Am härtesten trifft es die Kinder

Vera Eibl von der Caritas Auslandshilfe in Salzburg war vor kurzem in Syrien

Die Caritas-Mitarbeiterin unterstützte von der Hauptstadt Damaskus aus die Hilfe für den Norden des Landes. Hier hatte eine Militäroffensive der Türkei erneut viele Opfer gefordert und hunderttausende Menschen zur Flucht gezwungen. „In den überfüllten Notunterkünften kommen täglich neue Vertriebene an“, weiß Eibl, die in ständigem Kontakt mit dem Team vor Ort ist. „Das Schlimms-te, so eine Kollegin in Al-Hassakeh, ist der Anblick hungriger Kinder.“


RB: Wie ist die Situation in Syrien und vor allem im Norden des Landes?

Vera Eibl: Die Militäroperationen im Nordosten Syriens verschärften die bereits sehr angespannte humanitäre Situation in Syrien.  Nach Angaben von UN-Organisationen sind mehr als 176.000 Menschen vertrieben worden, die Hälfte davon sind Kinder. Sie flüchten zu Familien im Landesinneren oder Notunterkünften in Al-Hassakeh. Rund 11.000 befinden sich in diesen provisorischen Unterkünften. Die Menschen kamen mit nichts als den eigenen Kleidern am Leib. Sie schlafen auf Planen, Matratzen oder Decken, die bereits verteilt wurden. Die Hygienesituation ist sehr schlecht. Die Folge: Krankheiten wie Kopfläuse und Hautausschläge plagen vor allem die Kinder. Gegenwärtig erlaubt die Sicherheitslage niemandem, in die Region zu reisen. Einige internationale Hilfsorganisationen und Mitarbeiter mussten sich aus der Region zurückziehen und wurden evakuiert. Doch lokale Organisationen blieben vor Ort und versuchen nun, die notwendigsten Bedürfnisse der Binnenflüchtlinge zu decken und für sie dazusein. 

 
RB: Was brauchen die Menschen?

Vera Eibl: Aktuell ist der Bedarf an Wasser, medizinischer Versorgung, Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Matratzen und Decken sehr groß. Im Prinzip sind die Menschen auf jegliche Hilfe angewiesen. Am härtesten ist es für die Kinder. Ich befürchte außerdem, dass die mittelfristigen Folgen noch weit aus mehr Menschen treffen. Teile der Infrastruktur wie Straßen und Stromleitungen sowie der Zugang zu Krankenhäusern und Wasserstationen sind schwer in Mitleidenschaft gezogen.


RB: Wie kann die Caritas tun und was bedeutet diese Hilfe für die Menschen?

Vera Eibl: Unsere lokale Partnerorganisation konzentrierte sich auf die Verteilung von Trinkwasser und Wassertanks zum Waschen. Seit Beginn der Nothilfe unterstützte das Team zunächst fünf Notunterkünfte mit insgesamt 200 Familien. Mittlerweile sind es acht Unterkünfte mit insgesamt 469 Familien, das sind rund  2.100 Menschen. Die nur elf Mitarbeiter vor Ort leisten Unglaubliches, sie sind bis spät abends auf den Beinen, um täglich Verteilungen sicherzustellen. Freie Tage sind undenkbar. Da machen sich  natürlich Erschöpfungserscheinungen bemerkbar, deshalb sind seit kurzem auch eigens rekrutierte Freiwillige im Einsatz. Das Schlimms-te, so eine Kollegin in Al-Hassakeh, ist der Anblick hungriger Kinder. Doch sie berichtet auch von Solidarität und Mitmenschlichkeit. Bei der Ankunft von Hilfsgütern packen alle mit an, die Jüngeren tragen die Pakete zu den Älteren, die oft erschöpft sind. Die Kinder drücken die Wasserflaschen an sich und lagern sie sorgfältig in der Nähe ihrer Matratze. 


RB: Wie lange müssen die Menschen in den Notunterkünften bleiben?

Vera Eibl: Das besonders dramatische an der jetzigen Situation: Viele der Familien sind in acht Kriegsjahren schon mehrmals geflohen, immer auf der Suche nach einem sicheren Ort. Es ist unmöglich vorherzusehen, ob und wann die in Al-Hassakeh gestrandeten Menschen wieder in ihr Zuhause zurückkehren können. Bis dahin müssen sie, vor allem die Kinder, zumindest mit dem Nötigsten versorgt werden. Das ist eine große Herausforderung. Im Nordosten Syriens ist es im bevorstehenden Winter bitterkalt, die Notunterkünfte haben keine Heizmöglichleiten.

Hintergrund

Syrien ist ein Schwerpunktland der Auslandshilfe der Caritas Salzburg. Der Krieg, der jetzt im achten Jahr stattfindet, ist eine der schlimmsten humanitären Katastrophen der Welt. Von den 22 Millionen Einwohnern des Landes sind 13,1 Millionen auf Hilfe angewiesen. Die Türkeioffensive im Norden hat die Lage noch einmal verschärft und wieder mehr als 176.000 Menschen vertrieben. Die Caritas startet einen Spendenaufruf: „Das Leid der Menschen in Syrien ist noch lange nicht vorbei“, sagt die Leiterin der Auslandshilfe, Claudia Prantl. Spenden: IBAN AT11 3500 0000 0004 1533; BIC RVSAAT2S oder www.caritas-salzburg.at

Foto1: Wasser ist ein kostbares Gut – deshalb hält dieses Flüchtlingsmädchen ihren Schatz so fest sie kann. Die Hälfte der im Norden Syriens  Vertriebenen sind Kinder.

Foto2: Vera Eibl ist Mitarbeiterin der Auslandshilfe der Caritas in der Erzdiözese Salzburg.

Fotos: RB/Caritas