„Da ist etwas, das dich betrifft“

„Unwissende lehren“ ist das zweite Werk der Barmherzigkeit. Es bedeutet, einen anderen mit der Weisheit seiner eigenen Seele in Berührung zu bringen.

P. Anselm Grün OSB

Wir sagen manchmal, ein anderer würde sich als Lehrer aufspielen, er würde uns immer belehren. Das ist für uns eher unangenehm. So dürfen wir das zweite geistige Werk der Barmherzigkeit nicht verstehen. Unwissend ist ein Mensch, der noch nicht gesehen hat, der etwas nicht gesehen hat. Und lehren kommt von einer gotischen Wurzel „lais“, die bedeutet: „Ich weiß, ich habe gesehen, ich habe nachgespürt“. Unwissende lehren heißt also nicht, dass ich mich über den andern stelle. Vielmehr geht es darum, dem, der etwas nicht gesehen hat, die Augen zu öffnen, gleichsam zu sagen: „Schau, sieh her. Da ist etwas, das dich betrifft, das wichtig für dich ist.“ Ich belehre nicht, sondern ich zeige ihm etwas, damit er es mit eigenen Augen anschaut.

Wie ein Lehrer

Wir können auch sagen, die Aufgabe des Lehrers in der Schule ist ein Werk der Barmherzigkeit. Er möchte den Schülern und Schülerinnen, die unwissend sind, die Augen öffnen, damit sie mehr sehen, damit sie besser sehen. Lehren ist vor allem eine Augenschule. Lehren geschieht jedoch normalerweise über das Wort. Die Worte sind wie Schlüssel, die die Augen öffnen. Aber damit Worte die Augen öffnen, bedarf es des Gesprächs und nicht des Geredes.

„Reden“ und „sprechen“

Wir unterscheiden im Deutschen zwischen „reden“ und „sprechen“. Reden heißt: etwas begründen, etwas rechtfertigen. Doch im Reden liegt die Gefahr, dass wir auf den andern einreden, ihn überreden, ihm etwas bereden. Wenn wir viel reden, gibt es nur ein Gerede.
Sprechen kommt von „bersten“. Es bricht aus mir heraus. Ein Gespräch entsteht nur, wenn ich spreche, wenn meine Worte aus dem Herzen kommen. Dann belehre ich nicht, sondern wir sprechen miteinander. Wir führen nicht nur ein Gespräch, sondern, wie Friedrich Hölderlin das ausgedrückt hat: Wir werden ein Gespräch.

Wie eine Hebamme

Der griechische Philosoph Sokrates hat das Lehrersein als Hebammenkunst verstanden. Wie eine Hebamme die Geburt des neuen Menschen unterstützt, so hilft der Lehrer mit seinen Fragen, dass der Schüler die Welt mit neuen Augen sieht und so innerlich erneuert wird. Sokrates hat die richtigen Fragen gestellt. Das deutsche Wort Frage kommt von „Furche“. Sokrates hat den andern nicht ausgefragt, sondern eine Furche in den Acker seiner Seele gegraben, damit sein Acker Frucht trägt. Auf die Frage sollen wir antworten. Antwort kommt von „anti“, das meint: Im Angesicht des andern gebe ich ihm ein Wort, nicht ein Wort, das ihn belehrt, sondern das ihn in Berührung bringt mit der Weisheit seiner eigenen Seele. Wenn wir auf diese Weise lehren, die Augen öffnen für die Weisheit, die in jedem schon bereitliegt, dann vollziehen wir ein Werk der Barmherzigkeit.
Den Unwissenden lehren heißt, Worte des Lebens zu sprechen, die das Leben im andern hervorlocken.
Der Dichter Ernst Hello sagte einmal:
„Wer ein Wort des Lebens besitzt und es nicht weitergibt, der gleicht einem Menschen, der zur Zeit der Hungersnot Korn im Speicher hat und die Hungrigen an seiner Schwelle umsinken lässt.“

Worte schenken

Ich kann dem andern nur Worte des Lebens geben, wenn ich sie selbst erprobt habe, wenn mir diese Worte selbst Leben geschenkt haben. Solche Worte weiterzuschenken, ist ein Werk der Barmherzigkeit.

Lehren ist eine Furche in den Acker der Seele gra- ben. Foto: Fotalia/Dusan Kostic