Nachdenkliches zur Coronakrise

„Mitten im Winter habe ich erfahren,
dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ (Albert Camus)

Ein Kommentar von Jakob Geier

Es ist Winter. Auch wenn die Temperaturen keinen Schnee erlauben – es ist Winter. Und wir sind mitten drin. Mitten im Winter. In diesem Winter sind es nicht die Schneeflocken, die auf unseren Dächern lasten, unsere Straßen erschwert passierbar machen und uns beim Spazierengehen ins Gesicht wehen. Mitten in diesem Winter sind es Viren, die unserem Leben eine raue Fahrbahn bescheren – oder besser gesagt: keine Fahrbahn bescheren. Corona sperrt uns ein. In die vier Wände unserer Wohnungen und Häuser, wir müssen zu Hause bleiben, wir sollen unsere Sozialkontakte minimieren – und zwar aus Liebe zu unseren Mitmenschen. Vieles wird minimiert: das öffentliche Leben, der Verkehr, die Arbeit, die Schule, die Universität, auch das kirchliche Leben. Eine Fastenzeit, wie sie sich keiner zuvor vorstellen konnte. Fasten. Besinnen. Nachdenken. Die Menschen werden in dieser Zeit nicht gläubiger, aber „sie werden nachdenklicher“, hat Erzbischof Franz Lackner aus Salzburg in einem Interview zur aktuellen Krisensituation gesagt (Salzburger Nachrichten, 20.03.2020). Ja, jetzt ist Zeit zum Nachdenken. Nachdenken über die Situation in unserem Land, über mögliche Auslöser, über die Vergangenheit, über Maßnahmen, über Auswirkungen und über Wege in die Zukunft. Ausgangsbeschränkung – Ausgangssperre. Beschränkt auf die eigenen vier Wände. Corona sperrt uns aber auch ein in die vier Wände unseres Herzens. Der Unterschied ist, dass wir hier nicht eingesperrt sind. Im Gegenteil. Der Raum des Herzens steht mir offen. Ja, jetzt ist Zeit zum Nachdenken. Nachdenken über mich, über dich, über andere. Liebevoll, nicht in Schwarzmalerei. Dasein lassen, weil wir jetzt ganz und gar da sein müssen. Wir können jetzt nicht aus. Ausgangssperre. Gut, dass wir einen Vorrat haben: „Die gute Zeit fällt nicht vom Himmel, sondern wir schaffen sie selbst, sie liegt in unserem Herzen eingeschlossen.“, schreibt der russische Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski. In unserem Herzen liegt die gute Zeit verborgen. Eine Zeit der Gnade? Vielleicht kann diese ungewöhnliche Situation des „Eingesperrt-Seins“ auch eine Zeit des „Offen-Seins“ werden. Eine Zeit des offenen Herzens. Und diese Zeit hat viele offene Herzen – die Herzen der Solidarität, die in dieser Zeit mehr denn je sichtbar werden. Herzen, in denen ein unbesiegbarer Sommer verborgen liegt. Mitten im Winter. „Gott hat sich nicht zurückgezogen“ (Franz Lackner, SN). Er lässt sich finden. In den Herzen der Menschen. Und in jeder guten Tat dieser Tage. Dieses Ostern sogar außerhalb der Kirchen. Da kann man schon mal nachdenklich werden. Vieles wird minimiert. Gott nicht. Gott sei Dank!