Am Ende ein Lächeln

Bildung. Viele syrische Kinder haben nie ein Klassenzimmer von innen gesehen. Sie mussten so oft von Ort zu Ort fliehen, dass sie ganze Schuljahre verpassten. Die vom Krieg halbwegs verschont gebliebene Küstenstadt Latakia ist ein Auffangbecken für Inlandsvertriebene.  „Die Lebensbedingungen sind hart. Es fehlt an allem: Wasser, Strom, Medikamente, Essen“, so Alfreda Eilo, die auch von einem Lichtblick berichtet, dem Bildungsprojekt der „Mar Risha Kirche“.  Die in der Schweiz geborene junge Frau  mit syrischen Wurzeln verstärkte einen Monat die Lehrkräfte vor Ort.  „Als Humanistin sehe ich das als meine Pflicht“, kommentiert sie ihren Freiwilligeneinsatz.

Latakia. Der Krieg in Syrien brachte Tod, Zerstörung, Leid und  für Millionen von Kindern den Verlust von Schulbildung. Dass Kinder häufig gezwungen sind zu arbeiten oder zu betteln, bestätigt Alfreda Eilo. „Sie verkaufen am Strand  Taschentücher, Klopapier oder Kekse. Schwere körperliche Arbeit wie das Schleppen von Kisten am Gemüsemarkt ist auch keine Seltenheit.“ Beim Blick in die  Gesichter sei neben den dunklen Augenringen eine Traurigkeit und Abgekämpftheit zu sehen „wie ich sie bisher nicht kannte“. Dass Mädchen im Teenager- oder gar Kindesalter verheiratet werden, sei im Zunehmen. Die Not zwingt Familien dazu. Sie sind erleichtert, wenn sie für eine Person weniger sorgen müssen. Für die Mädchen ist mit der Hochzeit ihre Zukunft besiegelt. „Ihnen wird die Chance auf Bildung genommen und ihre eigene Kindheit geraubt.“ Juristin Eilo berichtet von 17-Jährigen, die ihren Namen nicht schreiben können, aber bereits mehrere Kinder haben. 

Alfreda Eilo ist Realistin. Sie weiß, um etwas zu verändern, braucht es nicht nur Gesetze oder die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. „Man muss Alternativen aufzeigen.“ Genau hier setzt das Bildungsprojekt in der  maronitischen „Mar Risha Kirche“ in Latakia an. Es macht Kinder und Jugendliche schulfit. Unter dem Gotteshaus sind spezielle Klassen eingerichtet. Sie nehmen Mädchen und Buben auf, die aufgrund von Krieg und Flucht noch nie oder schon lange nicht mehr zum Unterricht gegangen sind. Ein viermonatiger Intensivkurs soll sie auf ein Niveau bringen, damit sie wieder eine normalen Schule  besuchen und dort bestehen können. Vor allem bei den Jüngeren ist die „Übertrittsquote“ sehr hoch.  

Ausbildung zeigt andere Wege auf 

Schwerpunkt von Lehrerin Alfreda waren die 12- bis 17-Jährigen. Neben Lesen, Schreiben und Mathematik standen bei den Mädchen Handwerken und Handarbeiten am Stundenplan. „20 Schülerinnen gleichzeitig Stricken beibringen oder ihnen zeigen wie sie die Buchstabenperlen in der richtigen Reihenfolge auffädeln, war eine Herausforderung.“ Das sei aber nicht an mangelnder Disziplin gelegen.  Die Mädchen sehnten sich nach Aufmerksamkeit und Bestätigung:  „Frau Lehrerin, passt das so? Schaut das gut aus?“ 

Daheim gehe es selten um die Mädchen. Die Sorge um das Überleben lasse kaum Platz für Teenager-Bedürfnisse. Der Unterricht stärkt ihr Selbstbewusstsein und vermittelt Fähigkeiten, die konkrete Perspektiven eröffnen. „Sie können mit dem Verkauf von selbstgemachtem Schmuck zum Familieneinkommen beitragen. In der Schule haben sie gelernt wie das geht, wo sie das Material herbekommen und wie viel sie für ihre Kreationen verlangen können. Geplant ist jetzt noch ein Friseur- und Kosmetiklehrgang.“ Schule und Ausbildung seien eben das effektivste Rezept, um Mädchen zu stärken und damit vor einer Zwangsheirat  zu bewahren.             

Mit Bollywood Auszeit von den Sorgen  

Ihre Schützlinge sind Alfreda nach kurzer Zeit sehr ans Herz gewachsen. „Doua zum Beispiel ist ein fünfzehnjähriges Mädchen, dass trotz Kriegstraumata eine unglaubliche Energie ausströmt. Sie liebt Bollywood-Filme, tanzt die Choreografien und kennt zahlreiche Lieder auswendig. Sie versteht kein einziges Wort, singt nur nach Gehör.“ Eine andere Schülerin, Yasmeen, war sehr in sich gekehrt und hat nie gelächelt. „Ich brachte es nicht  fertig, sie zu fragen, was sie auf der Flucht erlebt hat.“ Die Zuneigung zu ihrer Lehrerin konnte Yasmeen erst so richtig am letzten Tag zeigen. „Nach dem Aufwiedersehen-Sagen sind alle Schülerinnen in einer Reihe gestanden. Ich wollte schon gehen, da ist sie auf mich zugerannt, um mich noch einmal zu umarmen“, erzählt Alfreda Eilo, die nie das Geschenk vergessen wird, dass ihr Yasmeen  zum Abschied schenkte. „Ein Lächeln.“ 

Tipp: Die Caritas Salzburg unterstützt das Bildungsprojekt in Latakia. Mit einer Spende geben Sie syrischen Flüchtlingskindern eine Zukunft. Spenden: IBAN AT11 3500 0000 0004 1533, BIC RVSAAT2S

Foto (privat): Alfreda Eilo mit der zwölfjährigen Abeer, einem ihrer Schützlinge  in Latakia. Die 27-Jährige  ist in der Schweiz aufgewachsen. Derzeit lebt sie in London, wo sie  Rechtswissenschaften studiert hat. Seit mehreren Jahren engagiert sich die syrische Aramäerin für Flüchtlingskinder.