Aus Liebe zum Leben

„Wir sind oft erstaunt, was eine Krebserkrankung bei den betroffenen Menschen auslöst“, sagt Krebshilfe-Psychoonkologin Martha Lepperdinger. Viele Menschen nehmen das Schicksal selbst in die Hand und sehen die Krankheit als Chance zur Veränderung.

Salzburg. Unser Schicksal können wir (meist) nicht bestimmen, wie wir damit umgehen allerdings schon. Der selbstbestimmte und bewusste Umgang mit dem Schicksal, also auch mit einer schweren Krebserkrankung, ist eine Möglichkeit, Erfahrungen und Ereignisse im Leben zu verarbeiten. Neuere Ansätze in der Psychoonkologie und Psychotherapie setzen hier an. „Mit gezielten Übungen und in Gesprächen mit den erkrankten Menschen versuchen wir, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu lenken und die Krebserkrankung zu akzeptieren“, berichtet Martha Lepperdinger aus dem Beratungsalltag.

„Nicht die Krankheit bestimmt dein Leben, du selbst bestimmst den Umgang mit der Krankheit. Du selbst hast es in der Hand, Entscheidungen zu treffen, dich zu freuen oder dich zu ärgern. Deine Aufmerksamkeit ist es, die deine Gedanken lenkt. Du ganz alleine entscheidest dich, traurig oder glücklich zu sein“, sagt auch der Geschäftsführer der Krebshilfe Stephan Spiegel. „Es ist also die Bereitschaft, selbst darauf zu verzichten, sich gegen den Schmerz oder gegen ungewollte Ereignisse real oder gedanklich aufzulehnen, sie zu bekämpfen oder irgendwie verändern zu wollen.“ Das bedeutet, dass erkrankte Menschen die Krebserkrankung zunächst einmal akzeptieren müssen. Wenn Patienten gelernt haben, dass Akzeptanz nicht Resignation bedeutet, wird der Umgang mit der Erkrankung besser. „Das ist natürlich nicht leicht, gelingt es aber, die eigene Sicht auf die Erkrankung zu verändern, fühlen sich die meisten Patienten wohler“, erläutert Lepperdinger. Es ist also ein ehrlich gemeintes Ja zu dem was ist und kein Verdrängen der Erkrankung. Mit dieser Haltung wird die Krebserkrankung Teil des Lebens. Die Frage nach dem Warum spielt keine Rolle mehr. „Ich vergleiche das oft mit dem Bild einer Meereswelle. Man kann gegen diese vergeblich anschwimmen, oder man lernt, auf ihr zu surfen“, so Lepperdinger.

Mehr Energie durch mutige Schritte

Spiegel erinnert sich an eine Patientin, die ihr Leben durch die Erkrankung komplett verändert hat. Die Frau beschrieb ihr Leben vor der Erkrankung als sehr unglücklich und unerfüllt. Ihre eigenen Wünsche konnte sie nicht umsetzen und ihr Leben wurde immer durch andere bestimmt. Aufgewachsen ist sie in einer Familie, in der Frauen nur eine Aufgabe hatten: Sie mussten funktionieren, den Haushalt erledigen und immer da sein, wenn man sie brauchte. Die Frau beschrieb ihr Dasein als stark abhängig, unterdrückt und sich selbst als zu schwach, um etwas dagegen zu tun. Erst die Diagnose Krebs und der damit verbundene Schock lösten diese Sichtweise auf. Sie erkannte, dass sich etwas ändern muss. Sie nahm die Erkrankung zum Anlass, ihr Leben zu ordnen und ihre Wünsche zu äußern. Sie stellte sich im wahrsten Sinne des Wortes auf „neue Füße“ und begann zu kämpfen. Gegen die Krankheit und für ihr neues selbstbestimmtes und von Glück erfülltes Leben. Sie wollte ab sofort nicht mehr hilflos sein und sich ausgenutzt fühlen. Entscheidend waren die Geburt ihres Enkelkindes und die große Hoffnung auf ein gutes Leben. Daraus schöpfte sie neue Energie und fasste den Entschluss, dem Kind noch lange eine liebevolle Oma sein zu wollen. Dieser Glücksmoment veränderte ihr Leben. „Die Frau hat neuen Mut, sie fand ihr Glück und freut sich heute an den vielen Kleinigkeiten, die sie mit dem Enkelkind erleben darf“, erzählt Spiegel.

Für die Krebshilfe zeigt sich immer wieder, wie wichtig es ist, die Hoffnung und den Mut nicht zu verlieren bzw. diese zu finden. Dass dies für ganz viele Menschen nicht leicht ist, ist nachvollziehbar. „Wir sind aber da, um den Menschen dabei zu helfen, ihnen Hoffnung zu schenken und gemeinsam für das Leben zu kämpfen. Es lohnt sich! Aus Liebe zum Leben“, macht Spiegel allen Mut, trotz einer schweren Erkrankung den positiven Blick nicht zu verlieren. 

 


Die Österreichische Krebshilfe ist gerne auch für Sie da. Beratungstelefon: 0662/873536, Mail: beratung@krebshilfe-sbg.at. Weitere Informationen zur Krebshilfe Salzburg finden Sie im Internet: www.krebshilfe-sbg.at

 

Foto (Daniel Stricker/pixelio.de): Jedes Jahr begleitet die Krebshilfe Salzburg mehr als 1.000 krebskranke Menschen oder deren Angehörige in einer sehr belastenden Situation. „Die Reaktionen auf die Erkrankung sind so vielfältig wie die Menschen selbst“, berichtet Krebshilfe-Geschäftsführer Stephan Spiegel. „Sie reichen von großer Wut, Ratlosigkeit, Hadern, Traurigkeit, Hilflosigkeit oder dem völligen Rückzug bis hin zu einer sehr aktiven, ja sogar positiven Auseinandersetzung mit der Erkrankung.“