Träger einer göttlichen Botschaft, die über die irdische Welt hinaus weist.

Denken wir darüber nach! Denken wir um! Am Aschermittwoch wurde es uns bei der Auflegung der Asche gesagt: „Bekehre dich und glaube an das Evangelium!“


Gott sät, wir ernten

Der Kindheit verdanke ich einige für mein Denken und Empfinden grundlegende Erfahrungen. Leben und Glaube bekommen dadurch Tiefe und das Wort Gottes Bedeutung. An so eine Erfahrung wurde ich beim Lesen des Evangeliums zum dritten Fastensonntag erinnert. Da ist vom Ernten die Rede. „Erhebt eure Augen und seht, dass die Felder schon weiß sind zur Ernte.“ (Joh 4,35) Das Ernten war für uns Kinder ein ganz besonderes Erlebnis. Ich erinnere mich gut, es hat uns niemand eingetrichtert, aber wir wussten es: der schönste und größte Kürbis gehört zum Dank für die Ernte in die Kirche. Gott gibt Gedeihen und Wachstum. Er schenkt alles Gute. Wir geben unsererseits Dank und Lobpreis zurück. So dankt die Kirche im Gabengebet bei der Messe  für Gaben, die Gott selber uns schenkt und bittet, sie mögen uns zum Zeichen des Heiles werden.

Fasten bedeutet auch sich besinnen, woher alles Gute kommt, wem wir es letztlich verdanken. Glaube, Hoffnung, „Trotzdemfreude“ obwohl in schwierigen Situationen, wie auch Lebenssinn, all das ist nicht selbstverständlich. Bischof Weber erzählte mir, dass er bei Visitationen die Gläubigen eingeladen hat, nachzudenken über eine Frage: „Wo  geschieht Gutes in eurer Umgebung, das nicht von euch stammt?“ Der Mensch steht in unserer Zeit nahezu immer im Mittelpunkt. Er selbst möchte Ziel und Ursprung aller gestalterischen Möglichkeiten sein. Aber: Ist der Mensch nicht gerade deswegen einsam geworden? Ist ihm nicht gerade eine Wahrheit abhandengekommen, was das Evangelium an diesem Sonntag auch sagt:  „Einer sät, und ein anderer erntet.“ (Joh 4,37) Gott sät, wir dürfen ernten. Vergessen wir den Dank nicht! Denn Sämann und Schnitter wollen sich gemeinsam freuen. (Vgl. Joh 4,36)


Auferstehung: Hinuntersteigen und Aufschauen

Das Leben kennt immer auch Zeiten des Aufschauens. Das sind besondere Momente, da uns Wege gewiesen und Ziele gezeigt werden. Der Mensch ist ein zutiefst sinnliches Wesen. Alles für das Leben Wichtige findet den Ausgang bei den Sinnen, wird in irgendeiner Weise erspürt. Dazu eine Erfahrung aus meiner Kindheit, die für mein Glaubensleben wegweisend geworden ist: Ich bin in kleinbäuerlichen Verhältnissen aufgewachsen, als Kinder hatten wir keine eigenen Zimmer. Wir schliefen alle in einem Raum. Ergab es sich, dass beim Schlafengehen ich der Letzte war, musste ich das Licht abschalten. Nur: Mein Bett stand am anderen Ende der Stube. Dabei bin ich stets so vorgegangen: Solange das Licht aufgedreht war, visierte ich das Bett genau an, die Hand legte ich ohne hinzuschauen an den Schalter, dann hieß es: Licht aus und gehen. Gehen, nicht denken oder überlegen, ob mir nicht irgendein Hindernis im Weg stehen könnte. Mit diesen Vorgaben habe ich mein Ziel immer zu 100 % erreicht.

Eine kleine sinnliche Erfahrung, die für den Glauben jedoch wichtig ist. Denn da werden uns solche Momente des Schauen und Anvisierens gegeben. Das Evangelium vom zweiten Fastensonntag erzählt von so einer Stunde des Lichtes. Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs nach Jerusalem, er weiß, was ihn dort erwartet. Da führte er einige seiner engsten Vertrauten auf einen hohen Berg: „Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.“ (Mt 17,2) Es geschah vor ihren Augen; sie schauten. Petrus will Hütten bauen, möchte den Augenblick festhalten. Doch das geschieht nicht, vielmehr heißt es: Licht aus! So stiegen sie vom Berg herab und: Jesus gebot ihnen zu schweigen.

Fasten bedeutet auch vom Berg der Einsicht, des Redens und Schaffens hinunterzusteigen bis in die Tiefebene des Schweigens! Nicht weil wir verstummt sind, nichts zu sagen hätten, nicht deswegen nehmen wir uns in der Fastenzeit zurück, sondern gerade weil wir gesehen und gehört haben. Weil Glaube Ausblick auf das höchste Ziel ist: die Auferstehung.


Gott schließt auch Türen

Das Leben kennt Zeiten des sich Zurücknehmens und des Maßhaltens. Die vierzig Tage vor Ostern sprechen alljährlich die Einladung zum Fasten, Gebet und Almosengeben aus, um damit leer zu werden für die Begegnung mit Gott. Diese Leerstelle – Sehnsucht - wird zur Chance Gottes in unserem Leben, ist aber auch der Ort von Versuchung, Zweifel und Erprobung.

Mit dieser Botschaft ist auch der Tisch des Wortes Gottes am ersten Fastensonntag gedeckt: Jesus, vom Geist in die Wüste geführt, fastete vierzig Tage und Nächte. „Dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden.“ (Mt 4,1)

Ich darf dazu eine persönliche Erfahrung anfügen. Ich war in einer Pfarre, eigentlich schon beim Wegfahren, da hielt mich eine Frau auf, sie wollte mir noch etwas sagen. Ein Satz aus der Predigt habe ihr sehr geholfen. Dieser lautete: „Gott schließt auch Türen!“ Anfanghaft öffnen sich dem Leben viele Türen. Der Mensch muss wählen, da er nicht alle durchschreiten kann. Leben und Glauben gehören zusammen. Beides verlangt Entscheidung: Einerseits zwischen gut und bös; andererseits zwischen mehreren guten Wegen. Gott segnet den Weg, den Du wählst und schließt Türen. Das bedeutet immer auch Sterben! Fasten möchte in diese für ein geglücktes Leben notwendige Glaubenshaltung einüben.

Nach 40 Tagen Fasten hatte Jesus Hunger. Der Versucher zeigte ihm offene Türen: Die Chance den Hunger zu stillen, noch wichtiger: eine goldene Gelegenheit, dass in Erfüllung gehe, was in den Hl. Schriften zu lesen ist. Die dritte offene Tür zeigt freilich, wohin die Reise gehen sollte: in die Anbetung des Versuchers selbst und nicht in die, dem allein alle Anbetung gebührt, nämlich Gott. Jesus widerstand. Diese Türen waren geschlossen. Friede stellte sich ein. Denn es heißt: „Es kamen Engel und dienten ihm.“ (Mt 4,11)