Fastengedanken 2017

Gott sät, wir ernten

Der Kindheit verdanke ich einige für mein Denken und Empfinden grundlegende Erfahrungen. Leben und Glaube bekommen dadurch Tiefe und das Wort Gottes Bedeutung. An so eine Erfahrung wurde ich beim Lesen des Evangeliums zum dritten Fastensonntag erinnert. Da ist vom Ernten die Rede. „Erhebt eure Augen und seht, dass die Felder schon weiß sind zur Ernte.“ (Joh 4,35) Das Ernten war für uns Kinder ein ganz besonderes Erlebnis. Ich erinnere mich gut, es hat uns niemand eingetrichtert, aber wir wussten es: der schönste und größte Kürbis gehört zum Dank für die Ernte in die Kirche. Gott gibt Gedeihen und Wachstum. Er schenkt alles Gute. Wir geben unsererseits Dank und Lobpreis zurück. So dankt die Kirche im Gabengebet bei der Messe  für Gaben, die Gott selber uns schenkt und bittet, sie mögen uns zum Zeichen des Heiles werden.

Fasten bedeutet auch sich besinnen, woher alles Gute kommt, wem wir es letztlich verdanken. Glaube, Hoffnung, „Trotzdemfreude“ obwohl in schwierigen Situationen, wie auch Lebenssinn, all das ist nicht selbstverständlich. Bischof Weber erzählte mir, dass er bei Visitationen die Gläubigen eingeladen hat, nachzudenken über eine Frage: „Wo  geschieht Gutes in eurer Umgebung, das nicht von euch stammt?“ Der Mensch steht in unserer Zeit nahezu immer im Mittelpunkt. Er selbst möchte Ziel und Ursprung aller gestalterischen Möglichkeiten sein. Aber: Ist der Mensch nicht gerade deswegen einsam geworden? Ist ihm nicht gerade eine Wahrheit abhandengekommen, was das Evangelium an diesem Sonntag auch sagt:  „Einer sät, und ein anderer erntet.“ (Joh 4,37) Gott sät, wir dürfen ernten. Vergessen wir den Dank nicht! Denn Sämann und Schnitter wollen sich gemeinsam freuen. (Vgl. Joh 4,36)


Auferstehung: Hinuntersteigen und Aufschauen

Das Leben kennt immer auch Zeiten des Aufschauens. Das sind besondere Momente, da uns Wege gewiesen und Ziele gezeigt werden. Der Mensch ist ein zutiefst sinnliches Wesen. Alles für das Leben Wichtige findet den Ausgang bei den Sinnen, wird in irgendeiner Weise erspürt. Dazu eine Erfahrung aus meiner Kindheit, die für mein Glaubensleben wegweisend geworden ist: Ich bin in kleinbäuerlichen Verhältnissen aufgewachsen, als Kinder hatten wir keine eigenen Zimmer. Wir schliefen alle in einem Raum. Ergab es sich, dass beim Schlafengehen ich der Letzte war, musste ich das Licht abschalten. Nur: Mein Bett stand am anderen Ende der Stube. Dabei bin ich stets so vorgegangen: Solange das Licht aufgedreht war, visierte ich das Bett genau an, die Hand legte ich ohne hinzuschauen an den Schalter, dann hieß es: Licht aus und gehen. Gehen, nicht denken oder überlegen, ob mir nicht irgendein Hindernis im Weg stehen könnte. Mit diesen Vorgaben habe ich mein Ziel immer zu 100 % erreicht.

Eine kleine sinnliche Erfahrung, die für den Glauben jedoch wichtig ist. Denn da werden uns solche Momente des Schauen und Anvisierens gegeben. Das Evangelium vom zweiten Fastensonntag erzählt von so einer Stunde des Lichtes. Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs nach Jerusalem, er weiß, was ihn dort erwartet. Da führte er einige seiner engsten Vertrauten auf einen hohen Berg: „Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.“ (Mt 17,2) Es geschah vor ihren Augen; sie schauten. Petrus will Hütten bauen, möchte den Augenblick festhalten. Doch das geschieht nicht, vielmehr heißt es: Licht aus! So stiegen sie vom Berg herab und: Jesus gebot ihnen zu schweigen.

Fasten bedeutet auch vom Berg der Einsicht, des Redens und Schaffens hinunterzusteigen bis in die Tiefebene des Schweigens! Nicht weil wir verstummt sind, nichts zu sagen hätten, nicht deswegen nehmen wir uns in der Fastenzeit zurück, sondern gerade weil wir gesehen und gehört haben. Weil Glaube Ausblick auf das höchste Ziel ist: die Auferstehung.


Gott schließt auch Türen

Das Leben kennt Zeiten des sich Zurücknehmens und des Maßhaltens. Die vierzig Tage vor Ostern sprechen alljährlich die Einladung zum Fasten, Gebet und Almosengeben aus, um damit leer zu werden für die Begegnung mit Gott. Diese Leerstelle – Sehnsucht - wird zur Chance Gottes in unserem Leben, ist aber auch der Ort von Versuchung, Zweifel und Erprobung.

Mit dieser Botschaft ist auch der Tisch des Wortes Gottes am ersten Fastensonntag gedeckt: Jesus, vom Geist in die Wüste geführt, fastete vierzig Tage und Nächte. „Dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden.“ (Mt 4,1)

Ich darf dazu eine persönliche Erfahrung anfügen. Ich war in einer Pfarre, eigentlich schon beim Wegfahren, da hielt mich eine Frau auf, sie wollte mir noch etwas sagen. Ein Satz aus der Predigt habe ihr sehr geholfen. Dieser lautete: „Gott schließt auch Türen!“ Anfanghaft öffnen sich dem Leben viele Türen. Der Mensch muss wählen, da er nicht alle durchschreiten kann. Leben und Glauben gehören zusammen. Beides verlangt Entscheidung: Einerseits zwischen gut und bös; andererseits zwischen mehreren guten Wegen. Gott segnet den Weg, den Du wählst und schließt Türen. Das bedeutet immer auch Sterben! Fasten möchte in diese für ein geglücktes Leben notwendige Glaubenshaltung einüben.

Nach 40 Tagen Fasten hatte Jesus Hunger. Der Versucher zeigte ihm offene Türen: Die Chance den Hunger zu stillen, noch wichtiger: eine goldene Gelegenheit, dass in Erfüllung gehe, was in den Hl. Schriften zu lesen ist. Die dritte offene Tür zeigt freilich, wohin die Reise gehen sollte: in die Anbetung des Versuchers selbst und nicht in die, dem allein alle Anbetung gebührt, nämlich Gott. Jesus widerstand. Diese Türen waren geschlossen. Friede stellte sich ein. Denn es heißt: „Es kamen Engel und dienten ihm.“ (Mt 4,11)