Fastengedanken 2016

„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“

Was für eine Frage? Was werden denn diese Frauen damals an jenem ersten Tag der Woche auf ihrem Weg zum Grab wohl gesucht haben? Den lebenden Jesus? Gewiss nicht! Der öffentlich zur Schau getragene und gewaltsame Tod lässt keinen Zweifel offen. Er wurde gekreuzigt und ist begraben worden. Nun sind Frauen unterwegs; dorthin, zum Grab, in aller Frühe, als es noch dunkel war. Es war wohl Unruhe, die ihnen den Schlaf geraubt hatte; eine unbestimmte Sehnsucht, die sie antrieb den Ort aufzusuchen - mit wohlriechenden Ölen. Dort erwartet sie jedoch große Ratlosigkeit. Das Grab ist leer! Er ist nicht hier! Doch zwei Männer in leuchtenden Gewändern. Großes Erschrecken, mit Blick in den Boden – gleichsam hilfesuchend. Noch dazu diese Frage: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Und dann die erlösende Botschaft:  

ER IST AUFERSTANDEN!  


Große Ereignisse des Lebens und des Glaubens kündigen sich an. Jesus hat in der Zeit, als er mit den Menschen war, mehrmals von diesem seinen Weg gesprochen. Eigentlich hätten sie es also wissen dürfen. Die letzte Wirklichkeit dessen hingegen, was Sterben und Auferstehen bedeutet, das kann man nicht wissen, das muss man erfahren. Der Ort dieser Erfahrung ist das Leben. Wenn wir das als Gabe und Aufgabe in der ganzen Tiefe und Frag-Würdigkeit gläubig annehmen, dann werden wir dessen innewerden, was auch uns bezeugt ist:  

DER HERR IST WAHRHAFT AUFERSTANDEN.  


Erfüllt von dieser Freude wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Osterfest.  

Ihr
+ Franz Lackner
Erzbischof von Salzburg

Tote begraben

Versag dem Toten deine Liebe nicht (Sir 7,33)

An Festtagen sind unsere Kirchen immer gut besucht. Zu Allerheiligen ist es der Friedhof, zu dem es Menschen zieht. Die Gräber, wo unsere lieben Angehörigen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, sind vielen Menschen ein Anliegen. Der Gang zum Grab hat etwas Archetypisches. So hören wir auch in der Heiligen Schrift: Am frühen Morgen, als es noch dunkel war, gingen die Frauen zum Grab Jesu, um ihm einen letzten Dienst zu erweisen.

Im Alten Testament gilt es als Fluch, nicht begraben zu werden: "Keiner hat sie begraben." (Ps 79,3). Es ist wohl kein Zufall, dass Tobit (Vgl. Tob 1,17f) das Begraben Toter als eine barmherzige Zuwendung erwähnt und dieser letzte Dienst später Eingang unter die leiblichen Werke der Barmherzigkeit gefunden hat.

Verwehren wir auch heute den Menschen am Übergang vom Tod zum neuen Leben unsere Zuwendung nicht! Legen wir den Leib unserer Verstorbenen behutsam in die Erde, geben wir ihn der Schöpfung zurück. Vergessen wir diesen ursprünglichen Ort des Glaubens nicht; beten wir für unsere Verstorbenen!

So ist auch uns Hoffnung geschenkt: "Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden." (Röm 6,8)

Den Kranken beistehen

Krankheit und Leiden gehören von jeher zu den schwersten Prüfungen im Leben des Menschen.“ (KKK 1500) Die Erfahrung von Ohnmacht, Grenzen und Endlichkeit wirft Fragen über unser Leben auf. Nicht selten bleibt einfach nur ein Warum.

Im Rahmen der Visitationen in den Pfarren darf ich immer auch kranke und alte Menschen besuchen, manchmal zu Hause, nicht selten auch in Altenwohnheimen. Diese Begegnungen und das gemeinsame Gebet berühren mich oft sehr. Als Schenkender wollte ich kommen, als selbst Beschenkter gehe ich zumeist des Weges.

Was dürfen und müssen wir tun in dieser Zeit des Fastens? Denken wir bei Krankheit an die Weisung aus dem Jakobusbrief: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben.“ (Jak 5,14f.) Werden wir aber gerufen, so zögern wir nicht der Stimme zu folgen und aufzubrechen. Auf dass uns nicht gesagt werde: „Ich war krank und ihr habt mich nicht besucht.“ (Vgl. Mt 25,43)

Nackte bekleiden

Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angelegt. (Gal 3,27)

Es soll im Winter 337 geschehen sein, als ein römischer Soldat einem Bettler an einem bitter kalten Tag ein Stück seines Mantels gab. Kaum eine andere Erzählung ist dermaßen bekannt, wie diese des hl. Martin von Tours. In der folgenden Nacht soll ihm schließlich Christus begegnet sein, mit jener Hälfte des Mantels, um sich zu bedanken.

Nackt sind wir geboren, Kleidung wurde uns immer schon gegeben. Die Erfahrung, bloß gestellt zu werden, ganz durchsichtig für andere zu sein, gräbt tiefe Kerben in unsere Seelen. Auch die Bibel verbinde Nacktheit zunächst mit Negativem: Nackt verbringen sie die Nacht, ohne Kleider, / haben keine Decke in der Kälte. Vom Regen der Berge sind sie durchnässt, / klammern sich ohne Schutz an den Fels. Nackt müssen sie gehen, ohne Kleid. (Vgl. Ijob 24, 7-10)

Was dürfen und müssen wir tun? Nehmen wir unser Nacktsein wahr. Bereiten wir unser Herz für jene heilige Nacht, in der die Täuflinge von alters her ein neues Kleid bekommen, das weiße Kleid der Taufe. Legen wir Christus als Gewand an. Mit dieser Erfahrung des neuen Kleides sehen wir auch die Not, derer die nichts haben. Auf dass uns nicht gesagt wird: „ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben.“ (Vgl. Mt 25, 43)

Dies Haus ist mein und doch nicht mein.

Dem Zweiten soll es auch nicht sein,
dem Dritten wird es übergeben,
doch wird auch er nicht ewig leben,
den Vierten trägt man auch hinaus,
nun sag mir, wem gehört dies‘ Haus?

Eine Volksweisheit, ich kenne sie aus meiner Heimat und fand sie bei meinen Wanderungen auf einem Salzburger Bauernhaus geschrieben.

Worte, die in Erinnerung rufen: die einen, wir, als Pilgernde unterwegs – andere, sehr viele, auf der Flucht ihrer Heimat entfremdet.

Folgt nicht aus der Urerfahrung des gemeinsamen Unterwegsseins ein tieferes Verständnis für jene, die keinen Ort haben, wo sie ihr Haupt hinlegen können?

Was ist nun zu tun? Nehmen wir das eigene Fremdsein wahr. Lassen wir uns darauf ein! Jetzt ist die Zeit: barmherzig sein, den Entwurzelten ein Herz geben!

Auf dass wir die Mahnung Jesu nie vergessen mögen: ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen. (Mt 25,43)

Porta patet – cor magis. Die Tür steht offen, mehr noch das Herz.

Gefangene befreien – stellen wir das in den Mittelpunkt unserer zweiten Betrachtung über die leiblichen Werke der Barmherzigkeit.

Papst Franziskus gibt uns ein schönes Beispiel eines Perspektivenwechsels. Im Vorkonklave spricht er von Jesus, der vor der Tür steht und anklopft, um hineinzukommen. „Aber ich denke an jene Momente, in denen Jesus von innen klopft, damit wir ihn hinausgehen lassen“. So verhält es sich bei allen Werken der leiblichen Barmherzigkeit; sie haben nicht nur eine äußere Dimension, sondern auch eine tief persönliche.

Suchen wir den Gefangenen in uns. Ist es nicht oft so, dass Herkunft, Geschichte, Erfahrung und Wissen auch eine Art Gefängnis bilden können, die den Menschen in seiner Schlichtheit und Einfachheit nicht frei geben? Das mündet oft in Schweigen, Mutlosigkeit, Resignation.

Es gibt so vieles, das uns hindert, offen zu sein, die Stimme zu erheben aus einem inneren Bedürfnis heraus. Zu oft wurden wir vielleicht enttäuscht, nicht beachtet, sogar lächerlich gemacht. Und doch hat jeder Mensch in den wesentlichen Fragen des Lebens und Glaubens etwas zu sagen.

Gefangene befreien bedeutet für uns ganz konkret: sich öffnen; trotzdem verwundbar bleiben. Papst Franziskus mahnt Freiheit und Respekt ein, wenn er ermutigt: „Redet offen und hört in Demut zu!“ Das zu üben, ist ein Werk der Barmherzigkeit.


Tua res agitur - Deine Sache wird verhandelt

Der Mensch ist eine Einheit von Leib und Seele, demgemäß gibt es leibliche und geistige Werke der Barmherzigkeit. In diesen Betrachtungen zur Fastenzeit geht es um den Leib. Deine Sache wird verhandelt, denn wir haben keinen Leib, wir sind Leib. In der Heilige Schrift steht geschrieben: „Einen Leib hast du mir geschaffen.“ (Hebr 10,5) Wie gehen wir mit dieser Gabe um? Traktieren wir ihn zu Höchstleistungen? Oder muss er sich der jeweiligen Modeströmung anpassen? Ist er uns nicht gegeben als erlesenes Gefäß, dem Leben anvertraut ist?

Dazu ein Beispiel: Bei einer Untersuchung klärte mich der Arzt über meine genetische Disposition zu schlechten Blutwerten auf. Jahrhunderte hindurch war meine Heimat als Grenzgebiet arm und kleinbäuerlich strukturiert. Das Leben war karg.  Der Mediziner meinte, dem habe sich die körperliche Voraussetzung der Menschen durch die Zeit angepasst: mit weniger Nahrung auskommen. Nun gibt es aber sehr viel und qualitätsvolle Nahrung. Von allem zu viel überlastet, so der Arzt.

Weniger ist mehr. Im Fasten suchen wir für uns das rechte Maß. Für die anderen aber, die zu wenig haben, ist unser mehr Einsatz weniger Hunger, weniger Durst. Denn es steht geschrieben: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben…“ (Mt 25,36)