Fastenhirtenbrief 2020

Jesu Versuchung – unser Menschsein lernen

Liebe Schwestern und Brüder,

zu Beginn der österlichen Bußzeit, am ersten Fastensonntag, wird in unseren Kirchen das Evangelium von der Versuchung Jesu in der Wüste gelesen. Die Wüste steht in ihrer Kargheit, Dürre und Verlassenheit auch für den Ort der Dämonen. Es ist der Geist Gottes, der Jesus dorthin führt; „dort sollte er vom Teufel versucht werden“ (Mt 4,1).

Für den heutigen Menschen ist das schwer zu verstehen. Darauf hat jüngst der Heilige Vater, Papst Franziskus, aufmerksam gemacht, wenn wir im Vater unser, dem Gebet, das Jesus selbst uns gelehrt hat, beten: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Gott sei doch ein liebender Vater – kein Vater, keine Mutter, will die eigenen Kinder in Versuchung führen. Außerdem heißt es im Jakobusbrief: „Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung“ (Jak 1,13).

Wie ist diese vermeintliche Gegensätzlichkeit zu verstehen? Eines ist gewiss: Was immer Gott tut, ist von Anfang bis zum Ende auf das Gute hin ausgerichtet. Gott stellt keine Fallen. Aber er mutet uns das Leben mit all seinen Schattierungen zu, auf dass der Mensch wachse, zur Fülle des Lebens reife. Versuchung setzt zur Bewährung aus. Indem wir uns darauf einlassen, werden die Immunkräfte des Lebens und Glaubens aktiviert.

Unser Weg ist ein Weg der Nachfolge; oft steinig und eng gerade dort, wo er zum Guten führt. Hingegen breit, angenehm, weithin ausgetreten, führt er ins Oberflächliche des Zeitgeistes. Gott traut uns Gläubigen mitunter das Schwerere zu. „Ich sende Euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“ (Mt 10,16), sagt Jesus. Unsere Aufgabe bleibt: klug und arglos im Vertrauen auf unsere Sendung das Leben zu wagen.

Überdies ein tröstlicher Gedanke: Was Gott uns zumutet, mutet er sich auch selbst zu. Wir haben gehört: Der Geist führt Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, in die Wüste, um dort versucht zu werden. Nichts kann uns geschehen, das ihm nicht schon geschehen ist. Gott kennt die Versuchung. Er kennt das Leid, ja selbst den Tod. Er ist die Auferstehung.

Der Heilige Augustinus, der tief in das Menschsein hineingeblickt hat, schreibt: „Nescit se homo, nisi in tentatione discat se.“ – „Nicht kennt der Mensch sich, wenn er sich nicht in der Versuchung kennenlernt.“ Dieser wunderbare Satz wirft ein neues Licht auf die Selbstbezeichnung Jesu als Menschensohn: Der Sohn Gottes hat auch über den Weg der Versuchung Mensch-Sein gelernt.

Wenden wir uns nun dem biblischen Text nochmals zu. Der Versucher tritt ja nicht an Jesus heran, um ihm Schwarzes als weiß vorzuspielen. Versuchung geschieht subtiler. Das Leben bietet zwar viele Möglichkeiten, doch nicht alle sind gut. So auch bei Jesus. Er ist Gottes Sohn und hungert. Warum sollte er, der an anderer Stelle über Wasser gehen konnte, nicht aus Steinen Brot werden lassen?

Eine weiterführende Spur findet sich bei Theresa von Ávila. In ihrem Nachlass ist uns ein Verstehensschlüssel zu ihrem Leben und Werk überliefert. „Sólo Díos basta!“ Nicht die gemeinhin gebräuchliche Übersetzung „Gott allein genügt!“, erreicht den Tiefensinn dieses Wortes, sondern: „Erst Gott genügt!“ In ihm liegt Ursprung und Ziel des Lebens. „Niemand ist gut außer der eine Gott“ (Mk 10,18). Jesus will nichts Gutes tun, außer in Übereinstimmung mit seinem himmlischen Vater. Und was für Jesus gilt, muss auch und erst recht für uns Maßstab sein.

In letzter Konsequenz verlangen Leben und Glauben eine Grundehrlichkeit unserer Motive. Warum will ich etwas, warum nicht? Mit welchen Ansprüchen treten wir auf, wenn es darum geht, die Kirche von heute zukunftsfähig zu machen? Es stehen schließlich große Fragen an. Mit welchen Erwartungen treten wir auf? Jesus hat trotz Hunger auf Brot verzichtet, um so den Heilswillen Gottes ganz zu erfüllen. Sind auch wir heute bereit, für das Reich Gottes von morgen zurückzutreten? Möglichkeiten gar auszulassen? Vielleicht auch kleiner zu werden, obwohl man größer sein könnte? Nur im Miteinander und Gegenüber der verschiedenen Aufgaben und Charismen vermögen wir gemeinsam den Weg zu bereiten für den, der nach uns kommt und immer schon mitten unter uns ist. So sind wir auch sensibel für das, was Gott will: Sein Reich unter den Menschen je neu aufzubauen. Wie Jesus: ganz von Gott her und auf den Nächsten hin. Mit gläubigem und ehrlichem Herzen.

Der Herr segne Euch und alle, zu denen Ihr gesendet seid.

+Franz Lackner
Erzbischof