4 Wände und 1 Dach, die Heimat schenken

Housing First in Salzburg steht für ein österreichweites Pioniermodell.  Die „Erfolgsquote“ bei der begleiteten Integration von Langzeitobdachlosen in die Gesellschaft liegt bei 98 Prozent. Die VinziWerke und der Grazer Pfarrer Wolfgang Pucher brachten Housing First 2012 in die Mozartstadt. 54 ehemals obdachlose Menschen haben heute eine Wohnung. Christiane Seigmann ist eine von ihnen.  „Als ich den Wohnungsschlüssel in der Hand hatte, sind Tränen geflossen“, erinnert sich die Salzburgerin.  

 

 

Salzburg. Am Anfang stand die Begegnung von VinziWerke-Gründer Pfarrer Wolfgang Pucher und dem ehemaligen Baumax-Chef Martin Essl. „Essl erzählte, dass er einen Preis verleiht. Ich fragte: Warum nicht an uns?“ Eine Idee, was mit  dem Preisgeld geschehen könnte, gab es bereits: Housing First. Und da es Pucher nie an Kraft mangelt, Neues umzusetzen, nahm das Obdachlosenprojekt seinen Lauf. Das Modell kommt aus den USA und sieht vor, Langzeitobdachlose von der Straße direkt mit einer eigenen Wohnung zu versorgen. Mit intensiver Betreuung durch Sozialarbeiter soll die Wiedereingliederung in die Gesellschaft gelingen. In Amsterdam wurde auf diesem Weg die inländische Obdachlosigkeit überwunden, berichtet Pucher.  Zielgruppe sind „Rough sleeper“. Das sind Menschen, die bereits mehrere Jahre auf der Straße leben und meist mit Suchterkrankungen oder psychischen Belastungen kämpfen. Eine eigene Wohnung zu finden und diese dauerhaft zu erhalten, ist für diese Gruppe besonders schwierig. „Das heißt, wenn sie keine Unterstützung bekommen, aber genau die sieht Housing First vor“, erklärt VinziWerke-Koordinatorin Nora Tödtling-Musenbichler. „Wir bieten Begleitung an, wo sie gebraucht wird und lassen Freiraum, wo er gewollt ist.“    

Auf ganz Österreich ausweiten

In Salzburg läuft Housing First seit fünf Jahren. Ein fünfköpfiges Team betreute insgesamt 82 Männer und Frauen, 54 Obdachlose sind in ihre eigenen vier Wände gezogen. Bei Behördenwegen genauso wie Alltagsfragen stehen ihnen die Sozialarbeiter zur Seite – bis sich die eigene Selbstständigkeit wieder eingestellt hat. Sechs Bewohner brauchen schon keine Begleitung mehr und nur ganz wenige haben das Projekt abgebrochen. Die Erfolgsquote von 98 Prozent spricht für sich. „Housing First ist ein Erfolgsmodell“, bringt es Essl auf den Punkt. Seine Foundation verlieh 2012 den „Essl Social Prize“ an Pfarrer Pucher. Der mit einer Million Euro dotierte Preis finanziert Housing First, die andere Hälfte trägt das Land. Die Stadt Salzburg unterstützt das Projekt mit Wohnungen. Essl fordert die Ausweitung von Housing First auf ganz Österreich. „Das ist eine Verpflichtung für uns alle und besonders für die Politik.“ 

 

Nachgefragt

„Wer einmal das Elend eines Menschen, der auf der Straße schläft, näher kennen gelernt hat, kann nicht ungerührt bleiben und sagen: Das ist halt so.“ Pfarrer Wolfgang Pucher stellt seit Jahrzehnten sein Engagement in den Dienst der Armen. Er ist Mitglied der „Kongregation der Mission“ und vielerorts als „Vinzi-Pfarrer“ bekannt. 2012 brachte er Housing First nach Salzburg: „Wir sind alle eine Menschheitsgemeinschaft. Der Obdachlose in New York oder in Salzburg ist auch ,mein‘ Schicksal. Und: Niemand ist davor gefeit, abzustürzen. Ich kenne zwei obdachlose Priester, einen in Wien und einen in Graz“, erzählte Pucher bei der 5-Jahres-Feier von Housing First in Salzburg. Das erfolgreiche Obdachlosen-Projekt sei für ihn „mindestens so bedeutend wie die Salzburger Festspiele und der Jedermann“.

Pfarrer Wolfgang Pucher (79) ist Gründer der Vinzenzgemeinschaft Eggenberg, der VinziWerke und des Obdachlosenprojekts Housing First in Salzburg.

„Ich habe Metzgerin gelernt und bin im Geschäft gestanden“, erinnert sich Christiane Seigmann. Nach einer Trennung und weiteren Problemen ging es bergab, bis sie schließlich ganz unten  war und ohne Dach über dem Kopf.  „Auf der Straße leben ist schrecklich. Da heißt es jeden Tag kämpfen.“ Nachdem sie über Housing First wieder in eine eigene Wohnung ziehen konnte, sei das wie ein Traum gewesen: „In der Notschlafstelle muss jeder um 9.00 Uhr das Haus verlassen. Das war in mir drinnen. In der Wohnung hab ich anfangs auch immer auf die Uhr geschaut, ob es schon neun ist. Aber dann ist es mir gleich eingeschossen: Ich muss nichts zusammenpacken, ich kann bleiben. Das ist jetzt mein Zuhause.“  

Christiane Seigmann (62) war gut drei Jahre auf der Straße. Dank Housing First hat die gebürtige Salzburgerin wieder eine eigene Wohnung in Liefering. 

Fotos (VinziWerke/ibu): Fünf Jahre  Housing First bedeutet für 54 frühere Obdachlose ein „normales“ Leben abseits der Straße. Herr Johann (im Bild) lebte sechs Jahre in einem Turm am Kapuzinerberg. Housing First verschaffte ihm als einen der Ersten eine Wohnung. Vor wenigen Tagen ist er verstorben. Das Schöne an dieser traurigen Nachricht: Er war bis zuletzt in seinen eigenen vier Wänden.