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Josef Mautner
Sonntag – ein Tag der Befreiung
Wir leben in einer Gesellschaft, in der traditionelle Zeitrhythmen aufgelöst werden. Der Sonntag als allgemeiner Ruhetag scheint zu verschwinden. Angesichts dieser Entwicklung ist es gut, sich auf die religiösen Wurzeln des Sonntags zurück zu besinnen. „Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht.“ (Dtn. 5, 13b-14a) Diese Sätze aus dem Dekalog, den Zehn Weisungen Gottes an Israel, spiegeln die Entwicklung des Sabbat in nachexilischer Zeit: Statt eines monatlich begangenen Vollmondtages wurde der Sabbat zum Ruhetag an jedem siebten Tag der Woche. Von seinem religiösen Ursprung her ist der Ruhetag jenem Gott gewidmet, der sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägypten herausgeführt hat. Israel feiert am Sabbat die Befreiung. Im Urchristentum gewann – neben der Feier des Sabbat – der erste Tag der Woche an Bedeutung. Er wurde begangen mit der Feier des „Herrenmahls“, das an Tod und Auferstehung Jesu Christi erinnert. Seinen Ursprung hat der Sonntag in der Feier der Passionswoche: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten“, heisst es im Glaubensbekenntnis der Kirche. Und dieser dritte Tag nach dem Vortag des Sabbat war und ist der erste Tag der Woche. An ihm feiern wir die Auferstehung Jesu als Anfang unserer Befreiung und Erlösung. Im Namen der Freiheit für individuelles Zeitmanagement, für unbehinderten Freizeitkonsum wird der Sonntag in Frage gestellt. Unsere religiösen Traditionen – im Judentum wie im Christentum – laden uns dazu ein, das Geschenk einer andern Freiheit zu feiern: befreit vom Zwang zur Leistung, zum Produzieren wie zum Kaufen. Befreit, um zu leben. Josef Mautner
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