Auf eigenen Füßen stehen

Einsatz. „Das, was ich tue, macht Sinn.“ Diese Überzeugung, sagt Claudia Vilanek, ermutige sie, sich weiter zu engagieren. Seit 1983 ist sie für das Lepradorf Little Flower in Indien im Einsatz. Die gebürtige Innsbruckerin, die seit langem in Salzburg lebt, wollte nicht nur zuschauen. Sie wollte etwas bewirken. Sie baute einen Verein in Österreich auf, um Little Flower finanziell zu unterstützen und sie ist bis heute zweimal im Jahr vor Ort – zuletzt vor Weihnachten. Es interessiere sie, an der Entwicklung von Menschen teilzuhaben – das mache sie in ihrem Beruf als selbstständige Beraterin und Wirtschaftscoach und in Indien.  „Hier halt außerhalb der eigenen Komfortzone“, fügt Vilanek lachend hinzu.   

Salzburg/Sunderpur. Wer Menschen am Rande helfen will, muss nicht in ein fernes Land. Das unterstreicht Claudia Vilanek – und doch ist ihre eigene Geschichte seit Jugendtagen fest mit Indien verwoben. Der Ursprung hat mit der Ostermesse in der Stiftskirche Wilten in Innsbruck zu tun, die sie als Zwölfjährige mit ihrer Familie besuchte. „Ich sah ein behindertes Mädchen, das sich verzweifelt nach einem Sitzplatz umschaute. Niemand stand auf, jeder hatte den Blick weiter starr nach vorne gerichtet und das Mädchen blieb am Rand stehen.“ Dieses Erlebnis habe sie sehr berührt. „Ich sagte mir, ich möchte den Menschen, die Hilfe brauchen, eine Stimme geben. Das war wie ein Gelübde, das ich mir damals gegeben hatte.“ Sie habe überlegt, wer macht das schon, wer stellt sich ganz in den Dienst der Armen? „Ich kam auf Mutter Teresa.“ Der nächste Entschluss war getroffen: „Ich muss nach Indien.“ Bis dahin sollten noch einige Jahre vergehen. Sie ging weiter zur Schule und engagierte sich in ihrer Freizeit in verschiedenen sozialen Einrichtungen. Doch der Gedanke an Indien ließ sie nicht los. Nach der Matura mit 18 Jahren brach  die junge Frau schließlich mit der Adresse von Mutter Teresa in der Tasche nach Kalkutta auf. 

Lepra trifft die Armen

Der von Mutter Teresa gegründete Orden der „Missionare der Nächstenliebe“ war 1983 Vilaneks erste Station in Indien. „Ich habe einen Monat bei den Schwes-tern verbracht. Dann lernte ich Bruder Christdas kennen.“ Der Priester hatte zwei Jahre davor im Nordosten den Grundstein für das Projekt Little Flower in Sunderpur gelegt. Das Dorf liegt an der Grenze zu Nepal, der Region Bihar, in der die ärztliche Versorgung besonders schlecht und die Rate an Leprakranken besonders hoch war. 62 Prozent aller Leprakranken der Welt leben in Indien. 40 Prozent davon in Bihar, dem „rückständigsten“ Staat Indiens.  Mit Hütten aus Lehm begann Bruder Christdas. „85 Prozent der Leute hatten Verstümmelungen, 15 Prozent im Dorf waren Kinder“, erinnert sich die Salzburgerin. „Heute haben sich diese Prozentsätze umgedreht. Es gibt kaum noch Neuansteckungen. Eine junge und gesunde Generation ist herangewachsen.“ An Lepra, weiß Vilanek, stirbt man nicht. Der entscheidende Faktor sei die frühzeitige Erkennung und Behandlung. „Das Problem ist, dass die Kranken im Meer der Armen nicht gesehen werden. Lepra trifft vor allem geschwächte, unterernährte Menschen mit geringen Abwehrkräften. Wenn sie dann langfristig keinen Zugang zu Medikamenten haben, kommt es zu den sichtbaren Spuren der Krankheit. Die bleiben, selbst wenn Lepra gestoppt ist. Diese Stigmata lassen sich nicht mehr entfernen.“ 

Angst vor einer Ansteckung habe sie nie gehabt. Zu Politikern, die beim Besuch des Dorfes einen Mundschutz aufzogen, habe Br. Christdas immer gesagt:  „Wenn du Lepra unbedingt haben willst, ich muss dich enttäuschen, sie ist schwer zu bekommen.“ Bei gesunden Menschen, die unter guten hygienischen Bedingungen leben, hat Lepra keine Chance.

Es braucht nicht nur Medizin 

Von Anfang an verfolgte Bruder Christdas in Little Flower ein ganzheitliches Konzept: „Lepra hat nicht nur eine medizinische Seite, sondern erfasst alle Lebens-aspekte eines Menschen“, war der Dorfgründer überzeugt. Das bedeutete: Den Menschen Arbeit geben, ein Dach über dem Kopf und so eine Chance auf neue soziale Kontakte und Familiengründungen. Vilanek begleitet Little Flower auf diesem Weg auch nach dem Tod von Bruder Christdas 2011. Sie zählt auf, was neben dem Krankenhaus, der Schule mit Internat alles entstanden ist: Land- und Milchwirtschaft, Viehzucht sowie eine Seidenspinnerei und -weberei. „Auf eigenen Füßen stehen – auch wenn sie keine Füße mehr haben“, sei bis heute das Leitmotiv von Little Flower, dem heutigen Zuhause von rund 800 Menschen. Begeistert berichtet die dreifache Mutter von zwei Bauprojekten mit der Kunstuniversität Linz. Im BASEhabitat-Team arbeitete einer ihrer Söhne an vorderster Front mit. Die Studierenden haben mit Arbeitern vor Ort Wohnungen und ein Haus für Lehrer realisiert.

Die kleine Blume blüht weiter   

Stillstand ist nach diesen Meilensteinen trotzdem nicht angesagt. Vor allem in Sachen Bildung möchte Little Flower neue Blüten zum Blühen bringen.Vilanek beschreibt den Traum von einem „Werkstatt-Zentrum“, wo Tischlerei, Lehmziegelherstellung oder das Installateur-Know-how am Unterrichtsplan stehen. Das könne für viele der erste Schritt in ein eigenes Gewerbe sein. Andere junge Leute studieren dank eines Stipendiums – wie Mukesh Kumar. Beide Elternteile sind von Lepra gezeichnet, doch Little Flower gab ihnen  eine Lebens- und Einkommensperspektive. Die Mutter ist Spinnerin in der Weberei und der Vater Koch in der Schülerküche. Mukesh hat schon in verschiedenen Bereichen im Dorf mitgearbeitet. Doch im Stillen bereitete er sich immer auf sein Studium vor, bis er es eines Tages geschafft hat: in den Süden von Indien, nach Bangalore, in die Stadt der großen Hoffnungen. Seine Eltern  tun alles, um ihn zu unterstützen. 

Claudia Vilanek ist für ihr Engagement schon mit einigen Auszeichnungen bedacht worden: unter anderem mit dem Goldenen Verdienstzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, dem Pro Caritate Verdienstzeichen des Landes Salzburg und zuletzt mit dem Verdienstkreuz des Landes Tirol. Das freue sie, doch den Sinn und die Motivation, ihre indische Reise fortzusetzen, hole sie sich woanders. „Bei den Menschen in Little Flower.“

Hintergrund

Little Flower liegt nahe dem Ort Sunderpur, im indischen Bundesstaat Bihar, der gerade mal etwas größer als Österreich ist, aber zehnmal mehr Einwohner hat. 1981 hat  Br. Christdas das Lepradorf Little Flower ge-gründet. In 30 Jahren begann die kleine Blume zu blühen und ihre Blüten zu vervielfachen. Heute gibt es ein Krankenhaus, Landwirtschaft und andere Arbeitsbetriebe wie eine Weberei sowie eine Schule und ein Internat. 

Claudia Vilanek besuchte das Dorf erstmals 1983.  Bis heute ist die gebürtige Innsbruckerin, die  seit langem in Salzburg lebt, Sprachrohr und Vertreterin des Lepradorfes in Europa. 

Mit einer Spende für den Verein zur Unterstützung des Lepradorfes in Indien helfen Sie, dass Menschen weiter medizinische Versorgung, ein Dach über dem Kopf und Arbeit  in Little Flower finden. Mit der Übernahme einer Patenschaft geben Sie Kindern die Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft. Spendenkonto: IBAN: AT80 14 000 56310 748 736; BIC: BAWAATWW

Weitere Infos, Fotos, Filme sowie „Geschichten“ der SchülerInnen und StudentInnen unter www.littleflower-india.org

Lepra – soziales Stigma

Lepra ist ein Mycobakterium, das die Nervenbahnen angreift, beginnend in den Extremitäten. Dadurch verlieren die Menschen die Sensitivität, also das wichtige Alarmsignal „Schmerz“. Mit dem Absterben der Nervenbahnen wird auch die Durchblutung der Gliedmaßen schwächer, in weiterer Folge kommt es zu Muskel- und Knochenschwund. Diese Entwicklung dauert viele Jahre und kann mit einsetzender Behandlung aufgehalten werden. Den besten Schutz gegen die Krankheit bieten ausreichende Ernährung, Hygiene und eine gute Gesundheit, dann hat das Bakterium keine Chance, sich auszubreiten. In diesem Sinne ist Lepra ein soziales Stigma – nur wer schon durch Mangelerscheinungen  geschwächt ist, kann die Krankheit bekommen. Eine Therapie besteht heute aus der Kombination einiger Medikamente und dauert im besten Fall rund eineinhalb Jahre. Dann ist der Körper frei von Bakterien. Wahrscheinlich wird Lepra durch Tröpfcheninfektion übertragen. Der Kontakt zu einem Erkrankten muss eng und längerfristig sein. Berührung führt noch nicht zu einer Infektion.

Damit Lepra nicht in Vergessenheit gerät, wird alljährlich am letzten Sonntag im Jänner der „Welt-Lepra-Tag“ begangen. Noch immer erkranken pro Jahr mehr als 200.000 Menschen neu an Lepra. Davon ist jeder 10. ein Kind. Die große Mehrheit der Infektionen tritt in Indien, Indonesien und Brasilien auf.

Bilder (Wonge Bergmann):  Die nächste gesunde Generation wächst heran. Bildung ist der wichtigste Baustein für ein selbstbestimmtes Leben.    

Bild Claudia Vilanek (Chr. Lackner): Mag. Claudia Vilanek gibt den Menschen des nordindischen Lepradorfes Little Flower in Österreich eine Stimme. 

 

 

 

im Rahmen einer Fotoreportage im Lepradorf Little Flower in Sundertore bei Raxaul/ Bihar im Norden Indiens an der Nepalesich-Indischen Grenze am Mittwoch, 18.02.2015

im Rahmen einer Fotoreportage im Lepradorf Little Flower in Sundertore bei Raxaul/ Bihar im Norden Indiens an der Nepalesich-Indischen Grenze am Donnerstag, 19.02.2015

im Rahmen einer Fotoreportage im Lepradorf Little Flower in Sundertore bei Raxaul/ Bihar im Norden Indiens an der Nepalesich-Indischen Grenze am Donnerstag, 19.02.2015