Die Orgeln im Salzburger Dom

Bis zum Jahr 1859 waren am Dom zu Salzburg, auch gemessen an europäischen Verhältnissen, einzigartige Voraussetzungen für die Kirchenmusikpflege gegeben: An den vier Pfeilern im Kuppelraum befanden sich Emporen für Sänger und Instrumentalisten, dazu jeweils eine Orgel, zusätzlich ein Chorpositiv im Presbyterium und - seit 1703 - eine große Orgel auf der Westempore . Wohl kennt die Geschichte des Orgelbaus eine Reihe von Kirchen mit zwei oder mehr Orgeln, die Situierung in Salzburg mit vier Orgeln und vier Musizieremporen im Kuppelraum ist jedoch singulär geblieben.
Die Pfeilerorgeln im Dom waren zunächst nur einmanualige Werke, die erst für die Musikpraxis der Mozart-Zeit umgebaut und erweitert wurden: Vermutlich seit 1755 - Quellen sind kaum erhalten - hatte die östliche Orgel am rechten Kuppelpfeiler, die sogen. "Hoforgel" an der W. A. Mozart in den Jahren 1779 bis 1781 amtierte, 14 Register auf 2 Manualen und Pedal, die ihr gegenüberliegende "Heilig-Geist-Orgel" 13 Stimmen, ebenfalls auf 2 Manualen und Pedal. Die beiden auf den westlichen Emporen, den "Trompeter-Chören", waren einmanualige Werke mit 6 Registern. Alle vier Orgeln besaßen einen vollständigen Prinzipalchor, die beiden östlichen Instrumente zusätzlich Stimmen für das Continuo- und das Solospiel.
(das Bild zeigt die nördliche Empore um 1675)

Die große Domorgel auf der Westempore erbeut vom Salzburger Hoforgelmacher Christoph Egedacher, hatte zunächst nur 24 Register auf zwei Manualen und Pedal. Bereits 1705 wurde das Orgelgehäuse durch harfenförmige Seitenfelder und das Orgelwerk um ein drittes Manual auf 42 Register erweitert (darunter allein 10 Zungenstimmen). Das Hauptwerk war gegenüber dem Bau von 1703 unverändert geblieben, das zweite Manual fand im Unterbau des Gehäuses Aufstellung, das dritte Manual im Ober- (Kron-) werk, das Kleinpedal in den seitlichen Feldern. Von besonderem Interesse ist die Spielanlage des Werks, da sie nach bisheriger Kenntnis den ersten freien Spieltisch in Österreich darstellt. (das Bild zeigt den Spieltisch um 1705) Nach einem erneutem Umbau 1718 blieb die große Orgel im wesentlichen unverändert, ehe sie in den Jahren 1842 bis 1845, entsprechend den kirchenmusikalischen Erfordernissen dieser Zeit, umgestaltet wurde. Der Salzburger Orgelbauer Ludwig Mooser baute den Klaviaturumfang aus und vermehrte das Werk um weitere 18 Stimmen.
Im Zuge der Domrenovierung 1859 wurden die Pfeileremporen und -orgeln abgebrochen, der Stilpurismus der Zeit zeigte kein Verständnis für diese Spielarten der barocken Architektur und Musik. Die Kirchenmusik wurde seither ausschließlich auf der Westempore ausgeführt. Den neuerlich geänderten Verhältnissen musste auch die Domorgel angepasst werden: In zwei Etappen, 1880 bis 1883 und 1910 bis 1914, wurde sie von Matthäus Mauracher sen. bzw. jun. auf 4 Manuale und 101 Register erweitert, mit Spielhilfen ausgestattet und auf pneumatische, bzw. elektropneumatische Funktion umgestellt. 

Damit hatte Salzburg die "größte Kirchenorgel der Monarchie" erhalten, doch zeigte sich bald, dass der Versuch einer Synthese von handwerklicher Praxis und technischem Fortschritt nicht in jeder Hinsicht geglückt war. Durch die Überdimensionierung des Werkes war das zwar monumentale, doch nur für 50 Register konzipierte historische Gehäuse seiner Funktion entkleidet, es diente nur noch als Fassade. Problematisch erwiesen sich auch die Windladen in ihrer unterschiedlichen, aus mehreren Entstehungsphasen stammenden Bauweise.
Ehe es jedoch zu einer Sanierung und einer einheitlichen Gestaltung der Traktur kam, wurde eine neue Chororgel geplant, denn bald schon nach der Entfernung der Chororgeln (1859) bereute man diese Maßnahme. Zudem forderte die liturgische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts erneut die Kirchenmusik in Altarnähe. Doch man wagte damals nicht die Wiederrichtung der Pfeileremporen und -orgeln, sondern nur den Bau einer elektrisch gesteuerten Chororgel, deren beiden Manualwerke an den östlichen Pfeilern angebracht wurde (siehe nebenstehendes Bild von 1937), das Pedal dagegen hinter dem Hochaltar. Gleichzeitig wurde dieses 1937 von der Salzburger Orgelbaufirma Dreher und Flamm errichtete Werk an die Hauptorgel auf der Westempore als Fernwerk angeschlossen.  

Durch die Bombardierung des Domes nahmen Haupt- und Chororgel schweren Schaden. Zwar wurden beide Instrument zur Wiederöffnung des Domes 1959 instandgesetzt, doch zeigte sich bald, dass eine Generalsanierung nicht länger aufzuschieben war. Die Überlegungen schwankten zwischen Erhaltung des "gewachsenen Zustandes" und technischer, dispositioneller oder radikaler Erneuerung. Die vom Metropolitankapitel eingesetzte Expertenkommission entschied sich schließlich für den Neubau der großen Orgel im wiederherzustellenden Gehäuse von 1705, wobei historisch wertvolles Pfeifenmaterial des 18. und 19. Jahrhunderts wiederverwendet werden sollte, und für die schrittweise Wiedererrichtung der Pfeileremporen und -orgeln im Kuppelraum. Damit sollten nicht nur die vormaligen Musiziermöglichkeiten geschaffen werden, die sich durch 230 Jahren bewährt hatten, sondern auch Impulse für zeitgenössische Komponisten ausgehen.
Entsprechend diesem Gesamtkonzept wurde die große Orgel auf der Westempore so disponiert, dass sie in der Größe und in der stilistischen Ausrichtung der süddeutsch-österreichischen Orgelbautradition entspricht. Neu entstand ein Rückpositiv, weil von ihm eine besondere Päsenz des Tones im akustisch schwierigen Raum erwartet wurde. 1988 wurde das von der Firma Metzler in Dietikon/Zürich erbaute Werk seiner Funktion übergeben.
Im Frühjahr 1990 wurden die bautechnischen Voraussetzungen zur Wiedererrichtung der Pfeileremporen und -orgeln nach Plänen des niederländischen Architekten C. Janssen geschaffen. Ähnlich wie die Sängertribünen sollten die beiden östlichen Kuppelorgeln nicht als Stilkopie, sondern in bewusstem Bezug zur historischen Situierung und in der Abstimmung mit der heutigen Kirchenmusikpraxis geplant, doch weitgehend nach dem überlieferten Bestand des 18. Jahrhunderts disponiert werden. Orgelbaumeister Johann Pirchner aus Steinach in Tirol erhielt den Auftrag zum Bau der zwei rein mechanischen zweimanualigen Orgeln, welche 1991 gesegnet werden konnten.
1995 konnte mit der Präsentation der beiden westlichen Pfeilerorgeln, klassischen italienischen Orgeln - einem einmanualigen Renaissancetyp mit 11 Registern samt Continuowerk mit eigener Spielanlage und einer zweimanualigen Orgel venezianischen Typs mit 24 Registern - das Projekt der Wiedererrichtung der Domorgeln abgeschlossen werden. Erbaut wurden die Werke von Francesco Zanin aus Codroipo und Franz Zanin aus Camino al Tagliamento, Provinz Udine.  

Dispositionen:
® Große Orgel auf der Westempore
® Östliche Pfeilerorgeln im Kuppelraum
® Italienische Pfeilerorgeln im Kuppelraum