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Univ.-Prof. Dr. Michael Ernst
Es gibt Arbeit und es gibt "Ruhe" oder "Muße" (im Sinn von "Nicht-Arbeit"). Beide gehören zum Menschen die Frage ist nur, wie sie in der Welt verteilt sind. Die antike Welt hatte eine klare Vorstellung von Arbeit und Muße: die Arbeit war Sache der Sklaven und der Frauen, die Muße war Sache der freien Männer. Wer körperlich arbeiten muss, ist vom politischen Bereich ausgeschlossen. Für das Verhältnis von Arbeit und Muße gilt: "Muße" meint nicht Nichtstun, sondern von der Handarbeit befreite Muße, die auf Philosophieren und Politisch-Tätigsein zielt. Das Ideal heißt also: "Ruhe (Muße) statt Arbeit!" Übrigens waren noch die Bildungsideale des Mittelalters und des Humanismus mit ihrer Unterscheidung von "freien (!) Künsten" und "mechanischen Künsten" von diesem Verteilungssystem von Arbeit und Muße geprägt. Dies galt nicht nur in der griechisch-römischen Welt, es galt im ganzen alten Orient. Das muss man sich vor Augen halten, wenn man begreifen will, welch eine Revolution das Sabbatgebot in Israel darstellt. In diesem Gebot wird nämlich die Verteilung von Arbeit und Muße auf "die da oben" und "die da unten" aufgegeben. Im Gegenteil, eine neue Verteilung von Arbeit und Muße wird proklamiert: für alle, und auf der Linie der Zeit. Für alle denn jeder ist angeredet. Und auf der Linie der Zeit, denn "sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag." (Ex 20,9f; Dtn 5,13f). Und damit ganz klar wird, wer alles die Pflicht hat, den Ruhetag zu feiern, wird detailliert aufgezählt: "An ihm darfst du keine Arbeit tun: Du [also der angeredete freie Mann], dein Sohn und deine Tochter [also die ganze Familie des freien Mannes], dein Sklave und deine Sklavin [also auch "die da unten"], dein Rind, dein Esel und dein ganzes Vieh [also die Geschöpfe, die dem Menschen "dienen"] und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat [sogar der Rahmen der eigenen Gruppe wird gesprengt]." Und damit der springende Punkt bei dem Ganzen ja deutlich wird, folgt nochmals der Satz: "Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du!" (Dtn 5,14). Dass es Sklaven gibt, wird also noch vorausgesetzt aber die Aufteilung von Arbeit und Muße auf verschiedene Menschengruppen oder -klassen ist hier bereits beseitigt! Sogar die Auflösung der Sklaverei selbst kommt bereits in den Blick, wenn die folgende Begründung sagt: "Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich JHWH, dein Gott, mit starker Hand und hocherhobenem Arm dort herausgeführt. Darum hat es dir JHWH, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten." (Dtn 5,15) Wer selbst einst ausgebeutet wurde und dann zu denen hinüberwechseln konnte, denen jetzt "Muße" geschenkt ist, der sollte den Unterschied kennen; er kann es nicht bei dieser alten Verteilung von Arbeit und Muße belassen. Ist nun in der gerade angesprochenen Fassung der Zehn Gebote das Sabbatgebot begründet durch einen Hinweis auf die Befreiung aus Ägypten, wo Israel selbst Sklave gewesen war, so findet sich in der anderen Fassung des Dekalogs (in Ex 20) eine andere Begründung der neuen Verteilung von Arbeit und Muße. Hier heißt es: "In sechs Tagen hat JHWH Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebenten Tag hat er sich ausgeruht. Darum hat Gott den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt." (Ex 20,11) Hier findet sich ein deutlicher Verweis auf den sog. 1. Schöpfungsbericht der Bibel (Gen 1,12,4a): "Und Gott vollendete am siebten Tage seine Arbeit, die er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tage von seiner ganzen Arbeit, die er gemacht hatte." (Gen 2,2) Das Vollenden der Arbeit und das Ausruhen von der Arbeit sind nicht zwei verschiedene Dinge; vielmehr wird durch die Ruhe die Arbeit erst abgeschlossen. Das heißt: Nicht "Muße" statt Arbeit (s.o.), sondern: Ruhe, die die Arbeit erst vollständig macht! Bedingung für eine solche Zusammenschau oder besser: Zuordnung von Arbeit und Ruhe ist auch, dass Ruhe nicht getrennt von Arbeit erfahren wird. Nun ist allerdings zu beachten, dass Gen 2,2 zunächst eine Aussage über Gott macht. Aber wie die Arbeit Gottes, sein Schöpferhandeln, Bedingung aller menschlichen Arbeit ist, so ist auch die Ruhe zunächst bei Gott. Ein Stück jener Ruhe Gottes wird aber für den Menschen am Sabbat erfahrbar, indem an jenem Tag jede menschliche Arbeit unterbleibt. Das heißt in biblischen Worten ausgedrückt: das Unterlassen der Arbeit ist ein Tun, ein Halten bzw. das Heiligen, Beachten oder Eingedenksein des Sabbats! Das "Heiligen" des Sabbats "Achte auf den Sabbat, indem du ihn heiligst!" (Dtn 5,12) mit diesen Worten beginnt das sog. dritte Gebot des Dekalogs. "Heiligen" bedeutet in der Antike und auch in der Sprache der Bibel, etwas aus dem Bannkreis des Normalen und Profanen herausnehmen und in Verbindung mit Gott bringen, etwa durch Ritus, Gebet oder Kult. Im Zusammenhang mit der "Muße" des Menschen bedeutet es offenbar: diese Zeit wird nur dann eine Zeit, die den Menschen befreit und zu sich selbst bringt, wenn sie in der heiligen Feier, in der Kontaktaufnahme mit Gott, gipfelt. Wenn wir das dritte Gebot genau lesen, erkennen wir also, dass es zwar einen Ruhetag für alle Menschen einführen will, aber noch einen Schritt darüber hinausgeht: Es will zugleich sichern, dass die Ruhe und die Feier auch wirklich zustande kommen, und deshalb sagt es deutlich, worauf der Mensch am Ruhetag achten soll. Er soll darauf achten, dass er die Ruhe zu einer heiligen, zu einer ihn mit Gott verbindenden Ruhe macht. Der Sinn der Arbeit oder: die Katze beißt sich in den Schwanz Wenn wir arbeiten, produzieren wir direkt oder indirekt Waren oder Dienstleistungen, die irgendwo gebraucht werden, die wir selbst aber aus dem Blick verlieren und die uns also nicht interessieren. Was uns interessiert, ist das Geld, das wir durch unsere Arbeit verdienen. Das brauchen wir dann in unserer Freizeit. Der Sinn unserer Arbeit liegt also in unserer Freizeit. Und der Sinn unserer Freizeit ist, dass wir hier wieder fit werden für die Arbeit. Dann ist der Sinn der Freizeit die Erholung für die Arbeit, und die Katze beißt sich in den Schwanz: wir arbeiten für die Freizeit, die uns zur Arbeit wieder fähig macht. Im Grunde ist das Ganze also völlig sinnlos Der Mensch braucht aber Sinn. Wenn schon die Arbeit keinen anderen Sinn hat, als die Gestaltung der Freizeit zu ermöglichen, dann muss wenigstens in der Freizeit "mehr" Sinn aufleuchten. Das kann ein Hobby sein, das Beisammensein mit Freunden, Kunstgenuß, Spiel oder Sport usw. eigentlich alles, worin wir erfahren können, dass das, was wir gerade tun, "Sinn" macht, anders ausgedrückt: worin wir "Glück" erfahren können. Aber auch in den gerade genannten Beispielen ist die Sinn-Erfahrung zumindest eigentümlich gefährdet, wenn nicht gar unmöglich, wenn sie nicht innerlich von einem letzten Sinn, der alles zu umfassen vermag, erhellt wird. Will man wissen, was mit diesem letzten Sinn gemeint ist, dann steht man genau an der Stelle, wo das dritte Gebot im Dekalog Israels das Wort "heiligen" gebraucht. Im Ritus des Gottesdienstes oder im Gebet beziehen wir uns und unsere Welt auf Gott als auf den einen Punkt, der den letzten, nichtverlierbaren Sinn geben kann. Gestank oder Sattwerden Sabbat-Erfahrungen mit einem "lausigen" Essen Ex 16 erzählt vom Manna-Wunder, von der wundersamen Speise, die sich am Morgen rings um das Lager bei der vierzigjährigen Wüstenwanderung Israels fand. Erstaunlicher aber als die Existenz des Manna in der Wüste sind die Erfahrungen, die die Israeliten beim Sammeln des Manna machten: "Sammelt davon, ein jeder nach seinem Essbedarf" (Ex 16,16.18) diese Gerechtigkeit ist nicht an formaler Gleichheit ausgerichtet, sondern daran, dass jeder bekommt, wessen er bedarf. Hier könnte man die Frage stellen, was in der Erzählung eigentlich das Wunder sei. Ist es vielleicht jene aufblitzende "Gerechtigkeit" Gottes, in der jeder hat, wessen er bedarf? Vielleicht sollten wir nicht fragen: Was ist hier das Wunder?, sondern: Warum kann das Allereinfachste nur in Form einer Wundergeschichte erzählt werden? Wie andere biblische Wundergeschichten ist auch diese übrigens eine Protestgeschichte Nicht in der wundersamen Nahrung, sondern in der Verteilung des Manna liegt also eine entscheidende Erfahrung dieser Geschichte. Doch es kommt eine ebenso wichtige zweite Erfahrung hinzu (Ex 16,1921): die Gabe Gottes läßt sich nicht horten! "Da sprach Mose: Niemand hebe etwas davon auf bis zum Morgen. Aber sie gehorchten Mose nicht, sondern etliche hoben davon auf bis zum Morgen; da verfaulte es und wurde voller Würmer und stinkend ". Das Manna läßt sich nicht zur Ware machen! Anders gesagt: Selbst die Gabe Gottes wird stinkend, wenn sie zur Ware verkommt. Nochmals anders gesagt: Wo das Sein in das Haben umschlägt, wird selbst Manna stinkend! Scheinbar gegen die gerade beschriebene Erfahrung Israels, dass das Manna nicht zu horten sei, steht aber noch eine dritte Erfahrung in dieser Erzählung (Ex 16,2226): "Und am sechsten Tage sammelten sie doppelt so viel Brot Sechs Tage sollt ihr sammeln, aber am siebten Tag ist Sabbat, da gibt es keines." Reduziert man das Sabbatgebot auf das Arbeitsverbot, so erscheint diese dritte Erfahrung mit dem Manna als eine märchenhafte Ausschmückung. Der Sabbat bedeutet aber mehr als ein Arbeitsverbot (und mehr als ein Erholungsgebot als Bestandteil der Arbeitszeitorganisation): er bezeichnet die Ruhe, die die Arbeit vollendet, nicht die Ruhe als Alternative zur Arbeit. Das heißt: Das Mißlingen des Versuchs, das Manna wie eine Ware zu behandeln und zu horten, korrespondiert der Erfahrung des Sabbats. Denn der Sabbat ist das "Gedenken" an die utopische Antizipation (Vorwegnahme) des Zustandes, von dem auf seine Weise der erste Schöpfungsbericht erzählt hat (s.o.) neutestamentlich könnte man im Sinne Jesu (vgl. Mk 2,27f) von einem Gedenken an die Antizipation des Reiches Gottes reden. Was Gen 1 als "Ursprung" bzw. "Anfang" berichtet, erhält am Sabbat im Innehalten, im Nicht-Verfügen des Menschen über die Natur, seinen erinnernden und hoffenden Ausdruck. Der Blick auf die Mannageschichte in Ex 16 erschließt hier also eine zentrale Dimension des Sabbatgebots des Dekalogs. Die Geschichte selbst endet übrigens mit einer großen Überraschung: "Ein Gomer ist der zehnte Teil des Epha." (Ex 16,36) Der Satz erklärt das in der Erzählung mehrfach genannte, aber nicht mehr geläufige Hohlmaß "Gomer" (ca. 4 Liter). Am Ende steht also eine trockene Information. Dies besagt, dass auch eine "Wundergeschichte" sich zum Nachfragen eignet. Anders gesagt: Das Staunen (über das Wunder) und das Sammeln (von Informationen) schließen einander nicht aus: wie beim Manna!
Die Sabbatruhe und die Feier des christlichen Sonntags Auch wenn im NT noch nicht von einer Institutionalisierung des Sonntags im Sinne einer verpflichtenden Feiertagsregelung die Rede sein kann, so läßt sich doch die Tatsache nicht leugnen, dass die Ansätze dazu schon deutlich vorhanden sind. Diese erstrecken sich auf den Namen, der zunächst als "erster Wochentag", bald aber schon inhaltlich bestimmt als "Tag des Herrn" (Offb 1,10) bezeichnet wird. Auf diesen Tag verlagert das frühe Christentum schwerpunktmäßig seine religiös-kultischen Aktivitäten, und zwar v.a. die Feier der Eucharistie. Dies hat nun zur Folge, dass die Auseinandersetzung der Urkirche mit der Institution des Sabbats und der für sie bestimmenden Glaubensüberlieferung Israels sich zunehmend auch den theologischen Implikationen zuwandte. Die Sabbatruhe als das Gedächtnis der Vollendung von Gottes Wirken als Schöpfer und Erlöser wird so direkt zum Gegenstand der theologischen Reflexion (vgl. Hebr 4,111). Abgesehen von diesen theologischen Fragen ist die historische Frage nach der Entstehung des Sonntags nicht so leicht zu beantworten, wie man meinen könnte. Die eigentliche Grundlage ist sicher die am Ostersonntag erfolgte Auferstehung Jesu. Aber: wieso feierten die Christen nicht einen jährlichen Gedenktag dieses Ereignisses, sondern einen wöchentlichen, der noch dazu in einem Abendgottesdienst (Apg 20,611) abgehalten wurde? Erst Plinius d.J. berichtet von einer morgendlichen Gottesdienstfeier am Sonntag. Ein weiteres wichtiges Problem ist die Frage, wie der Sonntag zum "christlichen Sabbat" geworden ist. Bekanntlich hat Kaiser Konstantin am 3. März 321 den christlichen Sonntag zum öffentlichen Ruhetag im römischen Reich erhoben: "Kaiser Konstantin an Helpidius [= der Stadtpräfekt von Rom]. Alle Richter, die Stadtbevölkerung und die gesamte Gewerbetätigkeit sollen am verehrungswürdigen Tag der Sonne ruhen " Das Gesetz überrascht. Was hat den Kaiser veranlaßt, es zu promulgieren? Stehen christliche oder heidnische Motive der Kaiser als alter Sonnenverehrer dahinter? Wie dem auch sei: jedenfalls muss man annehmen, dass er zumindest auch die im ganzen Reich zahlenmäßig stark angewachsene Christenheit begünstigen wollte. Und wenn er dies durch die Einsetzung des Sonntags als öffentlichen Ruhetag tat, dann musste er wissen, dass er damit einem Anliegen der Kirche entgegenkam. Denn die Christen hatten ja wirklich alles Interesse daran, sich am Sonntag ungestört, in aller Öffentlichkeit und frei von Arbeitssorgen zu ihrem Gottesdienst versammeln zu können. Jahrhundertelang war dies nicht möglich jetzt brachte Konstantin die Lösung. In der folgenden Zeit findet sich nun eine Reihe von Texten, die zeigen, wie die Kirche langsam in die Rolle einer "Erzieherin des Volkes" hineinwächst: Beispiele, die zum Respekt vor der Sonntagsruhe aufrufen, stehen neben solchen, wo zum Kirchgang ermahnt wird bzw. Müßiggang und daraus hervorgehende soziale Laster bekämpft werden. Und als gütliche Ermahnung allein nicht mehr half, wollte man den Missständen mit Bestrafungen und noch schlimmerer Androhung von göttlichen Strafen Abhilfe schaffen. Bei dieser Gelegenheit griff man nun auch auf das Sabbatgebot zurück. In der Tat lag dieser Ausweg nahe, da der Sonntag inzwischen aus einem christlichen Gottesdiensttag zu einem öffentlichen Ruhetag geworden war. Da man im Neuen Testament kein Gebot fand, den Sonntag durch Arbeitsruhe auszuzeichnen, nahm man zur alttestamentlichen Offenbarung Zuflucht: da Christus ja das Sabbatgebot nicht aufgehoben hatte, konnte man es auf den Sonntag, den christlichen Ruhetag, anwenden.
Univ.-Prof. Dr. Michael
Ernst |
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