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Hans Gruber Betriebsseelsorge Österreich, Betriebspfarrer in Linz Sonntag, ein Wohltäter auf der Anklagebank Angriff auf den freien Sonntag! "Der Sonntag ist einem tiefgreifenden Wandel ausgesetzt. Seine Bedrohung macht uns besorgt und ruft nach entschiedenen Maßnahmen." - So beginnt das Kapitel über den Sonntag im Sozialhirtenbrief von 1990. Inzwischen sind 10 Jahre vergangen und der damalige Aufruf der Bischöfe Österreichs, "durch den technischen Fortschritt den Sonntag nicht zu flexibilisieren, sondern die Ausnahmen zur Sonn- und Feiertagsarbeit zu reduzieren", wurde mehr als ignoriert. Wir alle sind Zeugen massiver Bedrohung der Sonntagsruhe, durch nicht-notwendige Sonntagsarbeit. Der Angriff geschieht zunächst im Namen der Ökonomie. Für die neuen Entwicklungen in der Wirtschaft wurde ein Sammelbegriff gefunden: "Globalisierung". Gemeint ist damit einerseits das rasante Anwachsen der Großkonzerne und Handelsketten, andererseits der unbändige Wille, auf jede nur mögliche Art die Profite zu steigern. Eine Methode dazu ist, die Maschinen und Geschäfte 24 Stunden pro Tag und sieben Tage in der Woche "laufen" zu lassen - Nonstop-Gesellschaft in Reinkultur! Um dies verwirklichen zu können, muss natürlich der Sonntag zum ganz gewöhnlichen Arbeitstag degradiert werden. Die Vorbereitungen dazu laufen bereits in den Chefetagen der Großkonzerne und in den Köpfen von Politikern, die diesen Wirtschaftsbossen zu Diensten stehen. Die Argumente lauten: wir seien in Österreich nicht mehr konkurrenzfähig genug. Der Wirtschaft ginge es so schlecht, dass wir selbst den Sonntag opfern müßten, heißt es. Natürlich geschehen diese Angriffe in kleinen Dosen. Mal geht es um grenznahe Betriebe, mal um eine Sondergenehmigung für die Laufzeit teurer Maschinen, mal wird im Namen des Fremdenverkehrs argumentiert. Es geht aber immer um das Gleiche: der "Sonntag" stört in einer "Non-stop-Gesellschaft"! Schließlich hat auch die Politik mit der Verlagerung der Sondergenehmigungen von den Ländern weg auf die Kollektivvertragspartner signalisiert, dass eine Lockerung in Aussicht steht. Prompt hat die Wirtschaft reagiert. In einer deutschen Wirtschaftszeitung inseriert das "Austrian Business Agency" mit dem Werbeslogan: investieren sie doch in Österreich: "Beschäftigung rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr - das ist mit der Flexibilisierung der Arbeitszeiten in Österreich seit Mitte 1997 möglich. Sonntagsarbeit ist demnach genehmigungspflichtig, aber die neuen Regelungen bieten großzügigen Spielraum!". - Schöne Reklame für Österreich! Wir müssen aber zugeben, dass nicht nur die "böse" Wirtschaft an der Vermarktung des Sonntags arbeitet. An der Aushöhlung des Herrentages sind wir alle ein wenig beteiligt. Ein Teil der ÖsterreicherInnen verschlampt den Sonntag und läßt ihn zum Ausschlaftag verkommen. Andere wiederum entwickeln Überaktivitäten und fressen auf touristische Unart die Straßenkilometer; und wieder andere fadisieren sich, weil sie kontaktlos in den Wohnungen verkommen. Der Sonntag hat überraschend viele Gegner bekommen, er hat es nötig, dass auch seine Freunde für ihn aufstehen, ihn zu verteidigen und zu erhalten. Die Gewerkschaften strengen sich gewaltig an, einen Damm gegen den Wirtschaftsdruck zu bauen. Die Allianz hat einen Krisenstab gebildet, um bei Gesetzesbrüchen schnell reagieren zu können. Es geschieht einiges, die Zeichen stehen aber auf "Sturm". Schon in der französischen Revolution wurde versucht, den Sonntag abzuschaffen. Es gelang ihr nicht. In der russischen Revolution wurde ebenfalls versucht, die 10-Tage-Woche einzuführen. Es gelang nicht. Was den Revolutionären nicht gelang, scheint nun "der freien Marktwirtschaft" zu gelingen. Es wäre doch eine Schande wenn wir Zeugen oder sogar Helfershelfer würden, wie eine 3000-jährige Wohltat unserer Gesellschaft verjuxt wird. Auftrag an die Kirche: Zunächst ist natürlich die Kirche aufgerufen, ihr historisches Erbe zu verteidigen. Es geht beim Sonntag um die uralte Sabbattradition, die im 3. Gebot Gottes für alle Zeiten festgeschrieben ist: Du sollst den Tag des Herrn heiligen! - so heißt es und wir tun dies zu allererst durch den sonntäglichen Gottesdienst. Uns Christen ist aber nicht nur das Beten, sondern auch die Ruhe geboten, denn die Muße ist die Voraussetzung für Gebet und Feier. Diese sogenannte "Sonntagspflicht" erfüllen immerhin 260.000 Christinnen und Christen in der Diözese Linz. Den Sonntag möglichst arbeitsfrei zu halten ist daher zu allererst eine religiöse Aufgabe. Wir können das Verdienst des jüdisch-christlichen Wochenrhythmus aber aus einem zweiten Grund nicht hoch genug einschätzen: die 52 Sonntage im Jahr bedeuteten in der damaligen Sklavenhaltergesellschaft 52 Urlaubstage für alle, Knechte wie Mägde, Kinder wie Sklaven, Mensch wie Tier. Wer wollte bestreiten, das wir diese Tage nicht auch heute, in einer hoch-technisierten Leistungsgesellschaft brauchen. Man kann daher dem Ansinnen mancher Leute nicht zustimmen, die die Erholungstage einfach auf die 7 Tage der Woche verteilen möchten. Der Sonntag ist ja wesentlich mehr als ein Erholungstag. Er ist ein Kommunikationstag, von dem sowohl die Familie, wie auch die Kultur und der Sport leben. Schließlich ist gemeinsame Zeit auch die Voraussetzung für die politischen Strukturen in unserem Land. Was durch mehr als 2000 Jahre als Wohltat für Mensch und Natur empfunden und gepflegt wurde, wird gegenwärtig in Frage gestellt, noch mehr, der Sonntag muß sich quasi verteidigen, dass es ihn gibt. Er ist auf der Anklagebank. Allianz für den arbeitsfreien Sonntag Der Wert, den es zu verteidigen gilt, ist so gross und die Lage so prekär, dass es den Einfluß einer einzigen Institution übersteigt, den Erhalt abzusichern. Aus dieser Einsicht wurde in Österreich eine "Allianz für den freien Sonntag" gegründet, für die im November 1997 Vertreter von Konfessionen, von Politischen Parteien, von Familien- Kultur- Sport- und Hilfsorganisationen unterschrieben haben. Die Forderung lautet: "Wir brauchen den Arbeitsfreien Sonntag, um das religiöse und soziale Leben im Lande zu sichern." In einer spontanen Aktion wurde diese Forderung in Österreich 270.000 mal unterschrieben. Im April 1998 wurden diese Unterschriften vom "Sozialbischof" Maximilian Aichern an Frau (Ex-) Sozialministerin Hostasch übergeben. Hans Gruber 4020 Linz, Sophiengutstr. 18 Tel.: 0732/654398
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