„Beten ist zuhören“

Einsiedelei. Seit anderthalb Jahren wohnt der Belgier Stan Vanuytrecht in der Einsiedelei im Pinzgau. Im Oktober geht die Saison am Palfen zu Ende, der Einsiedler zieht in den Ort. Im Gespräch mit dem Rupertusblatt erzählt er von seinen Winterplänen, dem Zauber der Stille und seiner Berufung.

RB: Sie leben von Ende April bis Ende Oktober in der Einsiedelei. Wohin verschlägt es Sie in den Wintermonaten? 
Vanuytrecht: Ich wohne in Saalfelden oder besuche meine Familie in Belgien. Meine Eltern sind beide 90 Jahre alt und ich möchte mich um sie kümmern. Meine beiden Kinder und drei Enkelkinder sind auch in Belgien, ich besuche sie alle. Zu Weihnachten bin ich in Saalfelden, am 24. Dezember ist eine Weihnachtsandacht auf der Einsiedelei, da kommen viele Leute.

RB: Was gefällt Ihnen am Leben in der Einsiedelei?
Vanuytrecht: Es ist ein primitives Leben. Ich habe abends eine Kerze und Öllampe als Beleuchtung und wasche mich mit dem Regenwasser, mit dem ich auch Blumen gieße. Ich mag dieses einfache Leben, weil man zu sich selbst kommt und sich kennen lernt. In der Stille hast du Zeit auf Gott zu hören. Beten ist zuhören für mich. In der Einsiedelei sind das Gefühl und die Intensität des Betens ganz anders als im Wohnzimmer in Belgien. Auf diesem Berg fühle ich mich nah zu Gott.

RB: Wie sind Sie zur Entscheidung gekommen, 2005 die Ausbildung zum Diakon zu machen?
Vanuytrecht: Meine Frau wurde psychisch krank und es war ein Leidensweg von fünfzehn Jahren. Ich habe untertags als Landvermesser und nachts als Sanitäter gearbeitet, weil ich auch noch für zwei Kinder sorgen musste. Irgendwann kam der psychische Zusammenbruch. Um mich zu beruhigen habe ich mich in eine Kirche gesetzt – ich war damals gar nicht gläubig – und habe mich von der Stille umgeben lassen, versucht meine Batterie aufzuladen. Als Landvermesser habe ich nur das geglaubt, was ich sehen und vermessen konnte. Dann habe ich mich gefragt, ob es nicht doch auch Dinge gibt, die man nicht sehen kann. Einmal hat mich ein drogensüchtiger Junge im Krankenwagen gebeten seine Hand zu halten. Von dem Jungen war nichts mehr übrig, er war auf Entzug auf dem Weg zum Krankenhaus – er hatte Angst. Normalerweise dürfen wir die Patienten nur mit Handschuhen angreifen, aber ich habe seine Hand einfach gehalten. „Warum hab ich das getan?“, habe ich mich gefragt. Aus Liebe. Und diese Liebe kam von jemandem anderen als von mir. Ein Satz aus der Bibel ist mir eingefallen: „Was du für den Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du für mich getan.“ Nachdem ich das erlebt habe, wurde mir gesagt, dass das meine Berufung ist. Ich habe mit der Ausbildung zum Diakon begonnen und Theologie in Löwen studiert. Es ist gar nicht so ohne mit 50 wieder zu studieren.

RB: Planen Sie noch lange zu bleiben? 
Vanuytrecht: Ja, noch sehr lange! Es gefällt mir hier sehr. Ich fühle mich willkommen. Wenn ich mich an einem Ort wohl fühle, dann fühle ich mich auch zuhause. 

 

Foto: Pfeife rauchend. So trifft man den Belgier „Bruder Stan“ Vanuytrecht am Palfen an. Dort führt der Diakon als Einsiedler ein naturverbundenes und einfaches Leben. Foto: lsg

 

Hintergrund: 

Die Einsiedelei Saalfelden auf 1.006 m wurde im 17. Jahrhundert in den Felsen oberhalb des Schlosses Lichtenberg gebaut und verfügt über eine kleine Kapelle. Sie ist eine der letzten bewohnten Eremitagen der Welt. Einheimische und Besucher schätzen die Einsiedelei als Ort der Ruhe.