80 Jahre Anschluss

Gedenken. Die christlichen Kirchen räumen eine Mitschuld an der Entwicklung ein, die vor 80 Jahren –am 13. März 1938 – zum „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich führte.

Wien. „Auch die christlichen Kirchen waren vom Ungeist mitbetroffen, der dem NS-Regime den Boden bereitet hat. Manche Kirchen bejubelten nicht nur den ‚Anschluss‘, sondern trugen auch die NS-Politik, sei es den Antisemitismus, sei es die Auslöschung vermeintlich unwerten Lebens, voll und ganz mit, was uns heute schamvoll als Verrat am Evangelium erscheint“, heißt es in einer Erklärung des Vorstandes des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich.

Man müsse eingestehen, dass es in den sieben Jahren der NS-Herrschaft „Schuld und Versagen durch Wegschauen und Mittun gegeben hat“ – Widerstand habe es in den Kirchen „nur vereinzelt“ gegeben. Nach dem Krieg habe es dann Jahrzehnte gedauert, bis Österreich schließlich von seiner „Opferrolle“ Abstand nahm. Zugleich ziehe man aber aus dieser bitteren Erkenntnis die Lehre, heute „alles Notwendige [zu] tun, um die Menschen gegen die Schlagworte von falschen Propheten zu immunisieren“ und Österreich zu einem „Haus mit offenen Fenstern“ und zu einer „Heimstätte für Verfolgte“ zu machen. Selbstkritisch äußerte sich die altkatholische Kirche Österreichs. „Durch den damaligen Bischof und den Synodalratsvorsitzenden wurde die nationalsozialistische Machtergreifung euphorisch begrüßt und die NS-Doktrin kritiklos angenommen“, und auch viele Kirchenmitglieder hätten dies getan, so Bischof Heinz Lederleitner.

 

1938: Gipfel der Entwicklung

 

Mit einer Gedenkveranstaltung in der Wiener Hofburg hat das offizielle Österreich an den 80. Jahrestag erinnert. An dem Staatsakt nahmen die gesamte Regierung sowie Spitzenvertreter aus Gesellschaft, Wirtschaft und den Religionsgemeinschaften teil. Das Jahr 1938 sei „Kulminationspunkt einer katastrophalen Entwicklung“ gewesen, erinnerte Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Militarismus, Intoleranz und Gewalt seien schon in den Jahren zuvor „in einem schleichenden Prozess“ gekommen. 

Österreich trage Mitverantwortung für die Gräuel: Nach den Fehlern und Versäumnissen von einst müsse man heute die Erinnerung an Krieg, Verfolgung und Holocaust in der NS-Zeit wachhalten, zugleich aber auch „klar und unmissverständlich gegen jede menschenverachtende Ideologie“ aufstehen. kap

 

Bildtext: Am 12. März erfolgte der deutsche Einmarsch in Österreich, am 13. März wurde der „Anschluss“ vollzogen. An der Gedenkveranstaltung nahmen neben Bundespräsident Alexander Van der Bellen (B.) u. a. Kultusgemeinde-Präsident Oskar Deutsch, Kardinal Schönborn, Nuntius Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen, der orthodoxe Metropolit Arsenios, der lutherische Bischof Michael Bünker und der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen, Thomas Hennefeld, teil. Foto: HBF/Lechner