Das verborgene Gesicht

Die Not vor unserer Haustür sichtbar machen wollte die Caritas Salzburg rund um den Welttag der Armut. Direktor Johannes Dines lud zu einem ganz speziellen Stadtspaziergang durch die Mozartstadt. 

 

 

Salzburg. Bunt, niederschwellig – so beschreibt Caritas-Direktor Johannes Dines das Miteinander im Haus Franziskus, der Notschlafstelle im Schallmooser Gewerbegebiet. 70 Menschen bekommen hier eine warme Mahlzeit, einen Schlafplatz, bevor sie am nächsten Morgen wieder auf die Straße müssen. Damit ist die Situation besser als noch vor einem Jahr, doch an die 30 Plätze fehlen im Winter immer noch. Abgesehen von der Finanzierung gebe es keine Prob-leme – und wenn, steht eine Sozialarbeiterin auf Abruf bereit. Der Ansatz der Caritas ist klar: „Wenn wir etwas machen, dann wollen wir den Menschen würdig begegnen.“

Das Familienzimmer ist selten, aber doch belegt. „Aus dem System kippt man schnell“, weiß Dines. „Es braucht nur eine Delogierung, eine Trennung, Arbeitslosigkeit und schon ist man im Teufelskreis aus zu geringem Einkommen und zu hohen Mieten.“ Jeder siebte Mensch in Österreich ist von Armut betroffen, kann die Wohnung nicht ausreichend heizen, sich kein nahrhaftes Essen und keine neue Kleidung leisten. „Man rechnet gar nicht damit, wie viele das sind.“ Denn Armut bleibt im Alltag oft versteckt – aus Scham. Existenzsorgen und Nöte spielen sich meist hinter verschlossenen Türen ab. In einer akuten Notsituation finden Betroffene im Haus Franziskus kurzfristig Unterschlupf. 

Zurück in den Arbeitsmarkt 

Im unteren Bereich des Hauses stapeln sich in einer Lagerhalle Kartons mit Hygieneprodukten und mit Gewand. 80 Tonnen Kleidung durchwandern im Jahr den Raum, ein Vielfaches mehr landet übrigens im Restmüll. „Kleider sammeln nur um Kleider zu sammeln interessiert uns nicht“, sagt Dines und erklärt den eigentlichen Zweck: Neben der Umwelt geht es ihm darum, Arbeitsplätze für eine Zielgruppe zu schaffen, die besonders unter Druck steht: Langzeitarbeitslose 50+. Sie sind besonders gefährdet, einmal von Altersarmut betroffen zu sein. Frauen fast doppelt so sehr wie Männer. Sechs Menschen haben hier eine Anstellung, sortieren Kleider, managen, wie es mit diesen weiter geht. Ein Teil der Kleidung wird in der Notschlafstelle ausgegeben, ein anderer in den Flüchtlingshäusern der Caritas. Die schönsten Stücke werden in einem der vier carla-Second-Hand-Shops in Salzburg und dem Tiroler Unterland verkauft, um andere Projekte zu finanzieren. Dabei sind die carla-Läden selbst ein Projekt, das Dines sehr am Herzen liegt. 

Frauen und Männer über 50 finden in den carla-Geschäften einen Arbeitsplatz. Eine individuelle Begleitung soll sie dabei unterstützen, spätestens nach einem Jahr beruflich wieder Fuß zu fassen. 25 sind derzeit in diesem Reintegrationsprojekt beschäftigt. „Menschen brauchen eine Entwicklungsperspektive“, sagt der Caritas-Direktor beim Lokalaugenschein in der Gaswerkgasse 11. Im carla Lehen gibt es ein breites Angebot an Mode, Bücher, Küchenutensilien, Spielwaren oder Sportartikeln zu entdecken. Gebraucht, aber in gutem Zustand und nachhaltig.

Zivilgesellschaft übernimmt 

Im Raum daneben sind Freiwillige gerade dabei, Sachspenden zu sortieren – Duschgel, Windeln, Nahrungsmittel. Mit der Caritas-Aktion „Über den Tellerrand“ fängt die Zivilgesellschaft auf und übernimmt eine Umverteilung, die eigentlich Angelegenheit der Regierung wäre, erklärt Dines. Er beob-achte mit Sorge die massiven Einsparungen, die die oberösterreichische Landesregierung kürzlich im Sozialbereich vorgenommen hat und die  vermutlich bald auf Bundesebene nachgemacht werden. „Verteilungskonflikte trägt man auf dem Rücken der Ärmsten aus. Die Mittelschicht wird dünner, die Ängste größer, die Solidarität in der Gesellschaft bricht auseinander. Wir können nicht nur die Symptome bekämpfen, es muss sich die Struktur ändern.“ Stolz mache ihn aber, wenn er sieht, wie viele sich als Freiwillige einbringen, Grenzen überwinden, in Kontakt kommen und ihren Blick ändern. Allein im Haus Franziskus beteiligen sich mit der Kleidungsausgabe, dem Kochen und den Nachtdiensten 110 Ehrenamtliche.

Fotos (Sandra Bernhofer): Unterkunft  im Haus Franziskus, Arbeit im carla-Laden: Die Caritas begegnet der Armut mit verschiedenen Angeboten.