Aus Leidenschaft nicht verbrennen

Um Leidenschaft – von der Passion zur Obsession – drehte sich die Podiumsdiskussion in der Reihe „Disputationes“ kürzlich in der Kulisse Salzburg. Vor mehr als 100 Interessenten skizzierten Erzbischof Franz Lackner, Intendantin Nike Wagner und Psychiater Reinhard Haller ihre Ansichten.

Salzburg. Erzbischof Lackner wies auf die Bedeutung des „leidenschaftlichen“ Gehens als Pilger hin: „Es öffnet den Geist.“ Dabei sei das Unterwegssein wichtiger als das Ankommen, „auch Glauben heißt Unterwegssein“. Psychiater Haller: „Leidenschaft lässt einen brennen, man soll dabei aber nicht verbrennen.“

Intendantin Nike Wagner betonte, dass es ihr auch so gehe, dass sie mit Leidenschaft an einem Werk arbeite und enttäuscht sei, wenn es fertig ist. „Man kann einen Betrieb aber auch ganz ohne Leidenschaft führen“, sagte sie. Gerade in der Kunst gehe es darum, sie ernst zu nehmen und sich ergreifen zu lassen. Das Publikum, das in eine Aufführung komme, habe sozusagen ein Pilgerziel, gerade in Bayreuth werde dies deutlich. „Es gibt unzählige Leidenschaften, die man als individualisierte Triebe sehen muss“, meinte Psychiater Reinhard Haller. Das Wort „Obsession“ gefalle ihm in diesem Zusammenhang gar nicht, zu Leidenschaft gehöre eine gewisse Leichtigkeit dazu. „Mit Zwang hat das nichts zu tun, sondern mit Hingabe.“ Erzbischof Lackner meinte dazu, dass es auch in der Religion die Gefahr von Pathologien gebe. „Wir müssen uns heute die Frage stellen, wie es gelingen kann, ein Volk im Sinne Jesu zu werden?“ 

Eine positive Sicht zulassen

Dass der Mensch im Wettstreit leidenschaftlich aggressiv werden könne, das habe sich bei der Fußball-WM gezeigt, meinte Psychiater Haller. Dabei würden sich alle Elemente eines Krieges zeigen. „Auch in der Kunst muss man immer das Ende einer Veranstaltung abwarten“, sagte Nike Wagner. Ausufernde Begeisterung, bei der getrampelt werde, irritiere sie. Hingegen konterte Reinhard Haller: „Die Leidenschaft als positiver Motor der Gesellschaft wird viel zu wenig gesehen.“     

„Heute müssen wir angesichts des zunehmenden Populismus eine Wachsamkeit für Humanität  entwickeln und im Einzelfall Dramen sichtbar machen“, betonte Erzbischof Lackner. Mahatma Ghandi könne ein Vorbild sein. Und Nike Wagner rief dazu auf, wieder mehr auf die Worte zu achten – konkret auf Wortbildung und Vernebelung. wok

 

Bildtext: Diskutierten über Leidenschaft: Psychiater Reinhard Haller, Intendantin Nike Wagner, Moderator Iso Camartin und Erzbischof Franz Lackner (v. l.). Foto: Erzdiözese