„Als lernende Kirche wachsen“

Partnerschaft sei kein Einheitsbrei, sondern Begegnung auf Augenhöhe. Und: „Eine christliche Gemeinde ohne Weltkirche gibt es nicht.“ Das betonte Prälat Egon Katinsky beim Gespräch über 50 Jahre Diözesanpartnerschaften. Er war Teilnehmer bei der Diözesansynode 1968 aus der die partnerschaftlichen Beziehungen zu Daegu in Südkorea, Bokungu-Ikela in der Dem. Republik Kongo und San Ignacio de Velasco in Bolivien hervorgingen. Gemeinsam mit dem jetzigen Weltkirche-Referenten in der Erzdiözese, Markus Roßkopf,  spricht Katinsky im Rupertusblatt-Interview auch über die Zukunft der Diözesanpartnerschaft. 

RB: Vor 50 Jahren fand in Salzburg die Diözesansynode statt. Hier fiel die Entscheidung für die Salzburger Partnerdiözesen. Was war das für eine Zeit, welche Atmosphäre herrschte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil?

Egon Katinsky: Erzbischof Andreas Rohracher kam mit einem neuen Kirchenverständnis vom Zweiten Vatikanischen Konzil zurück. Vorher betonte er sehr, dass er der Fürsterzbischof sei. Doch das Konzil hat ihn verwandelt. Er hatte Weltkirche geschnuppert; dadurch ist er viel weiter und offener geworden. Und es war sein Stolz, dass in Salzburg die erste Diözesansynode im deutschsprachigen Raum nach dem Konzil stattfand. Allen war klar, es braucht einen Wandel im Denken und der Gedanke der Partnerschaft war nicht schwer durchzubringen. Eine zentrale Person war Rudolf Kranewitter. Er trat 1953 ins Salzburger Priesterseminar ein. In Belgien lernte er die Pries-tergemeinschaft SAM (Societas auxiliarium missionum) kennen. SAM verstand unter Missionsarbeit nicht mehr, dass die reiche Kirche der armen Kirche Almosen gibt, sondern dass wir in der einen Weltkirche miteinander teilen sollten. Diesen Gedanken von Partnerschaft wollte Kranewitter auch in Salzburg verwirklichen.

Markus Roßkopf: Beeindruckend war die Weitsichtigkeit damals, die vor allem an drei Punkten festgemacht wurde: Weltkirche mit den Gemeinden vor Ort verbinden; in die Welt hinausschauen und drei Ortskirchen auf drei Kontinenten auswählen und dem Ganzen ein finanzielles Fundament geben. 

RB: Daegu in Südkorea, Bokungu-Ikela in der Dem. Republik Kongo und San Ignacio de Velasco in Bolivien. Wie kam es zur Auswahl gerade dieser drei Diözesen?

Katinsky: Daegu kam über Kranewitter zustande. Das Land war damals überhaupt nicht in unserem Bewusstsein und nach dem Krieg (1950 – 1953) am Boden. Später ging dann noch Emma Freisinger aus Ebbs nach Daegu und widmete sich den Leprakranken. Bokungu-Ikela ist eine Diözese, in der seit den 50er Jahren die Herz-Jesu-Missionare aus Liefering tätig sind. Die Diözese  San Ignacio de Velasco in Bolivien  prägten schon lange die Franziskaner der Tiroler Provinz und die Halleiner Schulschwestern. Und so hat es sich einfach angeboten, über diese Schienen die Beziehungen zu den Partnerdiözesen zu verwirklichen. 

RB: Wie war das Verständnis von von Weltkirche damals und wie hat es sich gewandelt?

Katinsky: Die Zeit war einfach reif für ein anderes Verständnis von Missionsarbeit. Die Reichen tun etwas für die Armen – dieser Gundsatz sollte durch einen anderen ersetzt werden: Wir stehen uns auf Augenhöhe gegenüber. Das ist der Gedanke von weltkirchlicher Partnerschaft. Wobei es immer eine Einheit in der Verschiedenheit sein soll und kein Einheitsbrei.  

RB: Was bedeutet der Begriff Partnerschaft heute? 

Roßkopf: Partnerschaft ist natürlich ein sehr großes und auch idealistisches Wort. In einer Partnerschaft hängt vieles mit Be-ziehungen zusammen. Eine Diözesanpartnerschaft ist eine institutionalisierte Beziehung und um die zu leben, braucht es Personen, die miteinander in Verbindung und im Gespräch sind. Das ist gar nicht so einfach über die Kilometer und die unterschiedlichen Kulturkreise hinweg. Eine echte Partnerschaft zu erreichen ist sehr schwierig. Ich sehe die Diözesanpartnerschaft aber als Antrieb, exemplarisch Weltkirche mit anderen Ortskirchen über eine bestimmte Zeit hinweg zu leben. Damit das über Grenzen hinweg gelingt, müssen wir lernen interkulturell zu denken und zu handeln. Die kulturellen Grenzen, andere Wertigkeiten oder Codes sind nicht zu unterschätzen. Da haben wir noch einiges an Nachholbedarf. Diözesanpartnerschaft heißt für mich auch, voneinander zu lernen.

RB: Wie gelingt das am Besten?

Roßkopf: Dafür brauchen wir die interkulturellen Fähigkeiten. Zueinander Vertrauen haben und gut miteinander kommunizieren sind die Pfeiler, auf denen sich aufbauen lässt – das läuft momentan gut in allen drei Diözesanpartnerschaften. Wenn ich von Weltkirche spreche betone ich auch immer die Glaubens-, Solidar- und Lerngemeinschaft. Für mich drückt die Lerngemeinschaft am ehesten die Vorstellung von Partnerschaft aus. Wir sollten uns noch mehr als lernende Kirche verstehen. 

RB: Wie sehen Sie die Zukunft der Diözesesanpartnerschaften? Was braucht es damit die Beziehungen lebendig bleiben?

Katinsky: Es hängt viel von Persönlichkeiten ab, von den Menschen, die für diesen Gedanken brennen und denen dieses Verständnis von Weltkirche ein Anliegen ist. Als die Pfarrgemeinderäte gegründet wurden, gab es die Vorstellung, dass in jeder Gemeinde ein Ausschuss für Weltkirche arbeitet. Das ist noch immer ausbaufähig. Insgesamt bin ich voller Zuversicht. Ich glaube, dass es gut weitergehen wird. Der Austausch mit der Jugend ist ein neuer Zugang zur Partnerschaft, der am Anfang so noch nicht möglich war. Anmerkung: Seit einigen Jahren kommt es zu gegenseitigen Besuchen von Jugendgruppen aus Daegu und Salzburg. Im Juli waren wieder junge Leute aus der Erzdiözese in Südkorea.  

Roßkopf: Ohne persönliche Kontakte ist Weltkirche sehr abstrakt. Weltkirche ist nur durch Gesichter und Begegnungen konkret. Klar ist, dass eine Diözesanpartnerschaft wie jede Partnerschaft Beziehungsarbeit bedeutet. Wie schon angesprochen sind die Jugendbegegnungen neue Chancen, genauso wie die Priester aus Daegu und Bokungu-Ikela, die in Salzburg studieren.  Impulse können auch vom Jubiläum im September kommen. Wir erwarten die Bischöfe und Delegationen aus allen drei Partnerdiözesen in Salzburg. Das ist eine gute Möglichkeit miteinander zu sprechen, Vorstellungen zu teilen und zu schauen was so eine Lerngemeinschaft in den vier Ortskirchen, auf vier verschiedenen Kontinenten, bewirken könnte. Letztendlich geht es ja darum, im Glauben zu wachsen. Mit den Gästen aus San Ignacio ist zum Beispiel ein Treffen mit Pfarrassistenten vorgesehen. In Bolivien leiten oft Katecheten die Gemeinden. Das Gespräch soll aufzeigen: Wie ist es bei euch, wie bei uns?  

Hintergrund

Auf der Salzburger Diözesansynode von 1968 nahmen die Teilnehmer das neue Verständnis von Kirche und Mission des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) an. Ziel war es den frischen Wind für die Ortskirche von Salzburg konkret und fruchtbar zu machen. Erzbischof Andreas Rohracher begründete auf  Vorschlag der Synode die Diözesanpartnerschaften mit Daegu, Bokungu-Ikela und San Ignacio de Velasco. 

„Die Christen der Erzdiözese Salzburg sind nicht bloß Glieder ihrer eigenen Orts- und Bischofsgemeinde, sondern gleichzeitig auch Glieder der Weltkirche, deren Wachstum der Hilfe aller bedarf. (...) Die Erzdiözese Salzburg als ein Teil der Weltkirche verpflichtet sich deshalb zur Verwirklichung brüderlicher Gemeinschaft mit den Teilkirchen Afrikas, Asiens und Südamerikas“, heißt es im ersten Statut des Diözesanrates für die Weltkirche vom 4. Februar 1969. 

Aus dem Diözesanrat für Weltkirche wurde im Laufe der Jahre die Diözesankommission für Weltkirche und Entwicklungszusammenarbeit (DKWE). Aufgabe heute ist vor allem die Koordination aller Einrichtungen und Gremien, die sich weltkirchlich, missionarisch und entwicklungspolitisch in der Erzdiözese Salzburg engagieren. Aber auch sonst hat sich in 50 Jahren vieles getan. Das Rupertusblatt nützt das anstehende Jubiläum zu einem intensiveren Blick auf die weltkirchliche Diözesanpartnerschaft.

Fotos (Archiv/ibu): Weltkirche-Referent Markus Roßkopf mit Prälat Egon Katinsky (r.). Der ehemalige Pfarrer von Salzburg-Taxham (hier war das Koreazentrum beheimatet) war Teilnehmer bei der Diözesansynode 1968. Dreimal war Katinsky in Korea: 1976, 2002 und 2011.

Die Bischöfe 1983 beim Katholikentag in Wien: Erzbischof Paul Ri (Daegu), Bischof Kumuondala Mbimba (Bokungu-Ikela), Erzbischof Karl Berg (Salzburg) und Bischof Bonifaz Madersbacher (San Ignacio).