Besuch im „Anderland“

Ausbildung. Von der Warm-satt-sauber-Pflege hält Andrea Sigl nichts. Viel lieber sei ihr „gewünschtes Chaos“ – im Sinne von, hier wird gelebt. „Die Leute sollen sein dürfen und nicht aufbewahrt werden. Darauf liegt der Hauptfokus“, stellt die Leiterin des Salzburger Seniorenwohnhauses Hellbrunn klar. In „ihrem“ Haus geht  der nächste Kurs für Begleiterinnen und Begleiter alter, kranker oder beeinträchtigter Menschen über die Bühne. „Bei uns gehen viele Ehrenamtliche ein und aus. Sie gut zu unterstützen ist mir sehr wichtig. Im Lehrgang des Seelsorgeamtes ist alles drinnen, was es dafür braucht.“

Salzburg. Andrea Sigl ist nicht nur Gastgeberin für die Ehrenamtlichen-Ausbildung, sie ist auch Referentin. In ihrem Modul nimmt sie die TeilnehmerInnen ins „Anderland“ mit. „Wir sind an Normen gewöhnt und finden es nicht passend, wenn sich jemand in einer ,anderen‘ Welt wohl fühlt.“ Sigl erzählt von einem 97-Jährigen, der am liebsten Leberkässemmerl isst. „Gesund ist das nicht. Sollen wir also sagen: Stopp, diese Mangelernährung dürfen wir nicht zulassen?“ Ihre Aufgabe sieht die Seniorenheimleiterin nicht darin. „Mein Job ist es, Sprachrohr zu sein, die Menschen so zu begleiten, dass sie ihre Wünsche weiter leben können.“ Sie verdeutlicht das an einem weiteren Beispiel: „Eine Bewohnerin wäscht sich gerne draußen am Brunnen. Da hieß es schnell von Seiten einiger Senioren: Das geht doch nicht.“ Die alte Frau fühle sich aber wohl. Sie habe lange auf einer Alm gelebt „und glaubt, sie ist noch immer dort“.  Wie die Individualität des Einzelnen schützen und gleichzeitig schauen, dass es für die Gruppe gut ist? „Diese Frage stellt sich andauernd“, unterstreicht Sigl und verrät, dass Antworten halt manchmal unorthodox ausfallen müssen. „Ich hab im Fall der alten Dame einfach ein großes Laken als Sichtschutz aufgehängt.“ 

Sich einlassen können, selber in den Hintergrund treten, alte wie demente Menschen als Erwachsene mit eigenem Willen behandeln und nicht vorschnell über ihren Kopf weg Entscheidungen treffen. Darum geht es Andrea Sigl und das will sie den KursteilnehmerInnen mitgeben. „Das ist sicher der schwierigere, dafür aber der wertschätzende Weg.“ Auf einer Linie ist sie dabei mit Eva-Maria Wallisch, der Lehrgangs-Organisatorin und Referentin für Altenpastoral in der Erzdiözese, die ebenfalls deutlich macht: „Menschen mit Demenz sind nicht bescheuert.“      

Magische Momente erkennen

Gesprächsführung ist ein Kursinhalt, der anhand von Rollenspielen geübt wird. Wie steige ich ins Gespräch ein? Oder genau andersrum: Wie kann ich es wieder lösen?  „Der noch weit verbreitete Anspruch ist: Nach meinem Besuch muss es ihr oder ihm gut gehen. Doch es kann sein, dass mein Gegenüber weint.“ Das heiße nicht, so Wallisch, „ich bin gescheitert“. Mit den Menschen ein Stück des Weges gehen, bedeute auch, sie in ihrer Trauer ernst zu nehmen. Lachen und weinen gehöre beides in diese magischen Momente, die sie selber erlebe und von denen ihr Ehrenamtliche berichten.  

Den Lehrgang sehen Andrea Sigl und Eva-Maria Wallisch als Befähigung und als Dankeschön an die Ehrenamtlichen. „Das Angebot richtet sich an Leute, die mitten in der Arbeit drinnen sind, genauso an pflegende Angehörige oder Mitglieder pfarrlicher Besuchsdienste.“ Die Rückmeldungen von AbsolventInnen vorangegangener Kurse jedenfalls zeigen, dass die Wissensvermittlung nah an der Praxis ist. Der wohl am öftesten ausgesprochene Satz lautet:  „Wenn ich das nur früher gewusst hätte.“  

TIPP: Ausbildung für Begleiterinnen und Begleiter alter, kranker oder beeinträchtigter Menschen. Der nächste Kurs, eine Kooperation von Seelsorgeamt mit dem Seniorenwohnhaus Hellbrunn, startet im November mit einem Einführungsmodul. 

∗ Kursort: Haus Freisaal/Seniorenwohn-haus Salzburg-Hellbrunn

∗ Kursdauer: Nov. 2017 bis September 2018

∗ Kosten: 250 Euro  Selbstbehalt

∗ Anmeldungen: Sekretariat Referat für Altenpastoral, 0662/8047-2074 oder maria.herbst@seelsorge.kirchen.net

Foto (Wallisch-B.): Begleiten heißt, ein Stück des Weges  mitgehen.