Kirchenreform: Kräutler will weltweite Bischofsbefragung

Austro-brasilianischer Bischof im „Salzburger
Nachrichten"-Interview: Anliegen der österreichischen Pfarrerinitiative im Hinblick auf das Priesteramt sind keine regionale europäische Frage, sondern betreffen die Weltkirche

SALZBURG (kap/eds - 05.06.12) / Für eine weltweite Bischofsbefragung über neue Zulassungsbestimmungen zum katholischen Priesteramt hat sich der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler ausgesprochen. Die Anliegen der österreichischen Pfarrerinitiative im Hinblick auf das Priesteramt seien keine regionale europäische Frage, sondern würden die Weltkirche betreffen, so Kräutler in einem am Dienstag veröffentlichten Interview in den „Salzburger Nachrichten".

In seiner Diözese Xingu in Brasilien gebe es 30 Priester für 900 Gemeinden mit 600.000 Menschen auf einem Gebiet, das viereinhalb Mal so groß ist wie Österreich, sagte Kräutler. Laien würden in den Gemeinden Verantwortung übernehmen und Sonntag für Sonntag Wortgottesdienste halten. Zur Eucharistie mit dem Priester könne sich die Gemeinde aber nur drei, vier Mal im Jahr um den Altar versammeln. „Da stellt sich die Frage, ob diese Menschen nicht ein Recht auf die sonntägliche Messfeier haben. Ich sage: Ja, sie haben ein Recht. Da muss sich die Kirche im Geist des Konzils etwas einfallen lassen. Ich will jetzt gar nicht sagen was, sondern ich sage: Wir müssen anfangen, ernsthaft darüber zu reden," betonte Kräutler. Diese Frage hätten die brasilianischen Bischöfe in Rom schon mehrere Male vorgebracht. „Bei der Amerika-Synode 1997 haben wir sie als Thema vorgeschlagen, aber wir sind damit nicht durchgekommen. Heute kann man diese Frage nicht mehr wegschieben. Derzeit herrscht Stillstand."

Die Kirchenleitung müsste ernsthafte Schritte unternehmen, forderte der Bischof. Eine Bischofsversammlung in Rom halte er aber nicht für den geeigneten Weg. Sinnvoller erscheine ihm „eine richtige Umfrage unter allen Bischöfen auf der ganzen Welt: Was ist deine Meinung, wie stehst du dazu, was sagen deine Leute? Redet mit den Priestern, den Ordensleuten, den Laien. Macht eine Versammlung und bildet euch eine Meinung". Man würde endlich „von allen Gemeinden weltweit eine qualifizierte Meinung erfahren", sagte Kräutler überzeugt. „Das ist der Puls der Weltkirche, den man erspüren muss. Und diese Meinung muss ernst genommen werden. Wir glauben daran, dass der Geist Gottes mit uns allen ist, nicht mit einer Einzelperson."

Nach einer solchen Befragung müsste ein Gremium geschaffen werden - „mit dem Papst und unter dem Papst" -, das sich mit diesem Puls der Weltkirche befasst. „Da kann man dann schauen, ob ein neues Konzil sinnvoll ist oder eine andere repräsentative Großversammlung wie die Versammlungen der Bischöfe Lateinamerikas."

„Geist des Konzils nicht auslöschen"

Zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65), dessen Beginn sich heuer zum 50. Mal jährt, sagte Kräutler: „Die große Mehrheit der Bischöfe in Lateinamerika steht hinter dem Konzil, aber viele von ihnen erwarten sich noch mehr davon." Der Geist des Konzils dürfe nicht ausgelöscht werden.

Den europäischen Befund, dass viele jüngere Priester konservativ denken und die Berufung auf das Konzil als Nostalgie betrachten, könne er auch für Brasilien bestätigen. Der Bischof habe jüngere Priester in seiner Diözese, „für die sind das Konzil und die Befreiungstheologie sehr wichtig". Sie setzten sich für die Armen ein und würden deshalb mit Behörden in Konflikt geraten, wenn sie die Menschenrechte verteidigen. Kräutler: „Das sind junge Priester, die sehr fromm sind, sehr kontemplativ, die sich aber gleichzeitig so sehr für das Volk einsetzen, dass ich eine helle Freude daran habe."

Es gebe aber auch andere, "die gern die Institution Kirche vertreten". Sie freuten sich, „weil ihr Stellenwert als Priester in den Movimenti ganz groß herausgestrichen wird". Nachsatz: "Aber die anderen, die aus der Befreiungstheologie herauskommen, hat das Volk wirklich gern. Das ist der Unterschied."